Betroffene von Missbrauch aus Heimen in der ehemaligen DDR und der BRD benötigen laut Sozialarbeiterin Silke Birgitta Gahleitner bis heute Unterstützung. Viele von ihnen seien nun in einem pflegebedürftigen Alter und hätten Angst, jetzt wieder anderen Menschen in einem Pflegeheim hilflos ausgeliefert zu sein, sagt Gahleitner, die auch Psychotherapeutin ist, im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Sie erklärt, was Pflegekräfte tun können und weswegen traumasensible Pflege unter anderem Änderungen im System der Pflege bedeute. Gahleitner ist seit 2022 Mitglied der Unabhängigen Kommission de s Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.
epd: Frau Gahleitner, Sie forschen zur Unterstützung ehemaliger Heimkinder der DDR und BRD im höheren Alter und befragen dazu viele Betroffene. Warum braucht es gerade auf diese Gruppe einen genaueren Blick?
Silke Birgitta Gahleitner: Das ist tatsächlich eine Gruppe, denke ich, die es sehr verdient hat, dass wir noch einmal hinschauen. Man darf nicht vergessen, in den Heimen sind in der Nachkriegszeit und auch weiter darüber hinaus massive Menschenrechtsverletzungen passiert. Der Staat hatte eigentlich einen Fürsorgeauftrag und ist dem überhaupt nicht gerecht geworden. Es geht wirklich um Unrecht, nicht etwa um Unglück.
Hilflos anderen Menschen ausgeliefert
Trotzdem, und das finde ich sehr traurig, gerät diese Gruppe immer wieder in Vergessenheit. Und ich denke, auch wenn natürlich eine Wiedergutmachung nicht wirklich möglich ist, gibt es Wege, Betroffenen Anerkennung und Respekt zu zollen und das viele Leid, was da entstanden ist, abzumildern.
epd: Welche besonderen Bedürfnisse haben ehemalige Heimkinder in der Altenpflege?
Gahleitner: Ich glaube, dazu muss man erst mal das Problem versuchen zu verstehen. Der zentrale Ausgangspunkt von den Ängsten und damit natürlich auch von den Bedürfnissen, die ehemalige Heimkinder haben, ist die zutiefst erfahrene Ohnmacht durch die Traumatisierung.
Und deswegen haben natürlich alle riesige Angst, im Alter wieder in einer Institution leben zu müssen, in der sie wieder hilflos anderen Menschen ausgeliefert sind. Ich glaube, das ist so der Kern, der sich durch alle anderen Themen durchzieht. Und das birgt natürlich die Gefahr, dass alte traumatische Erfahrungen wieder aktualisiert werden.
Menschenunwürdige Verhältnisse
Dazu zählt etwa die Angst vor dem Verlust der Privatsphäre, so wie früher in den Massenschlafräumen. Die Angst, zum Essen gezwungen zu werden, zu bestimmten Zeiten, weil es der Heimablauf so verlangt, wieder diese Hilflosigkeit von damals zu empfinden. Besonders stark taucht es auf bei körperlicher Pflege: Von wem wird man gepflegt? Was bedeutet das für frühere Gewaltsituationen, welches Geschlecht haben Pflegende, insbesondere auch bei sexualisierter Gewalt?
epd: Gibt es Unterschiede zwischen Betroffenen aus DDR-Heimen und BRD-Heimen?
Gahleitner: Da gibt es ein bisschen unterschiedliche Ansichten. Ich bin der Meinung, dass in beiden Teilen Deutschlands die Kinder und Jugendlichen wirklich menschenunwürdigen Verhältnissen ausgesetzt waren.
Verschiedene Traumatisierungen
Und vom Ausmaß der Gewalt gibt es meines Erachtens nicht wirklich Unterschiede. Trotzdem würde ich eine Differenz aufmachen, ob Gewalt innerhalb eines diktatorischen Systems ausgeübt wird, das die Herrschaftsverhältnisse während und auch nach der Heimzeit total kultiviert. Und das war natürlich in der DDR der Fall.
epd: Auch andere Menschen machen traumatische Erfahrungen. Was ist bei den Betroffenen dieser Heime anders?
Gahleitner: Zuerst müssen sozusagen verschiedene Traumatisierungen unterschieden werden, also ob sie von Menschenhand verursacht sind oder nicht. Naturkatastrophen sind einfach etwas anderes. Dann würde ich nochmal unterscheiden, in welchem Kontext das Trauma erlitten worden ist. Im Falle der Heimkinder kam die Gewalt aus staatlicher Hand.
