Auf jüdischen Friedhöfen werden meist keine Blumen niedergelegt, sondern etwas Dauerhafteres: Steine. Am Donnerstag ist auf dem Grab der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer (1921-2025) in Berlin-Weißensee ein neuer hinzugekommen. Der etwa handtellergroße Stein trägt ein Porträt Friedländers und wurde von David S., einem Schüler der Max-von-Laue-Oberschule gestaltet. Er soll an das Leben, Wirken und Vermächtnis der Zeitzeugin erinnern, die am Donnerstag 105 Jahre alt geworden wäre.
„Sie hat uns eine Botschaft hinterlassen, die gerade für junge Menschen eine besondere Bedeutung hat: Seid Menschen“, sagt David S. Auch auf den Gedenkstein hat er diese Botschaft geschrieben. Der 16-Jährige trägt einen schwarzen Mantel und eine Kippa, denn Kopfbedeckungen sind Männern während eines Besuchs auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee traditionell vorgeschrieben. Nach seiner Rede legt der junge Künstler den Stein auf das Kiesbett von Friedländers Grab.
Größter jüdischer Friedhof Europas
Dort liegt er nicht allein. Hunderte weitere Steine wurden bereits vor und auf dem Grabstein der berühmten Berlinerin hinterlassen. Sie gelten als Symbol für die Beständigkeit der Erinnerung und finden sich auf vielen der knapp 116.000 Gräber des größten jüdischen Friedhofs in Europa. Gemeinsam mit David S. sind auch rund 25 Schülerinnen und Schüler seiner Klasse sowie Lehrkräfte und der Vorstand der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin gekommen, um Friedländer zu gedenken.
Die Erinnerung und Aufarbeitung der NS-Zeit prägte Friedländer wie kaum jemand. Fast ihre komplette Familie verlor die jüdische Deutsche im Holocaust, ermordet von den Nationalsozialisten. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog sie mit ihrem Mann zunächst nach New York. Im Alter von 88 Jahren kehrte sie jedoch 2010 zurück nach Berlin und besuchte bis zu ihrem Tod unzählige Schulen. 2011 wurde sie für ihr Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Vor der russischen Invasion nach Deutschland geflohen
Flucht und Vertreibung hat auch David S. in seinem Leben erfahren. Zweimal habe er bereits Kriege erlebt, berichtet er - das erste Mal, nachdem Russland 2014 die ukrainische Krim angegriffen hatte. Als das Land dann im Februar 2022 die gesamte Ukraine überfiel, ging der Jugendliche nach Deutschland. Selbst habe er Friedländer nie kennengelernt, sagt er. Doch sein Klassenlehrer habe Interviews mit ihr gezeigt.
Als die Klasse dann für einen Ausflug in die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Theresienstadt nach Tschechien reiste, bekamen sie zuvor eine besondere Aufgabe: Sie sollten Steine mit Botschaften gegen das Vergessen zu bemalen. David S. wählte dafür das Porträt der Frau, deren Geschichte ihn so beeindruckt habe, wie er sagt. In Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit entstand die Idee, eine Kopie des Steins an Friedländers Grab niederzulegen. Das Original wird in einer Vitrine im Ausstellungsbereich in der Synagoge Pestalozzistraße aufbewahrt.
Plakataktion für ganz Berlin geplant
Die Geschäftsführerin der Margot Friedländer Stiftung, Heike Catherina Mertens, zeigt sich überzeugt, dass Friedländer das Projekt gefallen hätte. Junge Menschen zu erreichen, sei ihre Hauptintention gewesen. „Sie hat in Schulen immer als Erstes gesagt: Ihr seid nicht schuld, aber ihr könnt Verantwortung dafür übernehmen, dass sich Geschichte nicht wiederholt.“ So habe sie auch einen Dialog eröffnet, um zu zeigen, was junge Menschen auch heute noch tun könnten.
Um weiter an dieses Engagement zu erinnern, hat die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit eine Kooperation mit der Berliner Werbefirma Wall GmbH geschlossen. Im ersten Quartal des kommenden Jahres sollen überall in Berlin Plakate mit Bildern des kleinen Steins hängen, der an die bedeutende Zeitzeugin erinnert. Immer mit dabei ist auch ihr wohl bekanntester Appell: „Seid Menschen“.