Trauerangebot für Eltern von "Sternenkindern"
Magdeburg (epd).

Sie werden Schmetterlings- oder Sternenkinder genannt: Babys, die noch während der Schwangerschaft gestorben sind. Für betroffene Familien ist dies ein Schock, berichtet Krankenhausseelsorger Stephan Bernstein. Gerade noch war die Vorfreude groß, dann bricht eine Welt zusammen. Geschah die Fehlgeburt sehr früh, so dass das Baby unter 500 Gramm wog, gab es bis 2013 oft auch keine Bestattung. Für viele Eltern sei dies traumatisch gewesen, wenn zum Verlust des Kindes noch hinzukam, keinen Ort zum Trauern zu haben, sagt der Seelsorger aus dem Magdeburger Uniklinikum.

Seelsorger und betroffene Eltern setzten sich deshalb vielerorts dafür ein, dass Bestattungen unabhängig von der Größe des Kindes ermöglicht werden. In Magdeburg gibt es deshalb seit Jahren Angebote zur anonymen Beisetzung in einem Kindergemeinschaftsgrab. Der Stadtgartenbetrieb hat dieses auf dem Westfriedhof angelegt. „Zweimal im Jahr laden wir betroffene Familien zur Trauerfeier ein“, berichtet Sarah Zech. Die engagierte Frau kam 2018 selbst als trauernde Mutter. Die Gemeinschaft habe ihr gut getan, das Verstehen, der geteilte Schmerz; ohne viele Worte. Seit einigen Jahren leitet sie „Sternenzauber & Frühchenwunder“, die Magdeburger Elterngruppe.

Wegbegleiter für trauernde Familien

„Wir treffen uns jeden Monat - wenn die Eltern mögen“, sagt Zech. Sie können dazu das Trauerinstitut der Pfeifferschen Stiftungen als Anlaufpunkt nutzen. „Wir sehen uns nicht als klassische Selbsthilfegruppe, wo man viele Jahre zum Reden hingeht, eher Wegbegleiter“, sagt sie. Denn jeder sei unterschiedlich und trauere anders. Manche Familien kommen, bis der Kinderwunsch endlich doch erfüllt ist. Da helfe es dann auch, bei den Treffen etwas gemeinsam zu tun. Deshalb fertigen sie gern kleine Geschenke für betroffene Familien; oder Sterne für den Gedenkbaum auf dem Friedhof.

„Am Mittwoch vor Ostern ist traditionell eine Trauerfeier mit Beisetzung stillgeborener Kinder auf dem Westfriedhof“, erzählt Gesine Rabenstein. Sie ist Krankenhausseelsorgerin im städtischen Klinikum Magdeburg. Gemeinsam mit Stephan Bernstein und Schwester Teresa Koplin vom Marienstift und der Elterngruppe um Zech bereitet sie die Trauerfeier vor. Manchmal werde nur eine Handvoll Kinder beerdigt, „doch wir hatten auch schon 45 auf einmal.“ Schätzungen sprechen davon, dass zehn bis 20 Prozent aller Schwangerschaften mit einer Fehlgeburt enden.

Gegen Tabus und Sprachlosigkeit

Doch im Alltag von vielen sei das Thema ein Tabu. Auch in den Kliniken werde erst seit Kurzem offener über das Thema gesprochen, haben Seelsorger und betroffene Eltern beobachtet. „Es ist wichtig, dass die Familien vernünftig informiert werden“, sagt Zech. Erst recht, wenn ab Mai in Sachsen-Anhalt Familien auf Grund des neuen Bestattungsgesetzes bei jeder Fehlgeburt entscheiden können, ob sie eine Bestattung wünschen, ob im Gemeinschaftsgrab oder ganz individuell. „Ich biete Familien auch Einzelgespräche an, wenn sie in der Gruppe nicht über den Verlust sprechen können“, ergänzt die Leiterin der Elterngruppe.

„Doch manchmal sind betroffene Eltern noch nicht bereit und können die Hinweise der Klinik noch gar nicht annehmen. Da braucht es viel Einfühlungsvermögen der Mitarbeiter“, verdeutlicht Rabenstein. Ihr und ihren Seelsorgekollegen geht es um Trost und Begleitung. Bei der Trauerfeier machen sie etwa das Angebot, gemeinsam das Vaterunser zu sprechen. Das werde oft angenommen, obwohl nur ein kleiner Teil der Familien gläubig sei. „Wir wollen die Familien erreichen und ihnen zur Seite stehen“, ergänzt die Seelsorgerin.

Loslassen und Abschied nehmen

In der Mitte des Gemeinschaftsgrabes steht eine Holzstele mit silberfarbenen Sternen. Sie stehen für die Kinder. „Wir sagen gern, dass ihre Seelen aufsteigen, wie Schmetterlinge, während ihre Körper ins Grab eingesenkt werden“, sagt Seelsorger Bernstein. Auch die Trauernden müssen lernen, loszulassen. „Das macht es den Familien leichter, Abschied zu nehmen“, sagt der Seelsorger.

Von Thomas Nawrath (epd)