Gemeinsam schieben die Frauen das schwere, schmale Drachenboot auf einem Bootswagen zum Wasser. An einem sonnigen Herbstnachmittag im Oktober treffen sich die Paddlerinnen am Maschsee in Hannover, um miteinander zu trainieren. Von der Studentin bis zur Rentnerin reicht die Altersspanne im Team der „Hannover Pinkx“, die eine Erfahrung eint: Sie alle sind an Brustkrebs erkrankt. „Wir sitzen alle im gleichen Boot und machen alles Gleiche durch“, berichtet Bärbel Ebert, eine quirlige Frau in den Vierzigern.
Nach Zahlen des Robert Koch-Instituts erhält jede achte Frau in Deutschland im Laufe ihres Lebens diesen Befund. Brustkrebs gilt bundesweit als die mit Abstand häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Jedes Jahr erkranken rund 75.000 Frauen an einem bösartigen Tumor der Brustdrüse, einem Mammakarzinom.
Austausch auf dem Wasser
Regelmäßige Bewegung gilt während und nach der Therapie als wichtiger Baustein, um Spätfolgen abzumildern und die persönliche Lebensqualität dauerhaft zu stabilisieren. Um Betroffene nach der Diagnose aus der seelischen Isolation zu holen, entwickelte Nicola Jahnke-Sieche das Sportprojekt in der niedersächsischen Landeshauptstadt mit.
Als sie selbst mit Anfang 40 erkrankte, gab es in bestehenden Selbsthilfegruppen kaum Frauen ihrer Generation - offenbar, weil viele etablierte Selbsthilfeangebote jüngere Betroffene nicht erreichen. „Wir brauchen einfach andere Themen, ein anderes Konzept, als sich nur einmal die Woche nachmittags in einem Klinikraum zu treffen“, sagt die Trainerin. Stattdessen wird nun der Austausch auf das Wasser verlegt und mit sportlicher Aktivität kombiniert - vor allem im „Pinktober“, der jährlich im Oktober als internationaler Aktionsmonat das Thema Brustkrebs ins öffentliche Bewusstsein rückt.
Im Boot zählt nur der Rhythmus
Den Sportlerinnen gibt das Training viel seelischen Rückhalt. „Es entsteht ein Gemeinschaftsgefühl mit den anderen Frauen“, sagt Bärbel Ebert. Das mache die Gruppe stark und helfe ungemein im Umgang mit der Erkrankung. Auf dem See rückt mancher belastender Gedanke in den Hintergrund, denn im Drachenboot zählt nur eins: das geschmeidige Zusammenspiel der Paddlerinnen. „Bei mir wird der Kopf dabei total frei“, erzählt Lea Heim, die Jüngste im Team, die ihre Diagnose vor einem Jahr erhielt. „Ich denke in diesem Moment nur dran, im Rhythmus zu bleiben - und nicht an den Krebs.“
Neben Ablenkung bietet der Wassersport auch handfeste medizinische Vorteile: Durch die gleichmäßige Armbewegung beim Paddeln wird der Lymphabfluss angeregt. Das beugt schmerzhaften Lymphödemen vor, die als chronische Flüssigkeitsstaus nach einer Brustkrebsoperation auftreten können.
Verändertes Körpergefühl
Zudem spüren die Sportlerinnen, wie verloren geglaubte Kräfte zurückkehren. Das Training schaffe ein verändertes Körperbewusstsein, sagt Trainerin Jahnke-Sieche. „Der Körper mobilisiert sich an Stellen, die durch die Operation total eingeschränkt wurden. Und das ist einfach eine ganz wertvolle Erfahrung.“
Organisiert wird das Training vom Verein „Pinke Zitronen“, der neben dem Drachenboot-Sport weitere Angebote wie Laufgruppen und Yoga für jüngere Patientinnen bereithält. Seit dem Jahr 2018 haben über 700 betroffene Frauen den Kontakt zu der hannoverschen Initiative gesucht. Derzeit paddeln rund 30 Frauen fest im Team der „Hannover Pinkx“.
Verbundenheit wird großgeschrieben
Am Ufer spüren auch Neuzugänge, dass Verbundenheit bei den „Pinken Zitronen“ großgeschrieben wird. Vor Trainingsbeginn erhält Lea Heim, die erst seit kurzem am Training teilnimmt, eine Geschenktüte mit pinkfarbenen Überraschungen, während die anderen applaudieren.
Nach dem Training bilden die Frauen einen Abschlusskreis. „Hannover Pinkx!“ rufen sie kraftvoll und kämpferisch. Sie klatschen einander ab, Hände fliegen in die Höhe. Die Begeisterung und das Gefühl, miteinander verbunden zu sein, trägt sie. Mindestens bis zum nächsten Training, mit vereinter Kraft im Drachenboot.