Theologin Helmke: Kirchliche Erinnerungsorte erhalten
Berlin (epd).

Das Lutherdenkmal von 1895 an der Marienkirche am Berliner Alexanderplatz soll durch eine neue Gestaltung der Umgebung aufgewertet werden. Dafür will das Land Berlin bis zu 3,9 Millionen Euro bereitstellen. Die evangelische Kirche hält sich aus der Diskussion darüber weitgehend heraus. Das Lutherdenkmal habe derzeit keine Priorität, sagte Generalsuperintendentin Julia Helmke dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die 57-jährige promovierte Theologin ist in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz vor allem für die Stadt Berlin mit ihren mehr als 400.000 evangelischen Kirchenmitgliedern zuständig.

epd: Über eine neue Gestaltung der Umgebung des Lutherdenkmals wird seit Langem diskutiert. Im Mittelpunkt steht derzeit eine neue Senatsentscheidung vom Juli, um die es auch Wirbel gibt. Unter anderem wird kritisiert, dass zu wenig Bäume und Bänke geplant seien. Was hätte die Kirche dort gerne?

Julia Helmke: Die Idee war vor über einer Dekade im Rahmen und in der Folge des Reformationsjubiläums 2017, hier eine Gestaltung mit neuen Akzenten am historischen Lutherdenkmal zu realisieren. Dafür gab es aufwendige Prozesse, an denen wir als Kirche auf verschiedenen Ebenen beteiligt waren.

Städtebauliches Thema

Der Entwurf dafür ist dann aber aus den unterschiedlichsten Gründen, vor allem aus städtebaulichen Gründen, nicht umgesetzt worden. Dann hat die Stadt einen neuen Wettbewerb auf den Weg gebracht. Wir haben uns als evangelische Kirche, vor allem als Kirchenkreis und Kirchengemeinde, hier zurückgehalten. Wir sehen das als städtebauliches und stadtgeschichtliches Thema.

epd: Warum?

Helmke: Es gibt ganz andere Fragen von Erinnerungskultur, Erinnerungsorten und Erinnerungsdenkmälern, die uns im Moment beschäftigen. Solange der Entwurf für die Gestaltung der Umgebung des Lutherdenkmals das Andenken an den Reformator Martin Luther nicht verfremdet, sehen wir uns hier nicht in der Pflicht, in die Diskussion einzusteigen. Es gibt viele kirchliche Erinnerungsorte, wo sich viel drängender die Frage stellt, was wir dort tun können.

epd: Welche sind das?

Helmke: Zum einen ist es uns ein Anliegen auf Personen zu verweisen, die in Berlin in der jüngeren Zeitgeschichte überzeugend für das Evangelium eingestanden haben und oft nicht bekannt sind. Diese wollen wir ehren und zeigen, was es bedeutet Glauben in herausfordernden Zeiten zu leben. Gerade auch als Beispiel für heute. Dafür braucht es sichtbare Orte. Zwei Beispiele: Die Erinnerung an Pfarrer Rabenau, einen couragierten Vertreter der Bekennenden Kirche in der Apostel-Paulus-Kirche, eine Plakette für den religiösen Sozialisten und Pfarrer Arnold Rackwitz, der in Neukölln über Jahrzehnte sich gerade für die Arbeiter, jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger, Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer einsetzte, ein Vorbild an Integrität im Nationalsozialismus.

„Totentanz“ von Alfred Hrdlicka

Das sind zum anderen Orte der Gedenkkultur wie die Gedenkkirche Plötzensee mit dem „Totentanz“ des Künstlers Alfred Hrdlicka, die an die Opfer der NS-Justiz im ehemaligen Strafgefängnis Plötzensee erinnert. Da stehen wir vor der Frage, wie die evangelische Kirchengemeinde das personell und finanziell noch leisten kann. Da führen wir Gespräche drüber. Auch das Bonhoeffer-Haus in Westend, das der Familie des von den Nationalsozialisten ermordeten Theologen Dietrich Bonhoeffer gehörte, ist so ein Ort. Da wird ganz wunderbare demokratische Bildungsarbeit geleistet, auch in internationaler Vernetzung. Doch auch hier gibt es nur eingeschränkt finanzielle Ressourcen. Das heißt: Unser Anliegen ist, bestehende Orte von Erinnerungskultur zu erhalten und als Teil dieser Stadt zu verstehen. Daneben Erinnerungskultur insgesamt lebendig und öffentlich zu halten - Kirche wie Demokratie zehrt davon. Das gilt natürlich für sehr viele weitere Orte in Berlin und Brandenburg.

epd: Was für Lösungen wünschen Sie sich für diese Orte und wer könnte dabei helfen?

Helmke: Martin Luther steht als Reformator im umfassenden Sinne an vielen Orten. Zurecht. Über die Jahrhunderte sind Lutherdenkmäler von Kirche, Stadt und Staat aufgestellt worden, auch mit unterschiedlicher Motivation. Mein Wunsch ist es, Menschen, Themen und Orte als lebendige „Erinnerungs-Denk-Mäler“ zu erhalten. Wir brauchen Vorbilder, wir brauchen die Erinnerung, was uns trägt, was Zivilcourage und Glaubensstärke bedeutet. Das ist kein rein kirchliches, sondern ein gesellschaftliches Thema. Und deshalb ist es notwendig im wörtlichen Sinne, dass auf Bezirks- und Landesebene Mittel für Erinnerungskultur erhalten bleiben.

epd-Gespräch: Yvonne Jennerjahn