Wenn die Kirche zum Fußballstadion wird
Berlin (epd).

Ein Sonntag vor der Zwölf-Apostel-Kirche in Berlin-Schöneberg: Vor dem Eingang staut sich eine kleine Menschenschlange. Die Besucherinnen und Besucher wollen allerdings nicht zum Gottesdienst. Die Kirchgänger sind an diesem Tag zum Fußballschauen gekommen, zum WM-Auftakt der deutschen Nationalmannschaft.

Mittlerweile ist es eine Institution bei Fußballturnieren: In dem evangelischen Gotteshaus steht seit 2018 zu ausgewählten Spielen eine riesige Leinwand im Altarraum. Daneben ein kleinerer Monitor, ein Notenständer, ein Arrangement von mehreren Keyboards und Stephan Graf von Bothmer. Wäre ein Public Viewing in der Kirche nicht schon ungewöhnlich genug, setzt der Mann mit dem roten Sakko dem Ganzen die Krone auf. Denn von der Leinwand werden die Zuschauer keinen Ton hören, keine Expertinnen oder Kommentatoren, nur sein Pianospiel.

Wer besser spielt, bekommt bessere Musik

Der Filmkomponist macht hauptsächlich Musik zu Stummfilmen. Er hatte bereits zahllose Stummfilmkonzerte gegeben, bevor er 2008 sein erstes Fußball-Konzert gab. Als Stummfilmvertoner sei die Idee zu den Fußball-Konzerten für ihn „total naheliegend“ gewesen, ein Fußballspiel sei ja auch nur bewegtes Bild, argumentiert Bothmer.

Seine Apparatur aus diversen Keyboards, auf denen seine Hände hin und her tanzen, hat er „Cinetronium“ getauft. Darauf könne er Tasten „nicht nur drücken wie beim normalen Keyboard, sondern richtig kneten“, erzählt er. Die Musik entwickelt er spontan anhand der Spielszenen. Leichter machen es ihm Mannschaften, die einen schönen Fußball spielen. „Die haben irgendwie so einen Fluss“, sagt der Musiker: „Und der Fluss hat einen Rhythmus.“ Für ihn ist es eine einfache Rechnung: „Wer besser spielt, bekommt die bessere Musik und wird am Ende auch Weltmeister.“

Nationalhymne und Synth-Klänge

Und so feuert Bothmer in den nächsten 90 Minuten sein Repertoire ab: Beethovens „Für Elise“, Synth-Klänge von Hot Butter und Jean-Michel Jarre, die deutsche Nationalhymne lässt er erklingen und zieht damit das Publikum in seinen Bann. Es brandet sogar Jubel auf, als der Fußballzwerg Curaçao nach 21 Minuten zum zwischenzeitlichen 1:1 trifft. Die Stimmung trübt das nicht, die Kirchenbesucher freuen sich für den karibischen Inselstaat, der als autonomes Land zu den Niederlanden gehört.

Die „Hydration Break“, die offizielle Trinkpause für die Spieler in jeder Halbzeit, nutzt auch das Publikum. Und es kommt Biergartenatmosphäre auf: Während draußen vor der Kirche Gemeindemitglieder grillen, wird die heiße Ware drinnen gemeinsam mit kühlen Getränken verkauft. An diesem Tag fällt in der Kirche die Wahl allerdings zumeist nicht auf den Wein, sondern das Flaschenbier.

Voll wie an Weihnachten

Die Zwölf-Apostel-Kirche ist voll wie sonst nur zu Weihnachten, selbst auf den Emporen sind die meisten Plätze belegt. In den Reihen der Kirchenbänke haben sich auch zahlreiche junge Menschen niedergelassen. Wann sie das letzte Mal eine Kirche von innen gesehen haben? „Wahrscheinlich vor drei Jahren an Weihnachten oder so“, sagt ein junger Mann mit Schiebermütze und Nasenpiercing lachend. Fußball im Gotteshaus zu schauen, ist für viele kein Widerspruch.

Die deutsche Nationalelf schraubt den Spielstand in der zweiten Halbzeit weiter hoch: Als Kai Havertz in der 88. Minute sein zweites Tor des Tages erzielt, spielt Bothmer zum siebten Mal die Töne der Nationalhymne. Kurz darauf ist Schluss. Deutschland startet mit einem 7:1-Erfolg mehr als erfolgreich in die Weltmeisterschaft - der lange Applaus gilt aber vor allem dem Mann an den Tasten.

Von Jonas Grimm (epd)