Katholikentag zwischen Reformdruck und Glaubensfragen
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Abendsegen auf dem Residenzplatz beim Katholikentag in Würzburg
Würzburg (epd).

Politische Verantwortung, gesellschaftlicher Zusammenhalt und die Zukunft der Kirche standen im Mittelpunkt des am 17. Mai zu Ende gegangenen Katholikentags in Würzburg. Das Treffen in der unterfränkischen Barockstadt machte die Spannungen und Hoffnungen der katholischen Kirche gleichermaßen sichtbar.

Für Aufmerksamkeit sorgten die traditionellen Besuche von Bundespräsident und Bundeskanzler. Der evangelische Christ Frank-Walter Steinmeier nahm dabei Abschied: „Wenn ich mir bei meiner letzten Rede als Bundespräsident auf dem Katholikentag etwas wünschen dürfte, dann bitte das: Mehr Ökumene wagen!“

Selbstkritischer Kanzler

Der katholische Christ Friedrich Merz (CDU) - als Bundeskanzler zum ersten Mal auf dem Laientreffen - zeigte sich selbstkritisch. Er müsse seine Kommunikation verbessern. Er wolle der Bevölkerung, gerade den Jungen, die Zukunftsangst nehmen - Buh-Rufe von Demonstranten kamen dennoch.

Die Debatte um die politische Rolle der Kirchen wurde fortgesetzt: Während Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) den Kirchen erneut zu viel politische Einmischung vorhält, pocht der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, auf das Recht und die Aufgabe der Kirchen, sich politisch einzumischen.

Kunstaktion „Schmerzpunkt“ zum Thema Missbrauch

Dass sich der Katholikentag politisch positioniert, zeigte sich auch bei der Teilnehmerfrage: Die Leitung hatte früh entschieden, Gruppen, Organisationen und Parteien, die menschenfeindliche, demokratiefeindliche oder rassistische Positionen vertreten, nicht zuzulassen. „Auf dieser Grundlage wurden unter anderem Mandatsträger der AfD nicht eingeladen“, so ein ZdK-Vertreter.

Den Katholikentag von Anfang an begleitet hat erneut das Thema Missbrauch. In Podiumsgesprächen und bei Kunstaktionen wurden immer wieder die Wunden deutlich, die der kirchliche Missbrauch bei einzelnen Menschen, aber auch innerkirchlich gerissen hat.

Sichtbar machen sollte dies die Kunstaktion „Schmerzpunkt“ der Münchner Künstlerin Susanne Wagner. An 15 Kirchen und zentralen Orten des Katholikentags wurden Glasplatten mit aufgesprühten roten Punkten angebracht, in ihrem Zentrum jeweils die Darstellung eines Kreuzes an einer Kette. Diese Schmerzpunkte sollen der Beschreibung zufolge „das unbegreiflich Schreckliche des Missbrauchs“ sichtbar machen und „die institutionelle Verantwortung markieren“.

„Nachholende Gerechtigkeit“

Kerstin Claus, die unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, machte bei einem Podiumsgespräch deutlich, dass es bei der Aufarbeitung noch viel zu tun gebe. „Wenn wir über Aufarbeitung sprechen, geht es auch um Rechenschaftspflicht und Verantwortung“, sagte sie. Betroffene hofften auf eine Art „nachholende Gerechtigkeit“.

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, bezeichnete das Ausmaß des Missbrauchsskandals als kaum beschreibbar. Es gehe dabei nicht nur um einen „furchtbaren Skandal“ und massive Vertuschung, sondern um nichts weniger als „Verbrechen“, sagte der Hildesheimer Bischof am Samstag. Vor 16 Jahren hatte der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Deutschland seinen Anfang genommen. Aktuelle Recherchen gehen von mehr als 2.800 Beschuldigten seit 1945 aus.

Synodaler Weg: Sorge vor „Stoppschild“ des Vatikans

Die Antwort der katholischen Kirche in Deutschland auf den Missbrauchsskandal war der Synodale Weg. Der Reformdialog war 2019 zur Überwindung des Vertrauensverlusts zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken als Laienorganisation vereinbart worden. Die Synodalkonferenz, in der Bischöfe und Laien erstmals gemeinsam beraten und Beschlüsse fassen sollen, bedarf noch der Zustimmung aus Rom.

ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp warnte in Würzburg vor einem Abbruch des Reformprozesses. Sie könne nur hoffen, dass die deutschen Bischöfe aus Rom diesmal kein „Stoppschild“ erhalten wie bei der Schwangerenkonfliktberatung. 1999 zog sich die katholische Kirche in Deutschland auf Druck aus Rom aus der staatlich anerkannten Konfliktberatung zurück. Für den nächsten Schritt im Synodalen Weg sei sie jedoch zuversichtlich, bald eine positive Antwort aus Rom zu bekommen.

Der Katholikentag 2024 fand im eher säkular geprägten Erfurt statt, 2028 wird das sehr katholisch geprägte Paderborn an der Reihe sein. Der Deutsche Evangelische Kirchentag ist vom 5. bis 9. Mai 2027 in Düsseldorf zu Gast. Viele Christen warten auf den nächsten Ökumenischen Kirchentag wie 2003 in Berlin, 2010 in München und 2021 in Frankfurt am Main. Doch bislang gab es dazu noch keine Signale.

Von Julia Riese und Stephan Cezanne (epd)