Der Messeranschlag von Solingen: Was sich zwei Jahre danach getan hat
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Das terroristische Verbrechen in Solingen vom 23. August 2024 veränderte das Leben vieler Menschen (Archivbild).
Solingen (epd).

Seit dem Messeranschlag beim „Fest der Vielfalt“ zum 650. Jubiläum der Stadt Solingen vor zwei Jahren ist einiges passiert: Lebenslange Freiheitsstrafe für den Täter, der Schock ist größtenteils überwunden, Solingen feiert wieder größere Feste. Doch die Trauer um die Ermordeten - eine Frau und zwei Männer im Alter von 56 und 67 Jahren - und die emotionalen Kämpfe der Verletzten und Hinterbliebenen dauern an. Das terroristische Verbrechen vom 23. August 2024 veränderte das Leben vieler Menschen - und hatte weitreichende politische Folgen in der Innen- und Asylpolitik.

Der Konfliktforscher Andreas Zick sieht noch Nachholbedarf. Er mahnt eine bundesweite Gesamtstrategie zur Prävention und Bekämpfung von politischer Gewalt an, „zumal seit Jahren auch menschenfeindliche und vorurteilsbasierte Hasstaten massiv zugenommen haben“, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Gewaltprävention als Verpflichtung gegenüber den Opfern

Vor knapp 40 Jahren ist laut Zick die letzte Unabhängige Regierungskommission zur Verhinderung und Bekämpfung von Gewalt eingerichtet worden. Dabei sei das Ausmaß der Gewalt heute höher. Von der Entwürdigung bis zum Terror müsse Gewalt von innen und außen aufgearbeitet werden, sagte der Direktor des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld.

Der Täter von Solingen, Issa al Hasan, wurde im Herbst 2025 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit Sicherungsverwahrung verurteilt. (AZ: III-5 St 2/25) Die Richter sahen es als erwiesen an, dass der zum Tatzeitpunkt 26-jährige Syrer heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen handelte. Sie sahen auch einen Zusammenhang zur Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS).

Debatte um Asylpolitik

Al Hasan war Anfang 2023 als Asylsuchender nach Deutschland gekommen. Ein Versuch, ihn nach den Dublin-Regeln nach Bulgarien abzuschieben scheiterte, weil er nicht angetroffen wurde. Weitere Anläufe wurden nicht konsequent verfolgt. Diese Erkenntnisse führten zu einer hitzigen Diskussion über Flüchtlingspolitik und Asylverfahren. Auf NRW-Landesebene stand besonders Integrationsministerin Josefine Paul (Grüne) in der Kritik, die im Januar 2026 zurücktrat. Der Untersuchungsausschuss im Landtag läuft noch.

Nach dem Anschlag folgten Forderungen nach einem grundlegenden Aufnahmestopp von Menschen aus Syrien und Afghanistan sowie nach Abweisungen an den deutschen Grenzen. Sozial- und Migrantenorganisationen kritisierten die aufgebrachte Stimmung. Migranten würden unter Generalverdacht gestellt, mahnte etwa die Diakonie.

Anschläge haben gesellschaftliches Klima verändert

Rund um das Verbrechen in Solingen wurden auch anderen Städten wie Mannheim, Magdeburg oder Aschaffenburg durch Anschläge erschüttert. „Diese Ereignisse haben das gesellschaftliche Klima signifikant verändert, auch wenn die Hintergründe jeweils unterschiedlich waren“, sagte der Bonner Politikwissenschaftler Volker Kronenberg dem epd. Davon habe die AfD profitiert.

Mit einem schnell verabschiedeten Maßnahmenpaket wollte die NRW-Landesregierung für mehr Sicherheit und Prävention sorgen sowie Migration rigider steuern. Auch die damalige Ampel-Koalition im Bund einigte sich auf ein „Sicherheitspaket“: Verschärfungen des Aufenthalts- und Waffenrechts, mehr Befugnisse für Sicherheitsbehörden und Grenzkontrollen. Die folgende Bundesregierung aus Union und SPD stieß weitere, umstrittene Verschärfungen an, etwa die Aussetzung des Familiennachzugs und Zurückweisungen von Asylsuchenden an deutschen Grenzen.

Reul: Gibt „keine Maßnahme, mit der man alles im Griff hat“

Aber auch Kommunen reagierten vielerorts mit mehr Kontrollen sowie Polizeipräsenz bei Veranstaltungen. Dennoch gebe es „keine Maßnahme, mit der man alles im Griff hat“, betonte der NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) nach dem Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day (CSD) Ende Juli. Es werde immer Menschen geben, „die durchs Raster fallen, weil Radikalisierung im Verborgenen und oft in kurzer Zeit abläuft“. Den Attentäter von Solingen hätten die Behörden zuvor „null auf dem Schirm“ gehabt, sagte Reul. Einen Zusammenhang zu dem Attentäter von Berlin gibt es nach Erkenntnissen des NRW-Innenministeriums nicht.

Solingen ist unterdessen auf dem Weg zurück in die Normalität. Laut der Notfallseelsorgerin Simone Henn-Pausch gibt es in der Stadt beim Umgang mit dem Anschlag die „ganze Bandbreite“ an Reaktionen. Einige Menschen würden bis heute den Innenstadtbereich oder größere Feste meiden. Für Andere seien die Ereignisse „kein Thema mehr“.

Schockstarre in Solingen gewichen

Oberbürgermeister Daniel Flemm (CDU) sagte dem epd, dass die erste Schockstarre gewichen sei. Doch für die direkt Betroffenen und ihre Familien sei die Belastung bis heute spürbar.

Von Nora Frerichmann (epd)