Tausche Wohnen gegen Bildung: "Ein Freund zum Lernen"
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Tausche Wohnen fuer Bildung: "Ein Freund zum Lernen"
Modellprojekte mit Studierenden und Lernpaten kennen nur Gewinner
Bremen, Duisburg (epd).

Schon der Eingangsbereich in der Neuen Oberschule im Bremer Stadtteil Gröpelingen wirkt modern, stylish. Von dort geht es ein paar Treppen hoch, in die Jahrgangsebenen: Klassenräume, die sich durch Fenster und verglaste Türen zu den Fluren mit Arbeitsplätzen öffnen, die hier Marktplätze heißen. Ein Blick in die Klassen zeigt: Diese Schule hat sich vom Frontalunterricht verabschiedet. Dafür gibt es individuelle Lernplätze - und Teams mit jungen Leuten, die man unter diesem Titel nur in Bremen findet: Studyfriends.

Thomas Thorwarth ist einer von ihnen. Der 22-jährige Student der Kulturwissenschaften ist aus dem südniedersächsischen Gifhorn an die Uni nach Bremen gekommen und sitzt heute in der 5a von Klassenlehrer Dirk Brandes. Noch wuseln alle Schülerinnen und Schüler durch den Raum, bis langsam zarte Klavier-Klänge durchdringen - die Titelmelodie aus dem Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Das ist das Zeichen, ein Ritual: Der Schultag geht los, alle versammeln sich im Kreis. Thomas Thorwarth bittet Nachzügler in die Runde, setzt sich dazu.

WG-Zimmer fast umsonst

Studyfriends, das ist ein Sozial- und Bildungsprojekt mit Profit für alle Seiten: Studierende wie Thomas Thorwarth brauchen bezahlbaren Wohnraum, sie erhalten fast umsonst ein WG-Zimmer, nur Nebenkosten, Internet, Strom und Rundfunkbeiträge müssen sie finanzieren. Im Gegenzug helfen sie Schülerinnen und Schülern 20 Stunden im Monat im Unterricht und bei Hausaufgaben, meist fünf Stunden an einem Tag in der Woche. Gesponsert wird das Ganze von drei Wohnungsbaugesellschaften. Weiteres Geld kommt aus der Bremer Kindergeldstiftung und dem Startchancen-Programm des Bundesbildungsministeriums.

Vor knapp fünf Jahren gingen die ersten Studyfriends in Bremen an den Start, seither wächst das Projekt. „Aktuell helfen 17 Studierende an fünf Schulen“, sagt Koordinatorin Lina Schnabel vom Trägerverein „NaturKultur“.

Die Schülerinnen und Schüler der 5a ziehen sich jetzt zum Schreiben deutscher Texte an ihre Arbeitsplätze zurück. Jeder kann sein eigenes Niveau wählen: Abschreiben, abschreiben und einen Lückentext ausfüllen oder selbst einen kleinen Text formulieren. Thomas Thorwarth setzt sich zu Johannes, der sich für den Lückentext entschieden hat. Der Student unterstützt ihn mit kleinen Fragen, geduldig. Langsam geht es voran. „Thomas ist total nett“, schwärmt Johannes, der sich über die Hilfe bei der Bewältigung der Aufgabe freut.

Beziehung, Anerkennung und Vorbild

Etwa 500 Schülerinnen und Schüler besuchen in den Klassenstufen 5 bis 10 die Neue Oberschule Gröpelingen, davon 80 Prozent mit Migrationsgeschichte. Die Ganztagsschule, die auch inklusiv arbeitet, steht in einem Stadtteil mit einer hohen Armuts- und Erwerbslosenquote. Ein sozialer Brennpunkt, wie es heißt. Ein Begriff, den Schulleiterin Martina Semmler nicht mag. „Ich schaue auf unsere Kinder - und die sind ganz wunderbar“, beschreibt die Chefin den verbindenden Spirit in ihrem 80-köpfigen Schulteam. Hier gehe es in der Hauptsache um Beziehungsarbeit. „Die Schule ist für viele Kinder und Jugendliche ein Zuhause.“

Die Studyfriends sind in den Klassen, in denen alle auf Socken oder mit Hausschuhen unterwegs sind, ein Bindeglied zwischen Lehrkräften und Schülern. Sie bewerten nicht, sind auch vom Alter her an den Themen der Kinder und Jugendlichen näher dran.

„Hier sind viele auf der Suche nach Beziehung und Anerkennung, die finden sie auch bei den Studierenden, die ganz anders motivieren können“, sagt Klassenlehrer Dirk Brandes. Und die Studyfriends seien Vorbilder für gelungene Bildungsbiografien. Schüler Vladimir, der unter den Schülern mit seiner offensiven Art schon in der Morgenrunde auffällt, formuliert es so: Thomas sei „ein Freund zum Lernen“.

Pioniere in Nordrhein-Westfalen

Eine ähnliche Initiative gibt es in Bremerhaven unter dem Titel „Bildungsbuddies“. Vorbild für Bremen war aber auch der nordrhein-westfälische Verein „Tausche Bildung für Wohnen“, der 2015 mit Bildungspatinnen und -paten seine Arbeit aufgenommen hat, zunächst in Duisburg-Marxloh, mittlerweile in fünf weiteren Städten. Hier helfen keine Studierenden, sondern junge Leute, Lernpaten, die einen Bundesfreiwilligendienst absolvieren. „Wir unterstützen überwiegend in außerschulischen Lern- und Begegnungsräumen des Projektes“, sagt Initiatorin Christine Bleks. Was alle Projekte gemeinsam haben: Kinder aus benachteiligten Familien erhalten individuelle Förderung und verlässliche Bezugspersonen.

Luca Hasbach ist einer der „alten Hasen“ unter den Bremer Studyfriends. „Ich bin super zufrieden“, sagt der 22-Jährige, der aus der Nähe von Köln für ein Politikstudium nach Bremen kam und seit fast vier Jahren dabei ist. Mittlerweile studiert er, auch angeregt durch die Schule, Deutsch und inklusive Pädagogik auf Lehramt.

Sinn und Bestätigung

Von Anfang an hat er die Klasse von Stefan Neidhard begleitet, von der fünften Jahrgangsstufe bis jetzt in die 8c. „Die Kids kennen mich - und ich die Kids“, sagt er. „Das macht einfach Sinn und gibt Bestätigung.“ Und auch, wenn es mal laut und anstrengend sei, bekomme er trotz gebotener Distanz so viel Wärme von den Kids: „Das ist es, was am Abend eines Studyfriend-Tages im Bauch und im Kopf zurückbleibt.“

Unter dem Strich, das sagen an diesem Tag alle in der Gröpelinger Schule, gibt es eben nur Gewinner. „Eigentlich“, findet Deutschlehrer Dirk Brandes, „müsste jede Klasse einen Studyfriend haben. Und das nicht nur einen Tag in der Woche.“

Von Dieter Sell (epd)