Arnstadts einzigartige Puppensammlung ist fertig restauriert
Arnstadt (epd).

Der Raum im Erdgeschoss des Arnstädter Schlossmuseums steht voller hölzerner Vitrinen. Manche sind abgeschliffen, andere bereits restauriert. Einige Schaukästen sind schon mit Puppen, Möbeln und Accessoires bestückt. Zusammen bilden die 25 Puppenhäuser die barocke Miniaturstadt „Mon Plaisir“. Nach vierjähriger Sanierung durch das Team um Museumsdirektorin Gabriella Szalay steht das Vorhaben im Juni kurz vor dem Abschluss. „Es ist mehr als eine klassische Sanierung“, sagt sie. Vielmehr gehe es um die Neuerschließung eines historischen Kosmos, in dem Alltagsgeschichte, Kunsthandwerk und höfische Repräsentation eng verwoben seien.

Fürstin Auguste Dorothea von Schwarzburg-Arnstadt (1666-1751) ließ die dichte Inszenierung aus Miniaturen, Textilien, Figuren und Räumen für ihr heute abgerissenes Schloss Augustenberg vor den Toren der damaligen Residenzstadt schaffen.

Die Sammlung geht auf das Jahr 1697 zurück

Die Sammlung geht auf das Jahr 1697 zurück. Aus diesem Jahr gibt es erste Belege für den Ankauf von Puppenobjekten durch die Fürstin. Vermutlich begann sie erst im Erwachsenenalter mit dem Aufbau einer Sammlung, die weit über höfisches Spielzeug hinausging. Sie ließ Miniaturräume gestalten, beauftragte Kunsthandwerker und vereinte Objekte aus verschiedenen Werkstätten. Über den Sinn der im 17. Jahrhundert europaweit beliebten Puppenwelten kann heute nur spekuliert werden. Eine Erklärung sei, dass junge Frauen mithilfe der Puppenhäuser auf ihre Rolle als Hausherrin vorbereitet werden konnten, sagt Szalay.

Die Fürstin habe gezielt Stücke aus unterschiedlichen Regionen zusammengetragen und besonderen Wert auf hochwertige Textilien, kunstvolle Figuren und seltene Alltagsminiaturen gelegt. Auffällig sei, dass nicht nur Innenräume wie Salons, Schlafzimmer und Werkstätten dargestellt werden, sondern auch Außenszenen wie Jahrmärkte, Gärten und öffentliche Plätze. „Diese Erweiterung über das Übliche hinaus macht den Bestand weltweit einzigartig“, so Szalay. Die Sammlung stehe in der Tradition europäischer Wunderkammern, gehe aber darüber hinaus, da sie ein umfassendes Bild gesellschaftlicher Wirklichkeit entwerfe.

Auch einfache Leute werden gezeigt

Neben höfischen Szenen werden auch Strumpfwirker und Jahrmarkthändler mit Kleidung und Arbeitsmitteln ihrer Zeit gezeigt. „Viele Puppengesichter waren Massenware“, sagt Restauratorin Claudia Krottasch, die gemeinsam mit ihren Kolleginnen Christine Supianek-Chassay und Henriette Theurich die Puppenstadt saniert hat. Es gebe aber auch Spezialanfertigungen. Vermutlich sei die Fürstin selbst mehrfach in Wachs gegossen worden - erkennbar an ihrer markanten Nase.

Die Restaurierung stellte das Team vor erhebliche Aufgaben. Viele Objekte waren durch Alter, Licht und Schädlingsbefall gefährdet. Die Restauratorinnen stabilisierten Figuren, ordneten Vitrinen neu, analysierten Farbschichten und rekonstruierten historische Montagen. Insektenbefall und Substanzverluste mussten teils durch aufwendige Eingriffe gestoppt werden. Mottenfraß gibt es auch in der Welt der Miniaturen.

Überraschendes Ergebnis nach Öffnung der Vitrinen

Auch für die Beleuchtung der historischen Puppenstadt musste eine Lösung gefunden werden, die empfindliche Materialien schützt und zugleich die Atmosphäre der alten Stuben bewahrt. „Herkömmliche Kabel scheiden aus, da deren Ummantelung Weichmacher enthält, die Textilien angreifen könnten“, sagt Medientechniker Martin Bellardi. Zudem mussten Temperaturschwankungen in den Vitrinen vermieden werden. Bellardi setzte deshalb auf winzige LED-Strahler.

Das vielleicht überraschendste Ergebnis der Restaurierung liegt jedoch in der Zahl der Puppen. Weil die schlecht beleuchteten Kästen jahrzehntelang nicht geöffnet worden waren, musste das Museum die Zahl deutlich nach oben korrigieren. „Wir haben in den hinteren Bereichen mehrfach neue Puppen entdeckt und daraufhin einmal durchgezählt“, sagt die Museumsleiterin. Das Ergebnis: Statt der bislang angenommenen 391 Figuren zählt „Mon Plaisir“ nun 472 Puppen und 3.351 Gegenstände.

Von Matthias Thüsing (epd)