Bei der Frage, ob er einen ehrenamtlichen Vormund wolle, hat er einfach „Ja“ gesagt, erzählt Habibullah. So richtig verstanden, zu was er da zugestimmt hat, hatte der mittlerweile 17-Jährige aus Afghanistan in diesem Moment trotz Dolmetscher nicht. Der Jugendliche grinst und schaut seinen Vormund, Thomas Krampitz, an.
Habibullah kam mit 14 Jahren als „UMF“, „unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“, nach Berlin. Jeder UMF benötigt einen Vormund. Das kann ein gesetzlicher Vormund, ein Verein oder eben ein ehrenamtlicher Vormund wie Thomas Krampitz sein.
Interesse potenzieller Vormünder rückläufig
Wer ehrenamtlicher Vormund werden möchte, kann sich bei einem Träger wie der Caritas informieren, erklärt das Netzwerk Vormundschaft. Nach einem Kennenlerngespräch und mehreren Treffen mit dem potenziellen Mündel entscheiden beide Seiten, ob sie zusammenpassen. Ist das der Fall, übernimmt der Träger die weiteren Schritte und die Schulung des Vormunds. Nach vier bis acht Wochen wird die Vormundschaft mit der Übergabe der Bestellungsurkunde am Familiengericht offiziell.
Derzeit seien 53 ehrenamtliche Vormünder bei der Caritas Berlin im Einsatz, die bei ihrer Arbeit begleitet und unterstützt werden, sagt eine Sprecherin. Sowohl die Zahl der ankommenden Jugendlichen als auch das Interesse potenzieller Vormünder sei rückläufig. Da eine ehrenamtliche Vormundschaft jedoch Vorrang vor allen anderen Formen habe, sei es trotzdem wichtig, weiterhin Vormünder zu finden.
Thomas Krampitz ist seit 2023 Rentner. Davor war er Jurist. Krampitz ist in Habibullahs Alltag nicht präsent. „Ich bin kein Elternersatz“, sagt er. Ein Vormund ist die persönliche und rechtliche Vertretung seines Mündels, bestimmt über Aufenthalt sowie Erziehung und trägt Sorge für das Vermögen des Mündels. Gesetzlich müssen sich Vormund und Mündel einmal im Monat sehen. Diese Grenze überschreiten Krampitz und Habibullah fast immer.
„Machtlos“ bei Unterbringung
Als Vormund ist es nicht Krampitz Aufgabe, finanziell für Habibullah zu sorgen. Ihn zu einem gemeinsamen Urlaub einzuladen, verbietet Krampitz aber niemand. Die beiden waren schon in Prag, sind auf dem Elberadweg und an der Ostsee entlang geradelt und waren gemeinsam in der Berliner Philharmonie.
Was er als Vormund nicht beeinflussen konnte, war Habibullahs Unterbringung. „Machtlos“ sei er gewesen, als die eigentliche Unterkunft ihre Türen schloss und Habibullah vorübergehend in ein Hotelzimmer mit bis zu drei weiteren Jungen „verschoben“ wurde, erzählt Krampitz. Er suchte daraufhin nach einer Wohngemeinschaft, blieb aber erfolglos. Nur durch Zufall wurde nach zweieinhalb Monaten ein Platz in Habibullahs jetziger Wohngemeinschaft frei.
Probleme werden zu Integrationshindernissen
Ähnlich mühselig war laut Krampitz der Wechsel seines Mündels an eine Regelschule. Lange blieb die Rückmeldung des Bezirksamtes aus, bis Krampitz sich einschaltete. Auch die Eröffnung eines Bankkontos für Habibullah war nicht einfach.
Gerade Minderjährige sind mit der Lösung solcher Angelegenheiten allein überfordert, erzählt Krampitz. Probleme werden so schnell zu einem Integrationshindernis. Ehrenamtliche Vormünder sind Krampitz zufolge dazu da, solche Hindernisse gar nicht erst entstehen zu lassen.
Viel voneinander gelernt
Habibullah ist in der achten Klasse einer Berliner Integrierten Sekundarschule, im nächsten Schuljahr steht für ihn die Berufsreife an. Danach möchte er die Mittlere Reife ablegen.
Habibullah hat von seinem Vormund „viel gelernt“. „Kultur und alles“, sagt der Jugendliche. Ob Thomas Krampitz auch etwas von ihm gelernt haben könnte? Habibullah lacht, das glaubt er nicht. Doch die gemeinsame Zeit hat auch Krampitz geprägt: Der Pensionär hatte für seinen Ruhestand nach einer neuen Aufgabe gesucht und wollte neue Erfahrungen sammeln. Genau das ist ihm geglückt, berichtet er. Vor allem hat er seinen Horizont erweitert.
Die Vormundschaft endet automatisch mit dem 18. Geburtstag des Mündels. Danach können ehemalige Vormünder ihre Schützlinge mit Unterstützung der Caritas weiter als Paten begleiten. Habibullah wird in knapp einem Jahr 18. Dann ist er auf sich allein gestellt, sagt er. Thomas Krampitz lächelt, er wird auch danach an Habibullahs Seite sein. Dann aber rein freundschaftlich.