„Geh aus, mein Herz, und suche Freud“, „Nun ruhen alle Wälder“ oder „Befiehl du deine Wege“: Die Texte von Paul Gerhardt (1607-1676) gehören bis heute zu den bekanntesten Kirchenliedern. „Paul Gerhardt ist der wirkmächtigste Dichter von Kirchenliedern seit Martin Luther“, sagt der Erlanger Professor für Kirchenmusik und Präsident der Paul-Gerhardt-Gesellschaft, Konrad Klek: „Seine Lieder sind darauf angelegt, Popsongs zu werden.“ Er dichtete insgesamt 140 deutsche und einige lateinische Lieder.
Vor 350 Jahren, am 27. Mai 1676, starb der Pfarrer in Lübben im Spreewald. Geboren wurde er 1607 in Gräfenhainichen bei Wittenberg, und er durchlebte ein Jahrhundert geprägt vom Dreißigjährigen Krieg, von Pest und Konfessionsstreit.
Persönliche Katastrophen und Krieg
Gerhardt wusste, was Leid ist: Mit zwölf Jahren verliert er seinen Vater, mit 14 Jahren die Mutter. Als er 20 ist, stirbt sein Bruder. Vier seiner fünf Kinder sterben innerhalb der ersten zwei Lebensjahre. Kurz vor seinem 60. Geburtstag verzichtet er im Konfessionsstreit mit dem Kurfürsten auf seine Pfarrstelle an der Berliner Nikolaikirche, im Jahr darauf stirbt seine Frau.
Sein Berufsweg verläuft nicht geradlinig. Viele Jahre lang ist er Student und Hauslehrer, erst in Wittenberg, dann in Berlin. „Er hat als verkrachte Existenz lange gebraucht, um ein bürgerliches Leben zu führen“, sagt der frühere Leipziger Theologieprofessor Peter Zimmerling. Erst mit 44 Jahren wird Gerhardt zum Pfarrer ordiniert: „Gerhardts Resonanzraum war von persönlichen Katastrophen und Krieg geprägt.“
Fenster zum Himmel
Das Bemerkenswerte an Gerhardt sei: „Er hat es geschafft, die Herausforderungen und Schwierigkeiten auf poetische Weise zu bewältigen. Er hat seine Lieder an sich selbst erprobt“, sagt Zimmerling: „Gerhardts Lieder reichen bis in die Tiefe des Leidens und öffnen dort ein Fenster zum Himmel.“ Der dichtende Pfarrer habe das von Martin Luther geschaffene Gemeindelied so weiterentwickelt, dass es ein einzelner Gläubiger für sich sprechen, singen und beten könne. In fast allen Liedern heißt es „ich“, in einigen auch „wir“ und „du“. „Paul Gerhardt hat das individuelle Erbauungslied geschaffen“, erklärt der Theologe.
Lebensfrust und Gottvertrauen
Oder, wie Konrad Klek formuliert: „Du kannst auf Gott vertrauen, egal, wie beschissen es dir geht“, das sei die Botschaft der Lieder: „Trotz Anfeindung, Leid, Tod, Krieg und Pest, Gott meint für dich das Beste.“ Im Unterschied zu modernen Lobpreisliedern bearbeite Gerhardt die ganze Bandbreite des Lebens mit all seinen Frusterfahrungen durch grenzenloses Gottvertrauen. Dabei bringe er Emotionen wie Kummer, Tränen und Freude zur Sprache. „Das häufigste von ihm verwendete Wort ist Herz - als Zentrum des affektbestimmten Menschen zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt“, sagt der Erlanger Kirchenmusik-Professor.
Kritische Gesamtausgabe in Arbeit
Ein wissenschaftliches Team an der Universität Hamburg ist dabei, eine kritische Gesamtedition der lyrischen und nichtlyrischen Texte von Paul Gerhardt zu erstellen. Der erste Band der Kirchenlieder soll in diesem Jubiläumsjahr erscheinen. Der Mitarbeiter und Theologe Frank Kurzmann hebt deren Bedeutung hervor: Gerhardts Lieder seien zugleich theologisch fundiert und seelsorgerlich für die Gläubigen klar und verständlich. Die Poesie sei kunstvoll und von mitunter raffinierter Machart: So ergeben die Anfangswörter der zwölf Strophen von „Befiehl du deine Wege“ den Satz: „Befiehl dem Herren dein Weg und hoff auf ihn, er wird's wohl machen.“ Schließlich ließen sich die Lieder gut singen und wiedererkennen.
Entscheidend für Letzteres waren zwei Kantoren an St. Nikolai in Berlin, Johann Crüger und sein Nachfolger Johann Georg Ebeling. Sie erkannten das poetische Können Gerhardts, versahen die Gedichte mit passenden geläufigen Melodien oder komponierten diese selbst. Manche der Lieder Gerhardts haben mit ihrer innerlichen Liebe zu Christus geradezu einen mystischen Charakter. Dazu gehören „Ich steh an deiner Krippen hier“, versehen mit der Melodie von Johann Sebastian Bach für sein Weihnachtsoratorium, oder „O Haupt voll Blut und Wunden“, den von Bach an vier Stellen in der Matthäuspassion zentral platzierten Choral.
Gerhardt-Lieder überdauerten die Zeiten
Die Überlieferung der Lieder Gerhardts verlief nicht ohne Brüche. In der Zeit der Aufklärung wurde alles Blumige und Gefühlvolle aus den Liederbüchern getilgt, wie Klek erläutert. Es sei der Pietismus im 18. Jahrhundert gewesen, der die Lieder Gerhardts pflegte. Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts seien Lieder Gerhardts wieder in Gesangbücher aufgenommen worden. Im Evangelischen Gesangbuch stehen im Stammteil 26 seiner Lieder, wenn auch häufig nicht mit allen Strophen, im katholischen Gotteslob sieben. „Die Gläubigen“, sagt Theologe Kurzmann, „konnten immer viel mit Gerhardts Liedern anfangen, weil sie auf existenzielle Lebenslagen eingehen und auf berührende Weise Hoffnung geben.“