Ungefähr 470 Autokilometer sind es von Aichau bei Feuchtwangen bis nach Aichau in Niederösterreich. Die beiden Dörfchen verbindet neben demselben Namen auch in etwa ihre Größe. Wobei das mittelfränkische Aichau mit 63 Einwohnern fast doppelt so groß ist. Doch die plus minus 33 österreichischen Aichauer haben den Franken etwas voraus: eine eigene Kapelle. Weil das so nicht bleiben konnte, planen sie im Feuchtwanger Ortsteil seit gut 15 Jahren an einem eigenen Sakralbau. Vor kurzem war Spatenstich.
„Wir haben unsere niederösterreichischen Namensvettern vor etwas mehr 15 Jahren besucht“, erinnert sich Erwin Geißler aus dem mittelfränkischen Aichau. Ein schöner Besuch sei das gewesen, die anderen Aichauer hatten damals das 750-jährige Bestehen ihres Dorfs gefeiert. „Die fränkischen Kinder haben danach gefragt: Warum haben die eigentlich eine Kapelle im Ort und wir nicht?“, erinnert sich Geißler. Eine gute Frage, die so recht keiner zu beantworten wusste. „Also haben wir Erwachsenen uns gedacht: Dann bauen wir eben eine.“
Jahrelang reifte die Idee
Doch den Aichauern war ziemlich schnell klar: Das Ganze wird kostenmäßig ein sechsstelliges Projekt. „Wir sind dann etliche Jahre mit der Idee schwanger gegangen“, sagt Geißler. Auf Ausflügen und im Urlaub wurden andernorts Kapellen fotografiert und in WhatsApp-Gruppen geschickt. Als dann ein neuer Bebauungsplan für den Ort erstellt wurde, war allen Kapellen-Fans klar: jetzt oder nie. Sie gründeten einen Verein, sicherten sich ein Grundstück, sammelten Spenden und ein Bauzeichner aus dem Ort zeichnete bereits erste Entwürfe.
Politisch gehören sie in Aichau zu Feuchtwangen - kirchlich zu Wieseth. Eine große Flächengemeinde mit Ortschaften aus fünf politischen Kommunen, erläutert Pfarrer Martin Gölkel: „Wir haben aber immer schon nur eine Hauptkirche für alle in Wieseth gehabt.“ Auch einige andere Ortschaften hätten kleinere Kapellen, aber die seien meist schon Jahrhunderte alt. Dass nun in Zeiten knapper Kassen, in denen andernorts Kirchen verkauft und entwidmet werden, eine neue Kapelle gebaut wird, „das freut mich als Pfarrer freilich sehr“, sagt Gölkel.
Keine Konkurrenz zur Hauptkirche
Anfang Oktober war symbolischer Spatenstich in Aichau. Ein riesengroßes Sandhaufen-Kreuz am späteren Standort, 30 Spaten oder mehr - und eine Menge Spaß. Die Kapelle wird am Ortsrand stehen, etwas erhaben, damit man sie auch von außerhalb sehen kann. Optisch wird es ein klassisches Kirchlein, rechteckig, Satteldach, kleiner Turm. „Nichts Ausgefallenes“, sagt Geißler. Aber etwas Eigenes. Rund 40 Menschen können dort dann Platz nehmen. In erster Linie aber nicht für Gottesdienste. Die finden weiterhin in Wieseth statt.
Eines ist allen Beteiligten wichtig: Die neue Aichauer Kapelle soll kein Konkurrenz- oder gar Gegenprogramm zum evangelischen Kirchengemeindeleben in Wieseth sein. „Vielleicht feiern wir mal eine Andacht bei uns im Ort, vielleicht auch mal eine Taufe“, sagt Geißler. Die normalen Sonntagsgottesdienste und Festgottesdienste an den hohen Feiertagen finden weiter in der Hauptkirche statt. Die Kapelle soll vor allem ein „Ort der Ruhe, des Abschaltens sein“, aber auch für Kulturveranstaltungen soll das Kirchlein dann zur Verfügung stehen.
Fertigstellung bis 2028 geplant
Möglich wird der Bau letztlich neben den vielen geplanten Eigenleistungen auch durch die vielen Tausend Euro Fördergeld, die das Projekt aus dem sogenannten Leader-Top der Europäischen Union erhält. Ziel des Projekts ist es, die Wirtschaftskraft, Lebensqualität und eigenständige Entwicklung in ländlichen Regionen zu stärken. Für das bayernweit momentan wohl einzigartige Vorhaben, eine neue Kapelle zu bauen, gibt es voraussichtlich mehr als 77.000 Euro. Es sei „besonders förderwürdig“, hieß es. Fertig werden soll die Kapelle im Jahr 2028.
Die bayerische Landeskirche begrüßt das Projekt - aber nicht nur, weil die Errichtung und auch die Baulast in Zukunft nicht bei ihr auflaufen wird. Der unter anderem für die Kirchengemeinden zuständige Oberkirchenrat Florian Baier sagte dem Evangelischen Pressedienst (epd), es sei „eine große Freude, wenn durch Engagement vor Ort ein solches Projekt ermöglicht werden kann“. Kirchen und Kapellen seien nicht nur wichtige Räume des Glaubens und der Besinnung, „sondern sichtbare Zeichen der christlichen Prägung Bayerns“, sagte er.
„Zu einem fränkischen Dorf gehört eine Kirche“
Auch Feuchtwangens Erster Bürgermeister Ulrich Grünwald kann dem Kapellenbau nur Positives abgewinnen. „Das ist auf keinen Fall Kirchturmdenken oder Vereinsmeierei“, sagt er. Jede noch so kleine Ortschaft brauche einen zentralen Ort - ein Gasthaus, ein Rathaus, einen Dorfplatz - oder halt eine Kirche oder Kapelle. Grünwald, der 30 Jahre in Berlin gelebt hat und erst vor zwei Jahren nach Westmittelfranken zurückgekommen ist, sagt: „Zu einem fränkischen Dorf gehört eine Kirche.“ Die Aichauer würden ihm da sicher nicht widersprechen. (2881/16.10.2026)