Sie erinnern an die Entschlossenheit einer Studentin und den Kampf für europäische Werte: Persönliche Gegenstände wie Frontausrüstung, ein Tagebuch und ein Zauberwürfel der in der Ukraine gefallenen deutschen Sanitäterin Savita Wagner sind ab sofort im Haus der Geschichte in Bonn zu sehen. Ihre Mutter Ursula Wagner und der Witwer Karl Stenerud haben die Objekte am Mittwoch als Schenkung an die Stiftung des Museums übergeben.
„Nichts wird meine Tochter zurückholen und ich kann jetzt nur noch dafür sorgen, dass ihre Geschichte bekannt wird“, sagte Ursula Wagner bei der Übergabe. Die 1987 in Bonn geborene Savita Wagner studierte Mathematik in Halle, zuvor einige Semester Medizin. Als die russische Armee die Ukraine überfiel, wollte sie das angegriffene Land unterstützen. Sie meldete sich erst als humanitäre Helferin, war zunächst Fahrerin, später als Kampfsanitäterin in einer Freiwilligeneinheit der ukrainischen Armee. Am 31. Januar 2024 wurde sie im Einsatz getötet.
Mutter: Tod der Tochter war „doppelter Schock“
Mit dem Tod ihrer Tochter sei für sie eine persönliche Tragödie eingetreten, berichtet die Mutter. Savita habe ihr erst nicht erzählt, dass sie in die Ukraine gegangen sei und was sie dort tat. Deshalb sei es ein „doppelter Schock“ gewesen, als sie durch einen Telefonanruf über den Tod ihrer Tochter informiert wurde.
Es sei ihr wichtig, dass die Gegenstände überdauern und gewürdigt werden, erklärt Wagner. Zuhause würde sie diese im Keller aufbewahren und nicht ständig ansehen. Savitas Ausrüstung, ihr gelb-blaues Grabtuch mit Goldfransen und ihre Tapferkeitsmedaille, ihr Zauberwürfel und Tagebuch sind ab sofort im „Heute-Zeitraum“ am Ende der neuen Dauerausstellung „Du bist Teil der Geschichte. Deutschland seit 1945“ zu sehen. Auch ein Bild der jungen Frau in Frontkleidung erinnert an ihren Einsatz.
Biermann: „Überragende Objekte“ für das Museum
Der Präsident der Stiftung Haus der Geschichte, Harald Biermann, betont, die Gegenstände zeugten von Mut und Entschlossenheit der gefallenen Sanitäterin und vom Kampf für europäische Werte. Für die Stiftung seien es „überragende Objekte“, die nun durch die Aufnahme ins Haus der Geschichte Teil des kulturellen Gedächtnisses der Bundesrepublik seien. Sie sollen laut Museum eine persönliche Perspektive auf den Krieg eröffnen. Auch Objekte der AP-Journalisten Mstyslav Chernov und Evgeny Maloletka, die als letzte Pressevertreter aus dem besetzten Mariupol berichteten, sind Teil der Dauerausstellung.
Durch Auszüge aus Savita Wagners Tagebuch könnten Besucherinnen und Besucher die Sanitäterin auch persönlicher kennenlernen, betont Biermann. Sie berichtet darin von Anfang 2022 bis Anfang 2024 etwa von Briefen und Bildern, die die Armee von dankbaren Schulkindern erreichten. Savita Wagner erzählt vom vielen Warten auf Informationen und Anweisungen im Krieg. Als Ablenkung nutzte sie ihrer Mutter zufolge ihren Zauberwürfel, den sie „in Windeseile“ lösen konnte. Savita berichtet aber auch von den vielen Ungewissheiten und Bedrohungen. „Ich bin in der Ukraine 'paranoid' geworden“, schreibt sie auf Englisch. Ständig suche sie etwa den Himmel nach Drohnen ab und habe verschiedenste Vorsichtsmaßnahmen lernen müssen. Auszüge aus dem Tagebuch werden im April in Deutschland und im Mai auch in der Ukraine als Buch veröffentlicht.
Sargtuch zunächst nur Leihgabe
Die nun zu Ausstellungsstücken gewordenen Gegenstände ihrer Tochter habe sie mit ihrem Schwiegersohn „in der Ukraine eingesammelt“, erzählt Ursula Wagner. Einige seien ihnen vom Militär zugeschickt worden. Nur vom Sargtuch ihrer Tochter, einer ukrainischen Flagge, könne sie sich „noch nicht ganz trennen“. Diese ist als einziges Objekt zunächst nur eine Leihgabe.