Am 3. August 1941 tritt der Bischof von Münster, Clemens August von Galen, auf die Kanzel der St. Lamberti-Kirche: In seiner Predigt protestiert er mit scharfen Worten gegen die massenhafte Ermordung von behinderten und psychisch kranken Menschen durch die Nationalsozialisten. Die Rede wird danach in Deutschland massenhaft illegal verbreitet. Wegen dieser mutigen Kritik an den Nazis gilt Galen vielen Katholiken als „Löwe von Münster“. Vor 80 Jahren, am 22. März 1946, starb der Bischof kurz nach seiner Ernennung zum Kardinal.
Der aus einem streng katholischen Adelshaus stammende, 1878 auf Burg Dinklage bei Vechta geborene Galen begegnete der Weimarer Republik mit Skepsis. Er kritisierte als Großstadtpfarrer in Berlin weltanschauliche Liberalität, Frauenbewegung und vermeintlichen Sittenverfall. Als das Bistum Münster 1933 einen neuen Bischof suchte, war Galen Pfarrer an St. Lamberti. Er sei lediglich „dritte Wahl“ gewesen und erst nach Rückzug weiterer Kandidaten zum Zug gekommen, erläutert der Galen-Forscher Matthias Daufratshofer von der Theologischen Fakultät Paderborn.
Als die Synagogen brannten, schwieg Galen
Der konservativ-national gesinnte Adlige schien für die neuen nationalsozialistischen Machthaber akzeptabel zu sein. Galen zeigte in vielen Fragen die nach kirchlicher Überzeugung gottgewollte Loyalität zur Obrigkeit. Im Kampf gegen Kommunismus, Gottlosigkeit und Unsittlichkeit sah er gemeinsame Interessen von Kirche und neuem Staat. Er begrüßte die Besetzung des entmilitarisierten Rheinlands ebenso wie den Krieg gegen die Sowjetunion.
Andererseits kritisierte der Bischof die NS-Rassenideologie, Antiklerikalismus und Neuheidentum. Als die Nazis Rechte der Kirche antasteten und ihre Verbände, Schulen und Orden bedrängten, versuchte Galen, die Bischofskonferenz zu öffentlicher Kritik zu bewegen - vergeblich. Mit einer Handvoll anderer Bischöfe sprach er bei Papst Pius XI. vor. Dessen NS-kritische Enzyklika „Mit brennender Sorge“ ließ Galen 1937 in Sonderdrucken im Bistum verteilen.
Im Kontrast dazu steht Galens ausbleibender öffentlicher Protest gegen die Judenverfolgung - selbst als 1938 in der Pogromnacht die Synagogen brannten. Galen war, obwohl er persönliche Kontakte zu Juden hatte, wohl im damaligen katholischen Mainstream eines theologisch begründeten Antisemitismus gefangen, erklärt der Historiker Daufratshofer. Im 2005 vom Vatikan abgeschlossenen Seligsprechungsverfahren für Galen habe der Hauptberichterstatter das Schweigen sogar als umsichtig gerechtfertigt, sagt der Forscher - mit dem Argument, in den Niederlanden habe Protest der Bischöfe gegen Juden-Deportationen die Nazis erst recht angestachelt. Erstmals hatte Daufratshofer vor kurzem das Schlussplädoyer in den Seligsprechungsakten einsehen können.
Bischof rechnete mit Verhaftung und Tod
Nach Einschätzung Daufratshofers wurde Galen zwischen seinem christlichen Gewissen und dem Gehorsam zum NS-Staat zerrissen. Im Sommer 1941 setzte sich sein Gewissen durch. In mehreren Predigten geißelte der Bischof zunächst die Übergriffe der Nazis auf katholische Klöster, dann die seit 1940 andauernden Massenmorde, denen bis zu 100.000 kranke und behinderte Menschen zum Opfer fielen: „Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind?“, rief Galen.
Der Bischof habe mit seiner Verhaftung gerechnet und seinen Tod „bewusst einkalkuliert“, sagt Juniorprofessor Daufratshofer. Doch die Nazis schreckten davor zurück, Galen zum Märtyrer zu machen und dadurch mitten im Krieg die katholische Bevölkerung gegen sich aufzubringen. Hitler stoppte noch im August das Mordprogramm „Aktion T4“. Tötungen von Kranken und Behinderten gingen allerdings auf weniger auffällige Weise weiter.
Seligsprechung machte Galen zur Identifikationsfigur
Durch die mutigen Predigten wurde der Kardinal nach seinem Tod als Held verehrt. Erst ab Ende der 1960er Jahre setzte eine kritische Diskussion ein, schildert Daufratshofer. Mit der Seligsprechung 2005 sei Galen erneut zur Identifikationsfigur geworden. Im November vergangenen Jahres setzte sich der Apostolische Nuntius in Deutschland, Nikola Eterovic, für eine Heiligsprechung Galens ein.
Als Widerstandskämpfer gegen die NS-Diktatur würde er Clemens August von Galen nicht bezeichnen, betont Daufratshofer. Im entscheidenden Moment sei der Bischof aber über sich hinausgewachsen, habe Mut und Zivilcourage gezeigt und sich für die Menschenrechte eingesetzt. Vor dem Hintergrund der aktuellen Krise der Demokratie und weltweiten totalitären Tendenzen sei es gut, dass die katholische Kirche einen solchen Seligen habe, resümiert der Wissenschaftler.
In der Studie zum Umgang des Bistums Münster mit sexualisierter Gewalt kommt Galen nur am Rand vor. Der untersuchte Zeitraum beginnt mit Kriegsende 1945 - zehn Monate später starb der Oberhirte. Allerdings wurde ein Fall bekannt, bei dem Galen von sexuellen Übergriffen eines Kaplans erfuhr und ihn lediglich versetzte. Später sei der Kaplan erneut übergriffig geworden.