Totaler Verlust von Vertrauen
Eine Kollegin, Jill Stauffer, hat für Betroffene von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und solchen massiven Unrechtserfahrungen den Begriff der „ethical loneliness“ geprägt. Also eine toxische Einsamkeit, ein umfassendes Verlassenheitsgefühl. Der totale Verlust von Vertrauen und auch das Misstrauen, überhaupt je wieder ein Teil von einer von Mitmenschlichkeit geprägten Gesellschaft sein zu können. Und sie sagt, dass die Überlebenden deswegen ganz stark auf Mitmenschen angewiesen sind, die ihre Geschichte als Zuhörende bezeugen, die da bleiben, die sich nicht überfordert zeigen, die traumasensibel darauf reagieren.
epd: Welche besonderen Herausforderungen ergeben sich daraus für Pflegeeinrichtungen?
Gahleitner: Tatsächlich große Herausforderungen, das muss man schon ehrlich zugeben. Wir wissen alle, dass es zu wenig Pflegekräfte gibt, dass sie unterbezahlt sind, dass sie übermäßig strapaziert werden, dass sie viel zu wenig Wertschätzung erhalten. Zum Teil sind die Zustände in den Einrichtungen katastrophal.
Niemand wolle grundlos Probleme bereiten
Und dann mit Bewohnerinnen zu arbeiten, die nochmals eine Herausforderung bedeuten, das ist natürlich nicht einfach. Ich denke, wenn es zusätzlich eine ausdrückliche Implementierung von diesem Thema in die Ausbildung gäbe, die einfach Verständnis schafft und auch eine Anpassung der strukturellen Bedingungen an diese Bedarfe, wäre das wichtig.
epd: Das ganze Konzept steht unter dem Grundbegriff der traumasensiblen Pflege. Was genau ist damit gemeint?
Gahleitner: Als Erstes eine verstehende Einsicht zu haben, dass Verhalten jeweils einen Grund hat. Wilma Weiß, die Mutter der Traumapädagogik, vertritt das Konzept des „Guten Grundes“. Also es gibt immer einen Grund dafür, warum sich jemand so oder so verhält, weil niemand will letztlich einfach nur grundlos Probleme bereiten.
Keine Türen knallen, keine Lärmbelästigung
Auf dieser Basis gibt es dann ganz konkrete Möglichkeiten, um traumasensibel zu pflegen. Also wenn zum Beispiel solche Personen etwas nicht essen wollen, dass man keinen Essenszwang daraus macht.
Oder wenn Personen häufig aufgebracht sind, dass man schon vorher bestimmte Situationen bespricht, Notfallpläne bastelt und sich dann auch wirklich dran hält. Oder dass manche Trigger von vornherein vermieden werden: Dunkelheit, das Knallen von Türen, starke Lärmbelästigungen, in der Nacht ins Zimmer stürzen.
Umfassende, strukturelle Veränderungen als Lösung
Genauso ist die Unterbezahlung eine Katastrophe. Die Zustände in den Einrichtungen werden zum Teil wirklich als schlecht beschrieben. Ich glaube, es wäre wichtig, dass das Thema einfach so umfassend implementiert wird, dass die Strukturen einen traumasensiblen Umgang auch möglich machen.
epd: Was ist aus Ihrer bisherigen Forschung die wichtigste Erkenntnis, die Pflegekräfte über ehemalige Heimkinder wissen sollten?
Gahleitner: Ich habe immer wieder herausgehört, dass es den ehemaligen Heimkindern vor allen Dingen um die Grundhaltung und um das Verstehen geht.
Wertschätzende Haltung entscheidend
Die Fachkräfte mögen doch bitte verstehen, wie es damals war. Sie mögen so ein bisschen was darüber wissen und sich darin orientieren können. Sie mögen ihnen Sicherheit bieten können und eben mit dem Konzept des „Guten Grundes“ vorgehen. Diese Grundeinstellung, die ist ständig Thema. Letztlich geht es auch um eine wertschätzende Haltung der gesamten Gesellschaft. Wenn das so wäre, dann wäre Wertschätzung gegenüber Gewaltbetroffenen einfach eine Selbstverständlichkeit.