Vom Vorrecht, Vergnügen zu schenken
Über die gar nicht so leichte Arbeit der Schaustellerseelsorger
Magdeburg (epd).

Seit 2023 ist Klaus Zebe als Pfarrer für die „Gemeinde auf der Reise“ in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zuständig: Wohl knapp 2.000 Gläubige aus etwa 70 Zirkus- und mehr als 300 Schaustellerfamilien zwischen Arendsee in der Altmark und dem Thüringer Wald zählen dazu. „Man muss schon gern unterwegs sein, sonst würde es nicht funktionieren“, erzählt der 47-jährige Zebe.

Das bevorstehende Pfingstfest ist für ihn „ein Fest der offenen Türen“ oder besser gesagt: „das Fest der offenen Planen“, sagt Zebe. Am Samstag feiert er auf der Pfingst-Masche in Haldensleben wieder im Autoscooter Gottesdienst mitten auf dem Rummelplatz. Da kämen „Menschen zusammen, die sich sonst nie begegnen würden: Schausteller und Stadtbewohner, Gläubige und Neugierige, Kinder mit Zuckerwatte und Großmütter mit Gesangbuch.“ Am Pfingstsonntag wird er beim Stadtfest in Magdeburg sein.

Nur drei Pfarrstellen für 23.000 Gläubige

Die Schaustellergemeinde sei durchaus gläubig. Seiner Schätzung nach sind bis zu 40 Prozent Mitglieder der Kirche. Verglichen mit nur etwa zehn Prozent Kirchenzugehörigkeit in der gesamten Bevölkerung Ostdeutschlands ist das ein hoher Wert. Ihre Arbeit verhindert, dass sie sich an einem Ort engagieren können. Doch auch sie beten, haben Sorgen oder loben Gott: „Die Frömmigkeit ist da.“

Das bestätigt auch der Leiter der Evangelischen Circus- und Schaustellerseelsorge der EKD, Torsten Heinrich. Er schätzt die „reisende Gemeinde“ auf etwa 23.000 Gläubige bundesweit. Schon vom Namensursprung hingen Kirche und Kirmes, das traditionelle Kirchweihfest, eng zusammen. Auch Torsten Heinrich ist im Jahr mehr als 100 Tage auf Reisen. Tauft, konfirmiert, verheiratet und beerdigt Schausteller und ihre Familienangehörigen. Doch in Zeiten knapper Kassen hätten viele Kirchen ihr Engagement reduziert, sodass es bundesweit nur noch drei Stellen für Schaustellerpfarrer gibt: seine eigene, die von Christine Beutler-Lotz in Hessen-Nassau und jene von Klaus Zebe in der EKM.

Weitere Kürzungen drohen

Und so kommt es immer wieder vor, dass Anfragen ins Leere laufen, dass sich kein Pfarrer findet, um in entlegene Regionen für eine Taufe zu fahren. Und leider sei nicht jede Ortsgemeinde offen für die „Gemeinde auf Reisen“. Immer wieder erlebten die Schausteller Vorurteile, Berührungsängste oder Ausgrenzung.

Zu allem Übel habe die EKD-Synode vor einigen Jahren beschlossen, die Schaustellerseelsorge um etwa 70 Prozent zu kürzen, berichtet Torsten Heinrich. Geplant sei dies ab 2030. Er und sein Team mit wenigen ehrenamtlich tätigen Pfarrerinnen und Pfarrern stünden damit de facto vor dem Aus. Doch von der Schaustellergemeinde und ihren Verbänden kam postwendend scharfer Protest. Das freute den Theologen. „Die sind sehr gut vernetzt“, so Heinrich.

Wachstum im Verborgenen

Und jüngste Gespräche machten Hoffnung, dass der Beschluss noch einmal korrigiert werde. Das sei auch dringend nötig: Denn er selbst geht im Sommer 2027 in den Ruhestand. Doch ohne Perspektive für diese Arbeit findet sich auch keine verlässliche Nachfolge. Deshalb sei er froh, dass sich nun auch in Nordrhein-Westfalen - dem Bundesland mit den meisten Jahrmärkten, Rummeln und Zirkussen - etwas bewegt: „Die westfälische Landeskirche wird eine halbe Stelle für einen Zirkus- und Schaustellerpfarrer einrichten“, berichtet Torsten Heinrich. Das mache Mut.

Auch Klaus Zebe schaut mit Gottvertrauen und Hoffnung auf seine Arbeit. „Das Wichtigste im Leben wächst im Verborgenen“, erzählte er jüngst beim Gottesdienst beim Spargel- und Stadtfest in Osterburg in der Spargelregion Altmark. So wie der Spargel im Verborgenen wächst, so sei es mit der Liebe einer Mutter, mit der Kraft von Gebeten oder der Freude auf dem Rummel.

Und so heißt es im Schaustellergebet, das bei den Gottesdiensten auch im Autoscooter gebetet wird: „Lass mich bedenken mein Vorrecht, Freude und Vergnügen zu schenken.“ Das ist kein kleiner Satz, meint der Schaustellerpfarrrer. Freude schenken als Vorrecht - nicht als Geschäft, sondern als Berufung.

Von Thomas Nawrath (epd)