Auf den Häuptern der Engel liegt Staub, Risse durchziehen Fresken, Wand- und Deckengemälde. Auch den Heiligen Geist hat es erwischt: Die Taube ist von der Spitze des Hochaltars gefallen und liegt nun etwa einen Meter tiefer auf der Marienkrone. „Um all das zu reparieren, müssten wir ein Innengerüst stellen lassen“, sagt Sebastian Ulbrich vom Kirchenvorstand der katholischen Erfurter Sankt Laurentius-Pfarrei. Doch es fehlt das Geld dafür.
„Alleine diesen ersten Schritt können wir uns als Gemeinde derzeit nicht leisten“, sagt Ulbrich. Zudem müssten auch Brandschutz und Elektroinstallationen erneuert und der Kirchturm dringend saniert werden.
Neben St. Crucis muss sich die Pfarrei am Rand der Erfurter Altstadt auch von drei weiteren ihrer sieben Kirchen trennen. Wegen sinkender Mitgliederzahlen kann sie die Gotteshäuser weder ausreichend nutzen noch unterhalten. „Daher haben wir den Prozess '3plusWir' gestartet“, sagt Ulbrich. Dabei gehe es nicht nur um die Abgabe von Kirchen, sondern um eine Neuausrichtung des gesamten Gemeindelebens.
Salzburg läuft auf ähnliche Entwicklung zu
Ulbrich zeigt die Kirche bei einer Führung, als Gäste sind in St. Crucis Vertreter der katholischen Erzdiözese Salzburg dabei. „Wir laufen auf eine ähnliche Entwicklung zu“, sagt Dominik Elmer vom Seelsorgeamt des dortigen Bistums. Die Delegation wolle erfahren, wie eine Pfarrei ohne Vorgaben von oben den Wandel gestaltet. Drei Tage lang besucht sie Kirchen und spricht mit Gemeindemitgliedern über Gefühle, Hoffnungen und Vorbehalte angesichts einer möglichen Abgabe ihrer Gotteshäuser.
St. Crucis hat eine lange Geschichte: Ab 1196 diente sie als Klosterkirche eines Augustinerinnenkonvents. Zwischen 1466 und 1473 entstand der spätgotische Neubau, im 18. Jahrhundert wurde die Kirche barock umgestaltet. Die gotische Grundstruktur blieb weitgehend erhalten. Besonders bedeutend ist die Volckland-Orgel, die von 1732 bis 1737 erbaut wurde. Sie prägt die kirchenmusikalische Tradition bis heute, auch Musikstudenten der Hochschule für Musik Weimar übten bislang regelmäßig auf dem Instrument.
Schritt aus der „kirchlichen Blase“ heraus
Im Februar 2026 inserierte die Pfarrei St. Crucis auf „Kleinanzeigen.de“. Der angegebene Verkaufspreis sei weniger ernst gemeint gewesen als die Einladung, Ideen für eine Nachnutzung einzubringen, sagt Ulbrich: „Mit diesem Schritt sind wir aus der kirchlichen Blase herausgetreten.“ Mit Pfarrbrief und Pressemitteilung wäre das nicht gelungen.
Es habe Dutzende Anfragen gegeben, erzählt er. Gastronomen, Hoteliers und Anwohner hätten Nutzungsideen vorgeschlagen. Andere wollten einzelne Engel kaufen oder boten Spenden für den Erhalt der Kirche an. Die Vorschläge habe die Pfarrei daraufhin geprüft, ob sie für die Gemeinde vermittelbar seien. „Eine Bar würde nicht gehen“, sagt Ulbrich: „Der Bruch wäre zu groß.“
Anregungen für Österreich
Für den österreichischen Besucher Wolfgang Müller ist interessant, wie die Erfurter Pfarrei über wirtschaftliche Überlegungen Veränderungen anstößt. Entscheidend sei, ob daraus auch pastoral tragfähige Lösungen entstünden, sagt er.
Johannes Wiedecke wird Anregungen für Salzburg mitnehmen. Dort seien Überlegungen zu größeren Kirchenumbauten wiederholt am Widerstand in den Gemeinden gescheitert, sagt er. Zugleich stelle sich die Frage nach der künftigen Nutzung der Gotteshäuser. Statt Millionen in Sanierungen zu investieren, ohne etwas zu verändern, müssten neue Konzepte entwickelt und Gemeinden frühzeitig auf den Abschied von ihrer Heimatkirche vorbereitet werden.
In Erfurt führt die Pfarrei Gespräche über die Nachnutzung der vier abzugebenden Gotteshäuser. Im Gespräch sind unter anderem eine Jugendkirche und eine Übergabe an orthodoxe Glaubensgemeinschaften.
St. Crucis erwies sich bislang als schwierig für eine nichtkirchliche Nutzung: Auch wegen der Orgel darf der Innenraum kaum verändert werden. Für einen Hotelanbau ist das Grundstück zu klein, für einen Veranstaltungsraum bietet das Kirchenschiff mit 120 Plätzen wenig Kapazitäten. Doch es zeichne sich etwas ab, sagt Ulbrich: „Inzwischen gibt es eine gewisse Aussicht auf eine Lösung, die den sakralen Charakter bewahrt und kirchenmusikalische sowie kulturelle Nutzung ermöglicht.“