Für Vilwanathan Krishnamurthy war Anfang Juni ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen. Seit Jahren hatte er darauf hingearbeitet. „Die Resonanz ist überwältigend“, sagt der 72-Jährige nun fünf Wochen nach Einweihung und Eröffnung des neuen Hindu-Tempels in Berlin-Neukölln: „Wir haben täglich 200 bis 300 Besucher, am Wochenende bis zu 1.000.“
Bis es soweit war, hat der indische Tempel viele Hürden nehmen müssen. Viele Jahre der Planung, des Geldsammelns sowie zahlreiche Baustopps liegen hinter Krishnamurty. Er gilt als Initiator des Tempelbaus am nordöstlichen Rand des Volksparks Hasenheide. Der aus dem Süden des Subkontinents stammende Inder kam 1975 als junger Mann zum Arbeiten nach Deutschland. Hier hat er zusammen mit seiner Frau zwei Kinder groß gezogen. Inzwischen ist er im Ruhestand, tatsächlich aber meist auf dem Tempelareal anzutreffen.
Multireligiöses Umfeld
Der „Sri Ganesha Hindu Temple“ ist nach dem elefantenköpfigen Hindu-Gott Ganesha benannt. Der glückverheißende Sohn der Götter Shiva und Parvati gehört zu den beliebtesten Gottheiten in Indien. Krishnamurty verweist auf den friedlichen und fröhlichen Charakter Ganeshas. Dies sei eine gute Voraussetzung, damit der Tempel in der multireligiösen Nachbarschaft angenommen wird. Nicht weit entfernt hat etwa der Nuntius des Vatikans seinen Sitz.
Zum Höhepunkt der Tempelweihe am 7. Juni war der rund 17 Meter hohe, farbenprächtige Turm des Tempels von einem Kran aus mit Wasser aus der Spree und dem indischen Ganges übergossen worden. Zu den Gratulanten gehörten etwa Berlins Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey und Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe (beide SPD).
Zahlreiche Baustopps
Die Baukosten von rund 1,1 Millionen Euro wurden allein aus Spenden finanziert, sagt Krishnamurthy. Auch die Kosten für den Priester, der jetzt seinen Dienst im neuen Tempel tut, werden von den Gläubigen getragen.
Die Planungen für das Heiligtum in Berlin-Neukölln gehen bis in das Jahr 2005 zurück, 2010 war Baustart. Wegen zahlreicher Baustopps verzögerte sich die Fertigstellung.
Farbenprächtige Turmfassade
Die Fassade des sogenannten Königsturms zieren 219 bunte Skulpturen. Das sechs Meter hohe, frei stehende Eingangsportal wird nur an Feiertagen geöffnet. Dahinter schließt sich die Tempelhalle an. Darin befinden sich der Hauptaltar für Sri Ganesha sowie mehrere Nebenaltäre unter anderem für Shiva, