Der evangelische Landeskirchenmusikdirektor Benjamin Dippel aus Hannover beobachtet in der Gesellschaft eine neue Lust am Singen. „Besonders nach der Pandemie ist das Bedürfnis gewachsen, wieder gemeinsam etwas zu erleben“, sagte der 46-Jährige dem Evangelischen Pressedienst (epd) mit Blick auf das aktuelle kirchliche Mitsing-Festival „Wer singt, blüht auf“ in Niedersachsen. Die Menschen wollten wieder analoge Erfahrungen machen und etwas erleben, das im Moment entsteht. „Dieses Live-Erlebnis, selbst Teil davon zu sein, hat an Bedeutung gewonnen.“
Insgesamt sei die Gesellschaft körperbewusster geworden, sagte Dippel. Das zeigten auch Formate wie Yoga im Park, die stark angenommen würden. „Singen passt dazu, weil es dem eigenen Körper guttut und zugleich ein gemeinschaftliches Erlebnis schafft.“ Singen baue Stress ab und setze Glückshormone frei. „Atmung und Herzschlag kommen in einen ruhigen, gemeinsamen Rhythmus, man findet zu einer Art innerem Einklang.“
Aufeinander hören
In der Gruppe komme eine weitere Ebene hinzu: „Man hört aufeinander, reagiert aufeinander. Das schafft Nähe, Vertrauen und Geborgenheit.“ Gleichzeitig sei Singen sehr niedrigschwellig: „Es verbindet Menschen unabhängig von Herkunft, Alter oder musikalischer Erfahrung - und stärkt so auch das eigene Körpergefühl.“
Sich mit Körper, Emotion und Gemeinschaft musikalisch auszudrücken, sei ein grundlegendes menschliches Bedürfnis, sagte Dippel. Er glaube nicht, dass es jemals an Attraktivität verloren habe. Allerdings seien die Menschen in Deutschland im Laufe der Zeit zu einer Gesellschaft von Nichtsängern geworden: „Wir lassen eher singen, statt selbst zu singen.“
Eine Frage der Übung
Dabei könne jeder Mensch singen, sagte Dippel: „Es ist nur eine Frage der Übung.“ Mit guten pädagogischen Methoden könne sich jeder und jede behutsam an das Singen herantasten. „Es geht nicht um Perfektion, sondern darum, den eigenen Zugang zu finden“, unterstrich der Musiker. Die Stimme sei Teil eines jeden Menschen.
Beim ersten landesweiten Mitsing-Festival „Wer singt, blüht auf“ wollen rund 8.000 haupt- und ehrenamtliche Musikerinnen und Musiker aus der evangelischen Landeskirche Hannovers die Menschen zum Singen bringen. Noch bis zum 25. Mai sind dazu mehr als 300 Veranstaltungen an rund 200 Orten geplant.