Polizeiseelsorger: Einsatz zwischen Stadion und Natur
Tangermünde (epd).

Im vergangenen August zog Michael Kleemann die orangegelbe Jacke des Polizeiseelsorgers endgültig aus. Er hatte diese Arbeit im Norden Sachsen-Anhalts aufgebaut, sich das Vertrauen der Polizeibeamten und ihrer Angehörigen erarbeitet. Doch nach fast 30 Jahren hörte Deutschlands dienstältester Polizeipfarrer auf. Als Superintendent im evangelischen Kirchenkreis Stendal hat er aber keineswegs einen Ruheposten in der Altmark mit ihren weiten Wegen, vielen kleinen Dorfkirchen und weiter Natur beiderseits der Elbe.

Sein Nachfolger als Polizeiseelsorger ist seit wenigen Monaten Pfarrer Otto-Fabian Voigtländer. Er übernahm 2024 in der Hasenstadt Tangermünde mit ihrer pittoresken Altstadt, den wehrhaften Backsteinmauern und schmucken Stadttoren die vakante Pfarrstelle. Und übernahm nun von Kleemann die Aufgaben als Seelsorger und Vertrauter für 680 Polizisten zwischen Arendsee im Altmarkkreis Salzwedel und Schweinitz im Jerichower Land.

Große Schuhe als Chance

Der 42-Jährige ist sich durchaus bewusst, dass er in große Schuhe getreten ist. Doch dies empfindet der passionierte Trompeter nicht als Druck, sondern eher als Chance. Superintendent Kleemann steht für Rückfragen bereit, drängt sich aber nicht auf, sagt Voigtländer. Zudem kennt der gebürtiger Altmärker die weitläufige Region, die Mentalität der Menschen und weiß, wo ihnen der Schuh drückt.

Er fühlt sich hier wohl. Altmark ist Heimat. Die Natur, die Dörfer, aber auch die Städte mit ihren Kulturangeboten. Voigtländer mag die regelmäßigen Angebote professioneller Musik, spielt selbst im Posaunenchor im Tangermünde mit.

Zur Gemeinde und den Mitarbeitern vor Ort hat er bereits einen guten Draht. Doch auch hier ist die Überalterung nicht zu übersehen. So besucht Voigtländer in seinem Pfarralltag regelmäßig drei Pflegeheime, um dort eine Andacht zu halten und mit den Senioren ins Gespräch zu kommen.

Bauprojekt geerbt

Sein Theologiestudium absolvierte Voigtländer in Halle (Saale), Freiburg im Breisgau und Berlin. Im Vikariat zog es ihn ins thüringische Laucha an der Unstrut. Danach war er für zwölf Jahre als Pfarrer im Kirchenkreis Bad Liebenwerda tätig. Im Juli 2024 kam er als Pfarrer nach Tangermünde im Kirchenkreis Stendal. Doch statt des geplanten Einzugs ins historische Pfarrhaus erwartete ihn im Schatten der Stephanikirche zunächst ein Bauprojekt.

Kurz nach der Ankunft hieß es, spätestens im Sommer 2025 könnte der Einzug im Pfarrhaus erfolgen. Doch es gab weitere unangenehme Überraschungen an der historischen Bausubstanz. „Jetzt haben wir 2026“, sagt Voigtländer etwas ernüchtert - und zeigt auf den aufgebuddelten Kirchhof. „In der jüngsten Bauberatung wurde Juni als Fertigstellungstermin genannt.“ Doch schmunzelnd fügt er an: „Ich rechne eher mit September für den Umzug.“

Verschwiegenheit zählt

Als Polizeiseelsorger steht Voigtländer vor allem für persönliche Gespräche und die seelsorgliche Begleitung in und nach kritischen Einsätzen zur Verfügung. Dazu zählen auch Einsätze, wo Kinder betroffen sind, Waffen angewendet werden oder Menschen zu Tode kommen. „Auch wenn das Kriseninterventionsteam angefordert wird, bin ich im Einsatz“, berichtet er. Dabei steht der Seelsorger Polizisten und den Angehörigen von Einsatzkräften unabhängig von der Konfession zur Verfügung. Was zählt, ist Verschwiegenheit.

Teil seiner Arbeit sind zudem Fortbildungen für die Polizisten. Dabei arbeitet Voigtländer in enger Abstimmung mit seinen Kollegen in Magdeburg und Halle. Jüngst wurde er auch nach Ausschreitungen beim Fußballspiel zwischen Magdeburg und Dresden für Gespräche angefordert. „Unser Dienstauftrag ist, den Polizisten zur Seite zu stehen“, sagt Voigtländer. Da hilft natürlich, wenn man ein gutes Vertrauensverhältnis aufbauen kann - das sei die Basis.

Von Thomas Nawrath (epd)