Exklusive Gräber für Botschafter des ersten deutschen Parlaments
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Zum ersten Mal wurden auf dem Gesandtenfriedhof in Regensburg die Grabkammern freigelegt.
Erstmals Grüfte bei Sanierung des Gesandtenfriedhofs freigelegt
Regensburg (epd).

Wo bis vor ein paar Monaten mit Wappen verzierte Grabsteinplatten gelegen haben, ist jetzt der Boden freigelegt. Archäologen haben 50 Zentimeter des Erdreichs rund um die Grabkammern abgetragen. Zum ersten Mal sind damit die Oberseiten der Grüfte auf dem historischen Gesandtenfriedhof von Regensburg sichtbar. Insgesamt liegen 110 Menschen unter den insgesamt 32 Grabplatten begraben. Die Gräber gehören in- und ausländischen Adelsfamilien, die in der Barockzeit in Regensburg lebten, standesgemäß residierten und ein repräsentatives Grab an ihrem Lebens- und Arbeitsort erwarteten, sagte Martin Weindl, Historiker und Fundraiser der evangelischen Kirche, bei einem Ortstermin mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalschutz.

Zwischen 1633 und 1805 arbeiteten diese europäischen Gesandten beim Immerwährenden Reichstags (1663-1806), der ständigen Vertretung der Stände im Heiligen Römischen Reich. Auf dem Friedhof mitten in der Regensburger Altstadt fanden sie ihre letzte Ruhestätte. Mit der ersten Generalsanierung des Friedhofs offenbart sich damit auch ein Stück deutsche Parlamentsgeschichte - wenn man die Zeitreise des Parlamentarismus mit Regensburg beginnen lässt, so wie es etwa die Schautafeln in der Berliner U-Bahn-Station am Brandenburger Tor tun.

Grabkammern unter tonnenschweren Steinplatten

Die Restaurierung der exklusiven Begräbnisstätte für evangelische Gesandte und deren Familienangehörige begann 2020. Zunächst wurden die 20 meterhohen Prachtgrabmäler an den Wänden des Friedhofs um die Dreieinigkeitskirche von Witterungseinflüssen und Erosionen befreit. Nun sind die tonnenschweren Steinplatten am Boden an der Reihe. Die evangelische Kirche als Bauherr präsentiert einen „besonders schönen Bauabschnitt“ mit sechs Grüften. Die leicht gebogenen Ziegelsteingebilde schauen ein wenig aus dem Boden, sind mal größer, mal kleiner, je nach Größe der Gruft. Dahinter ragen die dazugehörigen Grabdenkmäler in die Höhe.

Der aktuelle Grabungsbereich sei stark von Fundstücken umlagert gewesen, sagte Stephanie Zuber, eine der beiden Grabungsleiterinnen. Sie zeigt römische und mittelalterliche Ofenfragmente, Segmente von Inschrifttafeln, romanische Randsteinscherben, verzierte Tierknochen von Schafen, Ziegen und Schweinen und auch Tonpfeifenröhren. Man habe auch ein Pfennigstück von 1793 gefunden. „Das würde dem Tageslohn eines Totengräbers entsprechen und in die Zeit der Gruftbestattungen passen“, so Zuber. Menschliche Knochen wurden nicht gefunden; sie liegen in den Grüften verwahrt. Nur drei Gräber wurden im Jahr 2017 per Endoskop untersucht. Die Totenruhe sollte gewahrt bleiben.

45 evangelische Gesandte aus ganz Europa

Unter den Fundstücken fallen zwei Steinkugeln auf: Sie könnten entweder als Kanonenkugeln im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) oder als Zierrat der Wand-Epitaphien gedient haben, sagte Ruth Sandner vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege: „Weder vom Gewicht noch von der Größe her sind sie einzuordnen.“

Insgesamt 45 Botschafter für die Länder und Städte des „Heiligen Römischen Reiches“ sind auf dem Gesandtenfriedhof begraben. Der Regensburger Reichstag war ein Botschafter-Parlament Deutschlands und Europas: von Berlin bis Stuttgart, von Hannover bis Dresden und von Stockholm bis Wien, von Moskau bis Amsterdam. Verstorbene in ihre Heimat zurückzusenden, dafür sei der Weg oft zu lang gewesen, erklärte Weindl. Deshalb wurden die evangelischen Gesandten, zum Teil mit ihren Familien, repräsentativ in Regensburg begraben. Die katholischen Botschafter wurden in St. Emmeram bestattet.

Verputzte Ziegelgräber - aus Sorge ums Grundwasser

Für ein exklusives Grab auf dem Gesandtenfriedhof musste ein Antrag bei der Stadt gestellt werden, die Jahresgebühr betrug 100 Gulden. Die Grüfte, in die man dann einen Holzsarg stellte, waren auch innen verputzt: Die Stadt sorgte sich, dass der Verwesungsprozess das Grundwasser beeinträchtigen könnte.

„Europaweit einzigartig“ und ein „reiner Diplomatenfriedhof von protestantischen Gesandten“ sei dieser Friedhof, sagt Johannes Sebrich von der Stadtarchäologie. Regensburg hat den Friedhof zum „document“ erhoben und will ihn zusammen mit dem historischen Reichssaal der Öffentlichkeit wirksam präsentieren - auch als Geschichte des Parlamentarismus. Zudem sei die Grabstätte voller Lebensgeschichten von Menschen, wie die Grabinschriften und auch die Begräbnisbücher zeigten.

Ziel ist Abbremsen der Erosion

Mit 2,6 Millionen Euro ist die Generalsanierung veranschlagt. 90 Prozent würden vom Bund und vom Freistaat Bayern getragen. Zehn Prozent muss die evangelische Kirchengemeinde selbst stemmen. Bis Ende August sollen die Grabungsarbeiten abgeschlossen sein. Über den Winter wollen die Steinmetze die Steinplatten auf den Grüften restaurieren. Im kommenden Jahr sollen sie zurück auf die Grabkammern kommen - in leichter Schräglage, sodass das Regenwasser besser abfließen kann. Bis Ende 2027 soll die Sanierung beendet sein.

1806 wurde der Gesandtenfriedhof von der Stadt geschlossen, es gab keine neuen Gräber mehr. Das Denkmal blieb bis heute unverändert - bis auf wenige Kleinreparaturen. Durch die konservierende Erhaltung wolle man „die Erosion bremsen“, sagte Weindl. Aufzuhalten sei sie aber nicht. „Sie geht nur nicht mehr ganz so schnell.“ (2177/31.07.2026)

Von Gabriele Ingenthron (epd)