Selbstbestimmt ins neue Heim: So gelingt ein Wohnungswechsel im Alter
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Selbstbestimmt ins neue Heim: So gelingt ein Wohnungswechsel im Alter
Vechta (epd).

Großer Garten, steile Treppen und viele Zimmer: Mit fortgeschrittenem Lebensalter kann das vertraute Zuhause zur Last werden. Wer sich rechtzeitig Gedanken über eine Veränderung macht, kann selbstbestimmt entscheiden und neue Lebensfreude gewinnen, sagt die Alterswissenschaftlerin Manuela Schulz von der Universität Vechta. Die Gerontologin, die im Rahmen ihrer Promotion zum Wohnen im Alter geforscht hat, verrät, wie Seniorinnen und Senioren sorgenfrei umziehen und gut im neuen Heim ankommen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Veränderung?

Einen allgemeingültigen Stichtag gibt es nicht, doch frühes Handeln schützt vor überstürzten Schritten im Notfall. Ideal sind Übergangsphasen wie der Auszug erwachsener Kinder oder der Eintritt in den Ruhestand. „Wer frühzeitig ungenutzte Gegenstände aussortiert und den Hausstand verkleinert, nimmt einem späteren Umzug den Schrecken“, sagt Schulz. Zudem brauche es Zeit, um am neuen Wohnort Kontakte zu knüpfen und ein Heimatgefühl zu entwickeln.

Worauf kommt es bei der Auswahl der neuen Wohnung an?

Die neue Bleibe sollte barrierearm sein, selbst wenn die Mobilität zum Zeitpunkt des Umzuges noch uneingeschränkt ist. Neben stufenlosen Eingängen und einer ebenerdigen Dusche zählt für Schulz das seelische Wohlbefinden: Gartenliebhaber könnten sich mit Balkon oder Hochbeet Lebensqualität bewahren, für andere sei eine gute Verkehrsanbindung unverzichtbar, erläutert die Alterswissenschaftlerin. „Vertraute Möbelstücke und liebgewonnene Erinnerungen sollte man unbedingt mitnehmen“, rät Schulz. Sie gäben in fremder Umgebung emotionalen Halt.

Welche Rolle spielen Kosten und Eigentum bei der Suche?

Ein Wechsel in ein kleineres Zuhause bedeutet keineswegs automatisch geringere Wohnkosten. Wer lange im Eigentum oder in Altverträgen lebte, muss für moderne Apartments oft höhere Summen aufbringen. Schulz warnt: „Begrenzte finanzielle Mittel können die Auswahl stark einengen und bestehende soziale Unterschiede im Alter noch verstärken.“ Während Mietende vor allem auf Bezahlbarkeit achten müssten, wählten bisherige Eigentümer eher nach Lage und Nähe zu Angehörigen aus.

Wie wirkt sich ein Umzug auf die Selbstständigkeit aus?

Ein passendes Umfeld hilft älteren Menschen, ihre Selbstständigkeit länger zu bewahren. Bei Menschen in ihrem sechsten oder siebten Lebensjahrzehnt bleiben die praktischen Fähigkeiten nach einem Wohnungswechsel weitgehend stabil, zeigt eine Auswertung des Deutschen Alterssurveys, der maßgeblichen Erhebung zur Situation älterer Menschen, durch Gerontologin Schulz. Bei über 80-Jährigen stoppe ein Umzug oft den vorherigen Kräfteverfall: „Die Alltagsbewältigung stabilisiert sich in der neuen Wohnung, in manchen Fällen erholen sich verloren geglaubte Fähigkeiten sogar wieder“, führt die Forscherin aus.

Was erleichtert das Einleben in der neuen Umgebung?

Entscheidend für ein rasches Wohlfühlen sind Selbstbestimmung und vertraute Gewohnheiten. Menschen finden sich nach Erkenntnissen von Schulz am besten zurecht, wenn sie die Entscheidung freiwillig treffen und die Räume mitgestalten. Routinen, Hobbys und Rituale müssten weiter ihren Platz behalten. Ein bewusst erlebter Übergang, der auch das Abschiednehmen zulasse, helfe dabei, die eigene Identität nahtlos in das neue Zuhause mitzunehmen, erklärt die Gerontologin.

Wie können Angehörige unterstützen, ohne zu bevormunden?

Familie und Freunde sollten praktisch anpacken, Entscheidungen aber den Betroffenen überlassen. Schulz rät zu offener Kommunikation auf Augenhöhe: „Beim Umzug selbst gilt: unterstützen statt bestimmen.“ Kinder dürften Sorgen vor Stürzen ansprechen, Eltern wiederum den Wunsch, niemandem zur Last zu fallen. Angehörige können beim Packen helfen oder Fahrdienste übernehmen. Das gemeinsame Sortieren von Erinnerungsstücken biete zudem wertvolle Momente, Erinnerungen miteinander zu teilen.

Was tun, wenn Betroffene ihr gewohntes Heim nicht verlassen wollen?

Verweigert jemand den Auszug, sollten zunächst die Gründe analysiert werden, rät Schulz. Oft stecke dahinter das mühsam aufgebaute Lebenswerk. Häufig lasse sich die Lage bereits durch den Abbau von Barrieren oder den Umbau in zwei Wohnungen entschärfen. Symbolische Gesten wie ein Fotobuch zur Hausgeschichte oder die Übergabe an Jüngere können den Abschied erleichtern. „Ob Gehen oder Bleiben letztlich der bessere Weg ist, lässt sich nur im Gespräch und mit Respekt vor den Gefühlen der Menschen klären, die vor dieser Entscheidung stehen“, betont Schulz.

Von Daniel Behrendt (epd)