Dresdner Ausstellung zu moralischen Grenzüberschreitungen
Dresden (epd).

Die im christlichen Glauben überlieferten „sieben Todsünden“ sind von Freitag an Mittelpunkt einer Ausstellung im Dresdner Archiv der Avantgarden. Als Verfehlungen gelten Hochmut, Habgier, Wollust, Neid, Völlerei, Zorn und Trägheit. Archivleiter Rudolf Fischer sagte am Donnerstag in Dresden: Hinter den sogenannten Todsünden würden allerdings oft „sehr menschliche Bedürfnisse“ etwa nach Anerkennung und Zugehörigkeit, stecken.

Unter dem Titel „Sieben Sünden. Kunst zwischen Versuchung und Widerstand“ veranschaulicht die Ausstellung mit mehr als 70 Exponaten das Spannungsfeld zwischen Verlangen, Maßlosigkeit und Grenzüberschreitungen. Konzipiert wurde die Schau von den Nachwuchswissenschaftlerinnen Isabella Bornberg, Julia Hosp und Rebecca Schmidt, die Objekte aus verschiedenen Sammlungen zusammengetragen haben. Die Kuratorinnen haben an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) ein zweijähriges Volontariat absolviert.

Religiöse Wertvorstellungen

Zu sehen sind bis zum 6. September Kupferstiche, Fotografien, Skulpturen und Filme sowie Audiocollagen. Einige Werke aus dem Archiv der Avantgarden werden erstmals in Deutschland öffentlich gezeigt. Die sieben Todsünden galten über Jahrhunderte hinweg als bewusste Abkehr von der christlichen Ordnung und als schwerwiegende Verfehlungen.

„Der christliche Begriff der Sünde gehe in der modernen Gesellschaft eher verloren“, sagte Archivleiter Fischer. Aber der Hintergrund bleibe aktuell. Die Ausstellung frage auch danach, wie sich religiöse Wertvorstellungen verändern und was sie heute bedeuten. Zum Thema „Gier“ sind etwa Fotografien einer Tagebaulandschaft der Lausitz zu sehen. Für die drei Kuratorinnen stehen diese für die Jagd nach Ressourcen. Aber Gier sei auch Triebkraft der Ausbeutung von Menschen.

Ambivalente Sünden

SKD-Generaldirektor Bernd Ebert sagte, Kunstwerke könnten zeigen, „was Menschen bewegt, sie antreibt und manchmal auch fehlleitet“. Es gebe künstlerische Reflexionen darüber, „wer wir sind“. So würden „Hochmut und Eitelkeit verdecken, dass wir nicht perfekt sind“, sagte Ebert.

Nach Worten von Kuratorin Isabella Bornberg sind Sünden „sehr ambivalent, die Grenzen sind nicht klar“. Mit Blick auf die Völlerei bedeute dies: „Wir müssen essen, weil wir Energie brauchen.“ Aber es gebe auch den „Kippmoment“. Wenn dieser überschritten werde, sei es dann „zu viel von etwas“, das könne dann auch Schaden anrichten.

Wut und Widerstand

Mit dem Wandel der Rolle von Religion im 20. und 21. Jahrhundert veränderten sich die moralischen Vorgaben und Begriffe in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung. Doch auch heute sind laut den Kuratorinnen oft „Momente der Grenzüberschreitung im Alltag, in der Politik oder auf individuell empfundener Ebene mit den Begriffen Stolz, Gier, Lust, Neid, Völlerei, Wut und Trägheit verknüpft“. Julia Hosp sagte, die Ausstellung wolle den „sieben Sünden“ nicht nur negative Begriffe zuschreiben.

Es werde auch gezeigt, dass aus Wut etwa Widerstand erwachse, der Gutes bewirken könne. Für die Audiocollagen haben die drei Volontärinnen unter anderem mit Vertreterinnen der Bewegung „Omas gegen Rechts“ und mit einer Dresdner Initiative für interreligiösen Dialog gesprochen.

Von Katharina Rögner (epd)