An Hitzetagen landen Hunderte junge Vögel in der Vogelklinik der Uni Gießen. Die Klinik und andere Wildtier-Auffangstationen sind am Limit. Aber viele Menschen packen mit an.
Gießen (epd). Eine lange Reihe von Plastikboxen und Pappkartons zieht sich durch den Flur, aus einigen dringt ein leises Piepsen. Überall an den Tischen sitzen Studierende und Mitarbeiter der Vogelklinik der Universität Gießen. In ihren Händen halten sie winzige Vögel, denen sie mit einer Pinzette Insekten in die Schnäbel legen. Während der extremen Hitzewelle Ende Juni landeten bis zu 193 aufgefundene Jungvögel pro Tag in der Klinik. Täglich meldeten sich an die 500 Anrufer. An der Abgabestelle bildeten sich Schlangen. Manche Leute nahmen zwei, drei Fahrstunden in Kauf, um Vögel abzugeben. „Es ist eigentlich nicht mehr zu stemmen“, seufzt der Direktor der Klinik für Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische, Michael Lierz.
Im Schwalbenraum flattern ein paar Vögel wild herum und landen unbeholfen in den Ecken. „Wenn junge Schwalben das Nest verlassen, werden sie noch ein paar Tage von den Eltern versorgt“, erklärt Lierz. „Das simulieren wir hier.“ Die Helfer füttern die jungen Vögel alle anderthalb Stunden. In einigen Tagen dürfen sie in die Freiheit. Ihre Überlebenschancen stehen gut.
„Das meiste kriegen wir gar nicht mit“
An Hitzetagen kommen vor allem junge Schwalben und Mauersegler in die Klinik. Sie brüten an Gebäuden unter den Dachsimsen. Dort kann es sich auf extreme Temperaturen von bis zu 70 Grad aufheizen. Bevor sie kollabieren, springen die Jungen aus dem Nest, obwohl sie noch gar nicht fliegen können.
Wie viele Tiere insgesamt an Hitzetagen sterben, mag sich Bärbel Rogoschik nicht ausmalen. „Das meiste kriegen wir gar nicht mit“, sagt die Leiterin des Nabu-Artenschutzzentrums im niedersächsischen Leiferde. Innerhalb von drei Tagen kamen etwa Ende Juni 275 Notfälle ins Zentrum. Vor der Tür standen Kinder mit einem kleinen Karton, Oma und Opa und die Polizei. „Die meisten möchten helfen“, beobachtet Rogoschik.
Aufnahmestopp in Wildtier-Stationen
Fast alle Wildtier-Auffangstationen hätten einen Aufnahmestopp verfügt, weil sie überrannt wurden, berichtet Lierz. „Wir müssten eigentlich auch zumachen.“ Aber das Team habe beschlossen, durchzuhalten und alle Helfer zu mobilisieren. „Es ist viel, daneben läuft ja noch die normale Arbeit. Aber man macht es gern, wenn es den Tieren danach gut geht“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Melina Fuchs.
Soll man verletzten Wildtieren helfen? Um diese Frage entbrannte bei der Rettungsaktion für den an der Ostseeküste gestrandeten Buckelwal „Timmy“ eine Diskussion. Einige Fachleute kritisierten die hohen Kosten für die Rettung eines einzelnen Tieres. Den Tiermediziner Lierz ärgert, dass wissenschaftliche Einschätzungen, die eine Rettung des offenbar kranken Wals für tierschutzwidrig hielten, keine Rolle spielten. In der Vogelklinik bildet das Tierwohl die Richtschnur. Sind Tiere zu krank oder zu verletzt, müssen sie eingeschläfert werden.
„Nestlinge“ und Ästlinge" unterscheiden
Die Biologin Lea-Carina Hinrichs von der Deutschen Wildtier-Stiftung unterscheidet bei Jungvögeln zwischen „Nestlingen“ und „Ästlingen“. Nestlinge sind nackt oder beflaumt und haben noch keine Flugfedern. Fallen sie aus dem Nest, benötigen sie Hilfe. Ästlinge sind befiedert und haben das Nest verlassen, aber die Eltern versorgen sie noch eine Zeit lang. Halten sie sich am Boden auf, sollte man sie ins Gebüsch setzen und schauen, ob die Eltern weiter füttern. Hinrichs rät davon ab, Jungvögel zu Hause großzuziehen. „Man muss sachkundig sein.“
In der Gießener Vogelklinik lernt Melina Fuchs zwei Studentinnen an. „Sie machen das heute zum ersten Mal, aber schon nach der ersten Fütterung klappte es gut“, lobt sie. Lierz nimmt einen jungen Mauersegler in die Hand und zeigt seine Stummel-Beinchen. Mauersegler verbringen außer zum Brüten ihr ganzes Leben in der Luft. Liegen sie auf dem Boden, kommen sie kaum mehr hoch. Mauersegler und Schwalben brauchen, auch wenn sie befiedert sind, immer menschliche Hilfe.
Das Grundstück aus Sicht eines Tieres betrachten
Doch diese Hilfe kostet etwas. Viele Auffangstationen arbeiten ehrenamtlich. Das Artenschutzzentrum in Leiferde wird vor allem vom Land Niedersachsen finanziert. Die Gießener Vogelklinik bekommt für die Wildtier-Hilfe lediglich einen kleinen Zuschuss des Landkreises.
Lierz betont: „Bei der Wildtier-Hilfe lässt sich mit einfachen Mitteln extrem viel erreichen.“ Er nennt „Bauen mit der Natur“ als ein Beispiel: Der Gesetzgeber könnte dazu verpflichten, beim Hausbau Nistkästen für Mauersegler einzuplanen. „Wir schotten uns ab“, so sieht es auch Bärbel Rogoschik. „Wir sollten ein Grundstück aus Sicht eines Tieres betrachten.“ Die Biologin wünscht sich, dass „wir empathischer für die Tiere um uns herum werden“.
Vogelklinik Uni Gießen: https://s.epd.de/3w5wkum/kvraf
Nabu-Artenschutzzentrum Leiferde: www.nabuzentrum-leiferde.de
Deutsche Wildtierstiftung: www.deutschewildtierstiftung.de