Ein junges Gesicht, geschlossene Lippen, mittellanges welliges Haar. Erst bei genauerem Hinschauen fällt auf: Bei diesem Schwarzweißporträt stimmt etwas nicht. Die großformatige Photographie des Düsseldorfer Künstlers Thomas Ruff, Mitte der 1990er Jahre entstanden, weist merkwürdige Schatten auf. Indizien dafür, dass hier mehrere Bilder zusammengesetzt wurden. Damit ist das Porträt ein typisches Beispiel für die Erweiterung der Dauerausstellung in der Bremer Kunsthalle, mit der sich das Haus einem hochaktuellen Thema zuwendet.
Ruff hat für seine Serie der „Anderen Porträts“, zu dem auch das Bild in der Kunsthalle gehört, eine alte Minolta-Montage-Unit benutzt. Dabei handelt es sich um eine Bildgenerierungsmaschine, die in den 1970er Jahren von Landeskriminalämtern benutzt wurde, um Phantombilder zu erstellen. Die Gesichtszüge liegen bei Ruff nicht exakt übereinander, sodass Elemente wie ein zweites Ohrenpaar schemenhaft sichtbar bleiben. Heute, bei der Verwendung von digitaler Deepfake-Technologie, würde man davon wohl nichts mehr sehen.
Jedes Photo ein Konstrukt
Bildausschnitt, Technik, Retusche: Mit der aktuellen Ergänzung ihrer Dauerausstellung zeigt die Kunsthalle, dass die Photographie nicht erst in Zeiten von digitalen Abbildern und Deepfakes wenig mit der reinen Wiedergabe der Wirklichkeit zu tun hat. „Jedes Photo ist ein Konstrukt“, betonte Kuratorin Eva Fischer-Hausdorf am Dienstag bei der Vorstellung der Arbeiten. Unter dem Titel „Photographie - Fiktion und Wahrheit“ sind sie zunächst bis ins Frühjahr des kommenden Jahres im Haus zu sehen.
In vier Sälen ergänzt das Museum damit ihre „Remix“-Dauerausstellung mit mehr als 80 Arbeiten aus der Zeit um 1900 bis in die Gegenwart, die größtenteils erstmals in der Kunsthalle präsentiert werden. Die Werke stammen neben Ruff unter anderem von Bernd und Hilla Becher, Candida Höfer, Richard Mosse, Sebastian Riemer, Ricarda Roggan, August Sander, Taryn Simon, Thomas Struth und Heinrich Zille.
Kuratorin Fischer-Hausdorf zeigt mit ihrer Auswahl, dass sich in der Photographie schon seit jeher Wahrheit und Fiktion verwischen. Dabei greift die Ausstellung auch aktuelle Themen auf wie die digitale Bilderflut im Internet und die Frage der Glaubwürdigkeit von Photographie in Zeiten von Künstlicher Intelligenz.
Streng komponiert
Beispiele für komponierte Bilder liefern auch die Kölnerin Candida Höfer und der irische Dokumentar-Fotograf Richard Mosse. Höfer ist bekannt für großformatige Photographien öffentlicher Innenräume wie Museen, Bibliotheken und Archive, Theater und Opernhäuser. Sie zeigt die Säle ausschließlich im vorhandenen Licht, streng komponiert, frontal und axial. „Höfers Werke sind mehr als Dokumentationen“, bekräftigte Fischer-Hausdorf. „Sie versteht sie nicht als Architekturphotographie, sondern als Porträts von Räumen.“
Richard Mosse ist mit einem monumentalen Werk vertreten, das größte Bild der Ausstellung, mehr als zwei Meter hoch, gut fünf Meter breit. Es gehört zu seiner Serie „Infra“, mit der er Landschaften in der östlichen Demokratischen Republik Kongo dokumentiert. Dafür hat er einen Infrarot-Farbfilm verwendet, eine Technik, die während des Zweiten Weltkriegs entwickelt wurde, um getarnte Menschen und Objekte zu identifizieren. Mosse setzt den Film für surreale Inszenierungen ein, die über das rein Dokumentarische hinausweisen. Fischer-Hausdorf: „Sie erzählen von den Folgen der vielschichtigen Krisensituation im Kongo für die Menschen und die Landschaft genauso wie von der Schönheit der Region.“