Praxis im Container: Deutsche Zahnärzte helfen Flüchtlingen auf Chios
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Zahnarzt Alexander Schafigh bei der Arbeit.
Chios (epd).

Die Sonne knallt auf die Überseecontainer in dem Flüchtlingslager auf Chios. Im Inneren liegen gelbe Schaumstoffmatratzen, darauf vier junge Männer. In einer Ecke sirrt die Klimaanlage. Gerade hat Badiane die Tür geöffnet. Der 35-jährige Senegalese kam über Syrien und die Türkei auf die griechische Mittelmeerinsel, die letzten Kilometer legte er wie viele hier mit einem kleinen Boot zurück.

„Falls ihr Zahnschmerzen habt, die Zahnärzte sind jetzt da“, ruft Badiane hinein. Ein Kopf geht hoch, die übrigen Männer starren weiter auf ihre Handys. Neben Badiane steht, gut einen Kopf kleiner als er, Alexander Schafigh im roten T-Shirt mit großem Zahn-Symbol auf dem Rücken.

Dutzende Behandlungen im Container

Der 57 Jahre alte Zahnarzt ist regelmäßig für die deutsche Hilfsorganisation Dental Emergency Team auf Chios im Einsatz. Einmal pro Monat kommt ein Team aus Deutschland auf die Insel, um in der gut ausgestatteten Zahnarztpraxis, die in zwei Schiffscontainern untergebracht ist, Geflüchtete zu behandeln. Mehrere Dutzend Patientinnen und Patienten sind es pro Einsatzwoche.

„Wir sind hier, um die dringendsten Zahnprobleme zu behandeln. Viele Geflüchtete haben unterwegs Abszesse und Schmerzen entwickelt“, sagt Schafigh. Obwohl die griechische Regierung die allgemeinmedizinische Versorgung im Lager stelle, sei eine zahnärztliche Behandlung für viele der Menschen im Camp immer noch etwas Besonderes.

Schätzungsweise 200 Geflüchtete leben noch hier in dem Lager aus Containern und Zelten rund um eine ehemalige Aluminiumfabrik, das für bis zu 1.500 Bewohnerinnen und Bewohner ausgelegt ist. Seit 2022 hat es den Status eines „Closed Controlled Access Centre“, was vor allem strenge Zugangskontrollen und einen hohen Einsatz von Sicherheits- und Wachpersonal zur Folge hat. Je nach Aufenthaltsstatus können sich die Bewohnerinnen und Bewohner mehr oder weniger frei bewegen.

Bis zu 1.000 Ankünfte täglich

Noch vor wenigen Jahren war Chios einer der wichtigsten Anlaufpunkte für Flüchtlinge, die über die Türkei nach Europa kommen wollten. Nur gut sechs Kilometer liegen zwischen der Insel und dem türkischen Festland. Laut Angaben des UN-Flüchtlingshilfshilfswerks UNHCR kamen zu Beginn der großen Migrationsbewegungen 2015 täglich bis zu 1.000 Menschen an. 2024 waren es nur noch rund 4.300 im Jahr. Und derzeit kommen wochenlang gar keine Boote.

„Als wir 2021 hier ankamen, gab es noch Spotter, die auf den Felsen saßen und mit Ferngläsern und Nachtsichtgeräten das Meer auf kleine Boote abgesucht haben, um dann den verschiedenen NGOs Bescheid zu geben“, erzählt Schafigh. Inzwischen verlaufe eine der wesentlichen Fluchtrouten nach Griechenland von Libyen an die Südspitze Kretas.

Die wirtschaftlichen Bedingungen sind schlecht

Auf dem Behandlungsstuhl vor Schafigh sitzt inzwischen Marian aus Sierra Leone und wartet auf ihre Betäubung. Vor etwas mehr als einem Jahr sei sie aus Ostafrika über Ägypten und die Türkei nach Chios gekommen, erzählt die Frau Ende 20, die ihre vollen Namen nicht nennen möchte. Sie habe hier Schutz zugesprochen bekommen, doch seien die wirtschaftlichen Bedingungen vor Ort so schlecht gewesen, dass sie sich auf den Weg nach Deutschland gemacht habe.

Rund ein halbes Jahr habe sie in Süddeutschland in einer Fabrik schwarz gearbeitet, bevor sie über Athen nach Chios zurückgekommen sei - aus Angst vor einer Anzeige. Nun ist sie als freie Dolmetscherin auf der Insel tätig und hilft unter anderem bei den Zahnarzt-Behandlungen. Wie ihre Perspektive aussehe, wisse sie nicht.

Die Zahnärzte machen weiter

Das Camp auf Chios leert sich derweil weiter. Auch der Senegalese Badiane, der seine Mitbewohner über die Ankunft der Zahnärzte informiert hat, lebt inzwischen nicht mehr hier. Sechs Wochen war er in dem Camp. Nun wurde er mit rund 60 anderen Geflüchteten nach Korinth aufs Festland gebracht.

Doch die Verantwortlichen bereiten sich darauf vor, dass die Zahlen wieder steigen könnten. Und auch die deutschen Zahnärzte setzen ihr Projekt auf der Mittelmeerinsel fort. „Die Menschen hier sind in Not - auch wenn nun nicht mehr so viele im Lager sind, brauchen die, die ankommen, weiterhin Hilfe“, sagt Schafigh.

Von Paul-Philipp Braun (epd)