Es sind nur wenige Schritte über die Türschwelle. Doch wer den historischen Friseursalon in Altenburg betritt, reist fast ein Jahrhundert zurück. Vor den großen Spiegeln stehen schwere Friseurstühle, drumherum glänzen Lampen und Armaturen aus Chrom. In den Regalen reihen sich Scheren, Rasiermesser, Bürsten und Haarwasserflaschen. Ein großer Teil der Einrichtung stammt noch aus der Eröffnungszeit des Salons vor genau 100 Jahren. Anders als in vielen Museen wurde hier kaum etwas nachgebaut.
Es ist der Salon von Artur Grosse. Irgendwann im Jahr 1926 hatte der Friseurmeister seinen kleinen Handwerksbetrieb in der Pauritzer Straße gegründet. Er führte sein Geschäft durch die Weltwirtschaftskrise, den Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg und die beginnende DDR. Dann ging er in den Ruhestand und schloss den Laden einfach zu. Das Geschäft war, als es noch existierte, zu unbedeutend, als dass sich die Daten der Eröffnung und der Betriebsaufgabe erhalten hätten. Zur Sehenswürdigkeit sollte es erst sehr viel später werden.
Vogelbilder versperrten die Sicht auf den Schatz
Vorerst waren es die Vögel des Artur Grosse, die den Salon in Vergessenheit geraten ließen. „Grosse war begeisterter Hobby-Ornithologe“, sagt der Vorsitzende des Vereins „Historisches Friseurhaus Altenburg“ und langjährige Friseurinnungs-Obermeister Peter Müller. „Und weil er nach der Geschäftsaufgabe 1966 das Schaufenster des Salons mit Vogelbildern vollgestellt hat, konnte niemand mehr sehen, was sich all die Jahre danach hinter der Scheibe verbarg.“
So überstanden die zwei Geschäftsräume - vorn der Herren- und hinten der Damensalon - die DDR, die Wendezeit und auch die Jahre nach 1989 nahezu unverändert. Vom Bartrimmer bis zur Trockenhaube, von der Gasleitung bis zu den Steckdosen blieb alles an seinem Platz. Der Laden wirkt bis heute, als hätte der Friseur ihn nur für einen kurzen Moment verlassen.
Vor 1989 noch keine Besonderheit
„Die Existenz des Salons war unter den Altenburger Friseuren schon noch bekannt“, sagt Müller. Doch zu DDR-Zeiten sei er nicht so interessant gewesen, weil viele Geschäfte ebenfalls mit einem guten Teil an Vorkriegseinrichtungen Haare wuschen, föhnten und legten. Und nach 1989 wurden die Geschäfte in Ostdeutschland fast ausnahmslos modernisiert. Bartscheren und Waschbecken aus den Goldenen Zwanzigern waren nicht mehr gefragt.
Erst 2002 stellte sich die Frage, was mit dem Geschäft passieren sollte. Grosses Erben wollten das Haus verkaufen. Der Preis war so niedrig wie die Immobilie desolat. Die Eigentümer hatten bereits Vorgespräche zum Verkauf des Gesamtobjekts aufgenommen. Infolge des geplanten Verkaufs sollte die Ladeneinrichtung komplett demontiert und an einen anderen Ort verbracht werden. Dies hätte einen unwiederbringlichen Verlust eines einzigartigen Stücks Stadt- und Handwerksgeschichte für Altenburg bedeutet.
Ein historisches Museum, das noch immer funktioniert
Friseurinnung, Stadt und Denkmalpflege retteten dieses Stück Altenburger Handwerksgeschichte mit den Frisiertischen und Wandverkleidungen aus rotem und schwarzem Marmor, Spiegeln, Friseurstühlen, Lampen, Haarschneidemaschinen, Heißwellengeräten und zahlreichen kleineren Gerätschaften. Für 7.000 Euro schlug die Altenburger Friseurinnung zu, kaufte das Haus und gründete 2008 einen Verein, der es bis 2009 für fast 300.000 Euro sanierte.
Seit 2009 sind der historische Friseursalon und eine darüber liegende Handwerkerwohnung im Stil der 1920er Jahre für Besucher wieder zugänglich. Zu Stadtfesten werden hier auch wieder Haare für einen guten Zweck geschnitten. „Das ist das Besondere an dem Salon“, sagt Müller: „Er ist zwar ein Museum, doch er funktioniert bis heute.“
Und genau davon konnten sich 2018 auch schon die Kinogänger der biografischen Verfilmung der Kinderbuchautorin Astrid Lindgren überzeugen. In dem Film „Astrid“ dienten die Einrichtungsgegenstände des Salons als Requisiten für eine der prägendsten optischen Verwandlungen des Lebens der jungen Schriftstellerin. Es war die Szene, in der sie sich ihre langen Haare zu einem rebellischen Bob abschneiden ließ. Die Schere in der Szene führte - Peter Müller.