Der Kick gegen Parkinson
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Der Kick gegen Parkinson
Beim Kickboxen trainieren Erkrankte Kraft, Balance und Reaktion
Lüneburg, Hamburg (epd).

Wilfried Holtmann, 82, steht in Sportkleidung und Socken auf dem elastischen Hallenboden und schlägt zu. Rechte Gerade, linke Gerade, langsam und konzentriert. Mit klatschendem Geräusch treffen die Boxhandschuhe abwechselnd auf zwei Pratzen, die sein Gegenüber hochhält. Danach übt Holtmann vorsichtig Tritte, wiederum gegen Polster in der Hand seines Trainingspartners.

Im Lüneburger Kampfsportstudio „Hard Workers Club“ findet einmal in der Woche ein besonderes Training statt: Kickboxen für Menschen mit Parkinson-Diagnose. „Bei Parkinson ist jede Art von Bewegung förderlich“, erläutert die Initiatorin des Kurses, „Parkinson Nurse“ Beate Schönwald. Aber gerade Kickboxen vereine viele Vorteile, erläutert die Pflegefachkraft mit spezieller Weiterbildung: „Neben Kraft und Balance werden auch Reaktion, Aufmerksamkeit und das Zusammenspiel von Bewegungen trainiert.“

Training fördert Gleichgewicht und Körperkontrolle

Der Kurs läuft seit Mai. Das Alter der rund 15 Teilnehmenden liegt zwischen Mitte 50 und Anfang 80. „Man merkt, wie sie sich in den drei Monaten entwickelt haben“, sagt Studiobetreiberin und Trainerin Janine Baden. Erkennbar sei das zum Beispiel an den schnelleren Bewegungen.

Wilfried Holtmann ist an diesem Tag zum ersten Mal dabei. Seine Neurologin im Lüneburger Klinikum hat ihm das Training empfohlen. Der erste Eindruck des Seniors von der Probestunde: „Es hilft mir bei der Konzentration aufs Gleichgewicht.“

Ein anderer Teilnehmer, der seit 15 Jahren mit Parkinson lebt, sieht das Training als „gute Ergänzung zur Krankengymnastik“. Es fördere Stabilität und Körperkontrolle. Mit Kampfsport habe er vorher nie zu tun gehabt, erzählt der 55-Jährige und fügt lachend an: „Meine Frau wollte im ersten Moment nicht glauben, dass ich nun zum Kickboxen gehe.“

Mehrheitlich Männer betroffen

Mehr als 400.000 Menschen in Deutschland, in der Mehrzahl Männer, seien von Parkinson betroffen, erläutert Beate Schönwald. Morbus Parkinson ist eine chronische neurologische Erkrankung, die mit Bewegungsverlangsamung, Muskelsteifheit, Zittern und Gleichgewichtsproblemen einhergeht. Heilbar ist sie bisher nicht - aber gut behandelbar, etwa mit Medikamenten oder operativen Verfahren.

Schönwald ist selbst Kickboxerin, fing 2019 mit dem Sport an, trägt heute den braunen Gürtel. Beruflich ist die 52-Jährige an der Parkinson-Tagesklinik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf tätig. 2021 verknüpfte sie professionelles und sportliches Interesse und bot erstmals Kickboxen für Parkinson-Patienten an: „Das gab es in Deutschland bis dahin nicht.“ Derzeit trainieren Gruppen in Hamburg, Hittfeld (Landkreis Harburg) und Lüneburg. Auch Hannover solle bald dazukommen, so Schönwald. Im November wird sie für ihre Kickbox-Mission den Engagementpreis der Deutschen Gesellschaft für Neurologie entgegennehmen.

Parkinson-Programme in immer mehr Sportarten

Stärker verbreitet ist bisher das klassische Boxen für Parkinson-Patienten. Nicht zuletzt durch ein prominentes Vorbild: Der frühere Showmaster Frank Elstner, der 2019 seine Erkrankung öffentlich machte, boxt und spielt Tischtennis. „Inzwischen werden in erfreulich vielen Sportarten eigene Parkinson-Programme angeboten“, lobte Elstner im vergangenen Jahr in einem Interview.

Das Training in Lüneburg läuft als Freizeitsport, nicht als medizinische Therapie. Die Teilnehmenden zahlen den Beitrag für das Studio selbst. Je nach Krankenkasse kommt aber ein Zuschuss im Rahmen individueller Bonusprogramme in Betracht.

„Für mich ist das ein tolles neues Projekt“, sagt Trainerin Janine Baden, eine ehemalige Polizistin, die sich vor gut zwei Jahren mit dem „Hard Workers Club“ selbstständig gemacht hat. Sie arbeite sonst viel mit Kindern, trainiere bereits Vierjährige im Kickboxen. „Der Sport hilft ihnen, Selbstvertrauen aufzubauen“, so die 29-Jährige. Beim Training mit Parkinson-Patienten sei das Tempo geringer, die Einheiten weniger komplex - aber grundsätzlich unterscheide es sich nicht vom konventionellen Training.

Spaß und Selbstwirksamkeit

In der Halle üben jetzt Zweier-Teams Kombinationen: rechte Gerade, zwei linke Haken, wieder eine rechte Gerade. Die Schläge treffen immer auf Polster, die der Partner hält, nie direkt auf den Körper. Die Kommandos von Trainerin Baden hallen durch den Raum, sie motiviert und treibt an („noch 40 Sekunden“). Das Klatschen der Pratzen mischt sich mit den Beats aus dem Lautsprecher.

Immer wieder sind bei den Übungen lächelnde Gesichter zu sehen. Ganz im Sinne von Parkinson Nurse Schönwald: „Viele entdecken im Kickbox-Training begeistert, was sie noch können. Sie werden hier nicht ‚behandelt‘, sondern haben Spaß und erleben Selbstwirksamkeit.“

Von Detlev Brockes (epd)