Der Rechtsruck macht sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen bemerkbar. Wie er sich auf die Soziale Arbeit in Hessen auswirkt, untersucht derzeit eine Forschungsgruppe an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden.
Wiesbaden (epd). Hetzkampagnen im Internet gegen soziale Einrichtungen, Kleine Anfragen im Parlament, die die Arbeit infrage stellen, bis hin zur Einstellung der Finanzierung bestimmter Angebote: Die Soziale Arbeit steht unter Druck. „Wir sehen, dass die Soziale Arbeit als Ganzes im Fokus von rechten Angriffen steht, weil sie auf Teilhabe zielt und Menschenrechte durchsetzen möchte“, sagt Wiebke Dierkes, Professorin an der Hochschule RheinMain.
Gemeinsam mit Johanna Sigl, ebenfalls Professorin an der Hochschule RheinMain, leitet sie das Forschungsprojekt „Ein- und Auswirkungen (extrem) rechter Diskursverschiebungen auf die Soziale Arbeit in Hessen“. Die Forscherinnen haben mit unterschiedlichen Methoden Daten erhoben: Sie haben Online-Fragebögen an Fachkräfte in ganz Hessen verschickt und haben Interviews mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus unterschiedlichen Einrichtungen geführt. Auch mit Personen, die Angebote der Sozialen Arbeit in Anspruch nehmen, etwa Wohnungslosen, haben die Wissenschaftlerinnen gesprochen.
Ähnliche Studien bereits in Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern
„Von den etwa 600 Personen, die den Fragebogen ausgefüllt haben, wollten etwa 100 ein Interview führen. Das zeigt, wie viel Druck im Kessel ist“, sagt Anna Blume Böttcher, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt arbeitet.
Mit ihrer Studie für Hessen stehen die Forscherinnen nicht allein da. Zwischen 2019 und 2021 wurden bereits Daten für die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern erhoben, auch in Bayern wird derzeit eine ähnliche Studie durchgeführt. Die vorhandenen Daten zeigten, dass es sich bei rechten oder rechtsextremen Vorfällen nicht um Einzelfälle handelt, sondern um gezielte Strategien. Rechte Akteure in den entsprechenden Bundesländern schaffen eigene Angebote in der Sozialen Arbeit, versuchen bestehende Angebote nach ihren politischen Überzeugungen zu beeinflussen oder sie zu destabilisieren.
Unterschiede zwischen Stadt und Land zu beobachten
Wie genau sich die rechten Diskursverschiebungen in Hessen auswirken, können die Forscherinnen von der Hochschule RheinMain noch nicht abschließend sagen. Das Forschungsprojekt läuft noch bis März 2027.
Deutlich werde aber schon jetzt, dass es einen Unterschied zwischen städtischem und ländlichem Raum gebe, sagt Böttcher. Fachkräfte aus dem ländlichen Raum würden häufiger rechte Positionen im Arbeitsalltag wahrnehmen. Und obwohl in allen Bereichen der Sozialen Arbeit rechte Einflussnahme bemerkbar sei, seien Angebote aus der politischen Bildung und Demokratiearbeit besonders betroffen.
Auch Angriffe auf einzelne Personen und Einrichtungen
Neben dem Infragestellen von Angeboten beispielsweise über Kleine Anfragen oder Diskussionen über die Finanzierung könnten die Forscherinnen aus ihren bisherigen Erhebungen sehen, dass es auch zu Angriffen auf Einzelpersonen oder auf einzelne Einrichtungen komme. Insbesondere dann, wenn diese sich öffentlich politisch positionierten und beispielsweise zu Demonstrationen aufriefen.
Dierkes schlägt vor, dass die Soziale Arbeit ihren Auftrag als menschenrechtsorientierte Institution künftig stärker als bisher nach außen tragen sollte. Es sei wichtig, sich als Fachkräfte bewusst zu machen, dass die Adressatinnen und Adressaten der eigenen Arbeit besonders vulnerable Gruppen seien. Für sie müsse man Partei ergreifen. „Das bedeutet auch, in gesellschaftliche Konflikte zu gehen“, sagt die Professorin.
Unabhängigkeit von staatlicher Finanzierung könnte notwendig werden
Künftig könne das auch bedeuten, sich über neue Formen der Finanzierung Gedanken zu machen und die Soziale Arbeit unabhängiger von staatlicher Finanzierung zu machen. „Soziale Arbeit ist stark sozialstaatlich eingebunden und diejenigen, die in den Parlamenten und Ministerien sitzen, bestimmen die Sozialpolitik. Ich denke, dass die Frage danach, wo man mitmacht und wo nicht, wirklich wichtig wird.“
Projektseite der Hochschule RheinMain: https://s.epd.de/40ax