Zeugen für die Ewigkeit
s:69:"Ein Zitat von Eva Weyl in einer Broschüre des Vereins "Zweitzeugen".";
Ein Zitat von Eva Weyl in einer Broschüre des Vereins "Zweitzeugen".
Erinnerungsprojekt lädt zum Austausch mit Holocaust-Überlebenden ein
Essen (epd).

Eva Weyl sitzt sich selbst gegenüber. Bis zu 80 Schul-Besuche, die die Holocaust-Überlebende seit 2008 pro Jahr absolvierte, sind der inzwischen 90-Jährigen zu viel geworden. „Aber ich will, dass vor allem Jugendliche erfahren, was geschehen ist“, sagt die temperament- und humorvolle Niederländerin. Deshalb hat sie sich vor einigen Monaten an der TU Dortmund an drei Tagen über 200 Fragen zu ihrem Leben stellen lassen - mit einer speziellen KI-Technik, die die jüdische Zeitzeugin nun in Halle 8 der Zeche Zollverein als dreidimensionales Hologramm abbildet.

In der am Dienstag eröffneten Ausstellung „Holo-Voices“ können Besucherinnen und Besucher Weyls Abbild Fragen stellen und erhalten passende Antworten. „Dabei hat die KI keine Chance, zu halluzinieren“, betont TU-Mitarbeiter Joshua Grodotzki, dessen Team bereits sechs Interviews produziert hat. Weitere Zeitzeugen sollen folgen. Die Zeit drängt. Denn, wie der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, mahnt: „Je weniger Zeitzeugen es gibt, desto größer wird die Zahl derer, die den Holocaust leugnen.“

Inspiration aus Chicago

Deshalb rannte NRW-Kulturministerin Ina Brandes (CDU) bei ihm offene Türen ein, als sie das Vorstandsmitglied der Kölner Synagogengemeinde - inspiriert vom Besuch des Holocaust Memorial Museums in Chicago - für das Projekt „Holo-Voices“ gewinnen wollte. Sie selbst habe in den 80er Jahren in vielen Schulfächern vom Holocaust gehört, aber erst eine Ahnung von der menschlichen Katastrophe bekommen, als sie die Gedenkstätte Theresienstadt besuchte und dort von einer ehemaligen Lager-Insassin herumgeführt wurde, berichtet sie.

Eva Weyl wurde nach der deutschen Invasion im Januar 1942 ins niederländische KZ Westerbork gebracht - zusammen mit ihren in Freiburg und Kleve geborenen Eltern, die bereits 1934 aus dem nationalsozialistischen Deutschland ins niederländische Arnheim geflohen waren. Dort wurde Eva am 7. Juni 1935 geboren. Ihre Familie führte in der neuen Heimat ein Damenbekleidungsgeschäft. Wie durch ein Wunder entging die Familie mehreren Deportationen in den Osten - im Gegensatz zu vielen anderen der über 100.000 im Durchgangslager Westerbork inhaftierten Juden, Sinti und Roma. Lediglich 5.000 dieser Menschen überlebten den Genozid.

Verantwortlich dafür, dass Geschichte nie vergessen wird

Am 12. April 1945 wurde die Familie Weyl von kanadischen Soldaten befreit - ein Datum, das Eva, ihre Kinder und Enkel bis heute feiern. Seit 2008 besucht die in Amsterdam lebende Seniorin Schulen in Deutschland, um von ihren Erfahrungen zu berichten, in den vergangenen Jahren oft gemeinsam mit Anke Winter. Mit der Enkelin des Lagerkommandanten von Westerbork verbindet Weyl inzwischen eine enge Freundschaft. „Ihr seid nicht verantwortlich für die deutsche Vergangenheit“, sagt das Eva-Hologramm zu den gebannt lauschenden Zehntklässlern der Essener Elsa-Brandström-Realschule, die den ersten Testlauf begleiten dürfen. „Aber ihr seid verantwortlich dafür, dass unsere Geschichte nie vergessen wird. Das ist eure Aufgabe!“

So schlägt auch die Begleitausstellung „Frag nach“ einen Bogen zur Gegenwart, zu Ausgrenzung, Antisemitismus, Migration und Neuanfang heute. Produziert wurde sie mit den KI-Interviews der heute in den USA lebenden Zeitzeugen Inge Auerbacher und Kurt Salomon Maier vom Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek. Zum neuen Erinnerungs- und Lernort „Holo-Voices“ gehört auch die Ausstellung „Unter Tage - Unter Zwang“ zur Zwangsarbeit im Steinkohlenbergbau. Sie wurde vom Verein „Zweitzeugen“ kuratiert und ist in Kooperation mit dem Ruhr Museum entstanden.

„Es gibt bereits 160 Anfragen von Schulen aus ganz NRW“, berichtet Ministerin Ina Brandes. Bis zum Sommer dürfte es also - zur Freude von Eva Weyl - rund 4.000 neue „Zweitzeugen“ geben, die die Erinnerungen der Holocaust-Überlebenden weitertragen können.

Von Stefanie Mergehenn (epd)