Heimatschutz der Bundeswehr: "Nicht nur reden, sondern anpacken"
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Kristina W.
Bergen, Berlin (epd).

Die Regenwolken hängen tief an diesem kühlen Morgen über dem größten Truppenübungsplatz Europas, dem Manövergelände im niedersächsischen Bergen in der Lüneburger Heide. An der sogenannten Nato-Verladerrampe des Übungsplatzes findet heute eine Militärübung des Heimatschutzes der Bundeswehr statt.

Hinter einer rot-weißen Schranke und einem Checkpoint mit Sandsäcken herrscht Hochbetrieb. Soldaten sichern den Ort mit Maschinengewehren. Über das matschige Kopfsteinpflaster rollen Transportfahrzeuge. Feldjäger in Jeeps und auf Motorrädern sind unterwegs, andere Soldaten patrouillieren.

Schutz von kritischer Infrastruktur

Heimatschutz, das bedeutet: Die Soldaten und Soldatinnen werden nur innerhalb Deutschlands eingesetzt. Sie schützen kritische Infrastruktur wie Bahn- und Flughäfen, Rechenzentren, Industrieanlagen. Dazu kommt die Abwehr von Drohnen, die Errichtung von Kontrollpunkten - kurz, die Absicherung und Unterstützung eigener Truppen und verbündeter Streitkräfte im Verteidigungsfall.

Für die Übung hat die Deutsche Bahn 20 Gefechtsfahrzeuge - Panzerhaubitzen, Schützenpanzer und Transportpanzer - aus dem sächsischen Frankenberg nach Bergen transportiert. Bereits seit fünf Uhr stehen sie auf den Gleisen. Nun müssen sie auf die Straße gesetzt werden. Soldaten des Heimatschutzregiments 3 aus Nienburg an der Weser sichern mit Unterstützung des Heimatschutzregiments 4 aus Schleswig-Holstein die Entladung.

„Ungediente“ als Heimatschützer

„Das ist eine klassische Aufgabe des Heimatschutzes“, sagt Soldatin Kristina W. Mit aufmerksamem Blick und einem viereinhalb Kilogramm schweren Sturmgewehr G36 vor der Brust schreitet sie die Gleise in Bergen entlang. Die 48-Jährige ist gelernte Schneiderin und hat unter anderem in der Automobil- und Sicherheitsbranche gearbeitet. 2025 hat sie ihren zivilen Job gekündigt und sich als „Ungediente“ zur Heimatschützerin ausbilden lassen.

Ihren Mitmenschen zu helfen, Schwache zu unterstützen, ist der gebürtigen Polin wichtig. „Ich habe ein Helfersyndrom“, sagt sie fröhlich - und wird augenblicklich wieder ernst. Zu viele Menschen verließen sich darauf, dass sich andere um ihren Schutz und ihre Unversehrtheit kümmern würden, sagt sie. Das aber funktioniere aufgrund der Konflikte und Kriege in der Welt immer weniger. Jeder solle sich gemäß seinen Stärken einbringen, findet Kristina W. „Nicht nur reden, sondern anpacken“, appelliert die zweifache Mutter.

Viele Reservisten

Bereits seit rund sieben Jahren stellt die Bundeswehr aufgrund der veränderten Sicherheitslage in Europa den Heimatschutz neu auf. Die Heimatschutzdivision mit Sitz in Berlin besteht derzeit bundesweit aus sechs Regimentern.

Der Kommandeur des Heimatschutzregiments 3, Oberst Helmut Remus, blickt den Panzern nach, die von der Rampe rollen. Mit dem Ablauf der Militärübung „Vigilant Roland“ ist er zufrieden. Von den beorderten Reservisten seien viele erschienen, sagt Remus. Keine Selbstverständlichkeit angesichts beruflicher und privater Pflichten. Die Motivation sei gut. „Das hier sind alles Überzeugungstäter.“

Militärische Drehscheibe Deutschland

Oberst Frank-Eckhard Brand, Kommandeur des Heimatschutzregiments 4, findet, jeder Bürger müsse sich derzeit fragen, was er für sein Land und für den Schutz der Demokratie tun könne. Der Reservist, der von Beruf Anwalt für Strafrecht in Lübeck ist, betont die Bedeutung Deutschlands als militärische und logistische Drehscheibe für die Nato. Im Ernstfall müssten bis zu 800.000 alliierte Soldatinnen und Soldaten und 200.000 Fahrzeuge durch Deutschland verlegt und versorgt werden.

Der offizielle Begriff in der Nato dafür lautet: „Host Nation Support“. Gemeint ist die zivile und militärische Unterstützung, die ein Gastland alliierten Streitkräften gewährt. Fahrzeuge auftanken, Routen planen und absichern, Wache halten, Verpflegung besorgen: Der Heimatschutz ist von zentraler Bedeutung, damit der „Host Nation Support“ im Verteidigungsfall funktioniert.

Berufsbegleitende Ausbildung möglich

Viele Heimatschützer sind wie Brand und Remus Reservisten. Aber auch „Ungediente“ sind willkommen. Wer sich ausbilden lassen will, kann dem Streitkräfteamt in Bonn zufolge zwischen zwei Ausbildungsmodulen wählen: einer Blockausbildung in drei Modulen zu je zwölf Tagen sowie berufsbegleitend in flexiblen Modulen zwischen einem und fünf Tagen, vorwiegend an Wochenenden. Die offizielle Bezeichnung nach der Ausbildung lautet: Sicherungs- und Wachsoldat. Regelmäßige Übungen sichern im weiteren Verlauf den Ausbildungsstand.

Kristina W. ist an diesem Morgen bei der Militärübung in Bergen eine von nur wenigen Frauen. Darauf angesprochen, zuckt sie mit den Schultern. Ihr Geschlecht spielt für sie keine große Rolle, Kameradschaft und Teamgeist dagegen schon, wie sie sagt. Mit ihrer Ausbildung verbindet die Frau mit dem langen, geflochtenen Zopf große Anstrengungen, aber auch schöne Momente. Im Dunkeln auf Streife gehen, ein Biwak aufbauen, schwere Rucksäcke und Gewehre tragen - das alles sei mental wie körperlich hart, sagt sie: „Es ist aber auch ein gutes Gefühl, Ehrgeiz zu entwickeln, es probiert und am Ende geschafft zu haben.“

Von Julia Pennigsdorf (epd)