Als Trauersängerin unterwegs: "Trostpflaster für die Seele"
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Trauersaengerin Petra Berghaus
Bremen, Oldenburg (epd).

Das Herz von Petra Berghaus rast, als sie die evangelische Kirche in Essen-Kettwig betritt. Der historische Sakralbau aus Ruhrsandstein ist an diesem klaren und kalten Januarmorgen der Ort, an dem sie in einer Trauerfeier Abschied nimmt, auf eine ganz besondere Weise. „Ich werde gleich ein Lied singen“, sagt sie zum Bestatter, „für meine Mutter“. So erinnert sich Petra Berghaus an die Szene, die der Anfang ihrer professionellen Laufbahn als Trauersängerin wird. Der Tag, der ihr Leben nachhaltig verändert.

Auf Wunsch ihrer Mutter, die kurz zuvor an Krebs gestorben war, steht Petra Berghaus vor gut sechs Jahren im Altarraum, alle Augen auf sie gerichtet. Kurz zuvor hatte sie noch gedacht: „Oh Gott, das schaffe ich nie.“ Doch dann singt sie, mit klarer Stimme, Mikrofon in der Hand, Herz im Hals. „Der letzte Koffer“ tönt durch das Kirchenschiff, ein Lied des Kölner Songschreibers und Sängers Purple Schulz.

Gesang spendet Trost

„Ich geh nur rüber, mehr ist es nicht. Hab keine Angst, sei stark. Nimm dir die Zeit und wein um mich. Und dann leb jeden Tag!“, so lautet eine der Strophen. Petra Berghaus denkt zurück: „Als die letzten Töne verhallten, war alles ganz still.“ Sie sei unendlich glücklich gewesen. „Denn ich habe Trost gespürt, ich konnte etwas tun, etwas geben.“

Auf der Bremer Messe „Leben und Tod“ am kommenden Wochenende will die Trauersängerin aus dem nordrhein-westfälischen Solingen ihre Arbeit vorstellen - und mit ihrer Stimme zeigen, wie Gesang Menschen in Trauer und am Lebensende stärkt. Mittlerweile habe sie in mehr als 500 Auftritten in Nordrhein-Westfalen und auch bundesweit Erfahrungen gesammelt, berichtet die Frau, die in Kirchen, Kapellen und Trauerhallen genauso singt wie in Hospizen und unter freiem Himmel: auf dem Friedhof, am offenen Grab, im Bestattungswald und auf See.

Musik schlage Brücken, ist die Sängerin, Autorin, Illustratorin und Trauerbegleiterin überzeugt: „Zwischen Menschen, Generationen und zwischen Leben und Tod.“ Sie knüpft damit an eine alte Tradition mit christlichen Wurzeln an. Lieder wie „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ oder „So nimm denn meine Hände“ werden oft bei kirchlichen Trauerfeiern gesungen. In manchen Regionen gab es früher Klageweiber, die den Schmerz öffentlich ausdrückten.

Erinnerungen werden geweckt

Sängerinnen und Sänger, die sich auf die Live-Begleitung von Trauerfeiern spezialisiert haben, sind da noch seltener, werden aber mehr, weil es immer öfter darum geht, einen Abschied so persönlich wie möglich zu gestalten. „Musik hat einfach eine ganz besondere Kraft“, sagt Petra Berghaus. „Sie weckt Erinnerungen, die längst verborgen schienen, ist ein Trostpflaster für die Seele und oft das Letzte, was bleibt, wenn Worte nicht mehr reichen.“

Das bestätigt der Musikpsychologe Gunter Kreutz. „Natürlich helfen tröstende Worte sehr und werden gebraucht“, meint der Professor, der an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg lehrt. „Musik fügt dem eine emotionale Ebene hinzu, die Worte allein nicht so leicht erreichen, auch und gerade in der Trauer.“ Beim Zuhören, aber besonders beim Mitsingen: „Denn das gemeinsame Singen wirkt beruhigend und verbindet die Menschen, die Trauernden fühlen sich weniger allein mit ihrem Schmerz.“

„Der Gesang macht was mit uns, da kriege ich jedes Mal Gänsehaut“, findet auch Melanie Böckenholt. Die Bestatterin aus dem niedersächsischen Wallenhorst bei Osnabrück hat schon mehrfach mit Petra Berghaus zusammengearbeitet. „Das ist einfach unfassbar emotional.“

„Top Ten“ der beliebtesten Stücke

Welche Lieder auf einem Begräbnis gespielt werden, ob die Trauerfeier mit Live-Musik, Live-Gesang oder digital eingespielter Musik begleitet wird - alles das beeinflusst Böckenholt zufolge die Wirkung der Klänge. Und es gibt so etwas wie eine Top-Ten-Liste der beliebtesten Stücke, zu denen Frank Sinatras „My Way“ gehört, genauso wie „Time to say Goodbye“ von Sarah Brightman und Andrea Bocelli, „Tears in Heaven“ von Eric Clapton und „Niemals geht man so ganz“ von Trude Herr. Und natürlich das „Halleluja“ von Leonard Cohen, das Petra Berghaus auch in einer eigenen deutschen Version singt.

Doch egal, ob sich die Trauernden ein klassisches oder modernes Stück wünschen, ein traditionelles oder ein eigenes für den Anlass geschriebenes: „Musik erinnert uns daran, dass wir nicht allein sind“, betont Petra Berghaus. „Sie kann Trost schenken. Aber sie lädt uns auch ein, selbst etwas zu tun. Manchmal reicht es schon, ein Lied bewusst zu hören, den eigenen Atem im Rhythmus zu spüren oder mitzusingen. Ganz leise, nur für sich.“

Von Dieter Sell (epd)