"Q" auf dem Fluchtweg: 4.000 Kilometer Angst und Hoffnung
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"Q" auf dem Fluchtweg: 4.000 Kilometer Angst und Hoffnung
Bremer Autorin Denise Evers will Geflüchteten eine Stimme geben
Bremen (epd).

Für Menschen auf der Flucht ist es ein Weg voller Gefahren, Ängste und Hoffnungen: die „Balkanroute“, rund 4.000 Kilometer von Damaskus nach Deutschland. „Black Route - Todesroute“ wird die Strecke auch genannt, die „Q“ am Ende bis Bremen zurückgelegt hat. Was ihm dabei passiert ist, hat Denise Evers für ein Buch aufgeschrieben, das jetzt erschienen ist. Die 36-Jährige leitet in Bremen ein Übergangswohnheim der Johanniter für Geflüchtete. Dort hat sie „Q“ kennengelernt, der als staatenloser Palästinenser vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflüchtet ist.

Ihr Protagonist bleibt bewusst namenlos, steht stellvertretend für Millionen, die bei ihrer Flucht eine Welt voller Unsicherheiten, Gewalt, Hindernisse, aber auch menschliche Begegnungen erleben. Vom Frühsommer 2021 bis in den April 2023 dauert die Flucht von „Q“: fast zwei Jahre. Sechs gescheiterte Versuche, beim siebten kommt er schließlich in Bremen an - am Ende einer Route, die von Syrien über die Türkei, Griechenland, Nordmazedonien, Serbien, Ungarn, der Slowakei und Tschechien bis Norddeutschland führt.

Blinde Autorin

Die Autorin Denise Evers, die diesen Schicksalsweg beschreibt, ist als Achtjährige erblindet. Das spielt eine Rolle, davon später mehr. Seit Januar 2023 leitet sie die Flüchtlingsunterkunft mit etwa 150 Plätzen, in der „Q“ einen Platz fand. Hier sind vor allem alleinreisende junge Männer untergebracht, die meisten aus Syrien, der Ukraine, Afghanistan, dem Iran und aus afrikanischen Ländern.

Ihr Abitur hat Denise Evers in der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg bestanden. Danach studierte sie Islamwissenschaften in Hamburg, Ramallah und Berlin, spricht perfekt Arabisch. „Das hilft mir hier bei meiner täglichen Arbeit natürlich“, sagt die Frau, die auch als Antidiskriminierungstrainerin unterwegs ist und die unter dem Titel „Fluchtweg“ die Geschichte von „Q“ dokumentiert hat.

„Q“ vertraut Denise Evers, lässt sie über Monate in unzähligen und stundenlangen Gesprächen tief in seine Seele blicken, mehr als ein halbes Jahr. Auf ihrem Laptop protokolliert sie, was ein abstrakter Begriff wie die von der EU installierte „verschärfte Grenzsicherung“ für Menschen auf der Flucht praktisch bedeutet.

So berichtet „Q“ immer wieder von „Pushbacks“, dem Zurückschieben von Geflüchteten kurz nach dem Grenzübertritt, ohne jede Prüfung der Asylgründe, oft verbunden mit massiver Gewalt bis hin zur Folter, die auch zu Todesfällen führen. Dazu kommen Unfälle, Naturgewalten, kriminelle Banden, skrupellose Schleuser, die viel Geld haben wollen.

Schläge wie im Rausch

Immer wieder wird „Q“ misshandelt. So drischt ein türkischer Grenzer mit einem dicken Holzstock wie im Rausch auf ihn ein, weil er einen faulen Apfel nicht essen will. An anderer Stelle wird ihm der linke Arm gebrochen, der bis heute schmerzt. „Ich musste manchmal das Schreiben unterbrechen, so wütend hat mich das alles gemacht“, denkt Denise Evers zurück. Doch auf dem Fluchtweg von „Q“ gibt es auch Menschen, die ihn unterstützen. Wie die Freundin aus Syrien, die ihm viel Geld gibt, damit er seine Flucht fortsetzen kann. Einfach so.

„Q“ hat in Syrien im Krieg gelebt, überlebt. Freunde sind gegangen und nicht zurückgekommen. Darüber spricht er nicht. Nur so viel: Der Abschied von seiner Familie hat ihn innerlich fast zerrissen. „Stellvertretend macht die Geschichte von 'Q' klar: Die wenigsten Menschen verlassen freiwillig ihre Heimat und ihre Familien“, betont Denise Evers. Mit ihrem knapp 300 Seiten starken Buch will sie vor allem zwei Dinge erreichen: den Geflüchteten und damit denjenigen eine Stimme geben, die selten gehört werden. „Und einen Beitrag leisten zu Themen wie Menschenwürde, Teilhabe und gesellschaftlichem Zusammenhalt, zu einem vernünftigen Dialog über Asyl und Migration, ohne Hass und Hetze.“

Grenzen sichtbar machen

Als blinde Person engagiere sie sich seit vielen Jahren beruflich und ehrenamtlich für Teilhabe und Antidiskriminierung, bekräftigt Denise Evers und ergänzt: „Diese Erfahrungen prägen auch meine Haltung zu gesellschaftlichen Fragen, die das Buch aufgreift.“

Grafisch durchzieht Stacheldraht die Kapitel. Das Motiv steht Denise Evers zufolge symbolisch nicht nur für real existierende Grenzen, sondern auch für Grenzen und Vorurteile im Kopf. „Die Geschichte von 'Q' kann helfen, sich der eigenen Grenzen bewusst zu werden, sie vielleicht ein wenig zu senken“, wünscht sich die Autorin. So wie bei dem ersten Polizisten, auf den „Q“ in Bremen trifft und der ihn ganz unbefangen mit Worten empfängt, an die er sich bis heute erinnert: „Bitte schön, wie kann ich Ihnen helfen?“

Von Dieter Sell (epd)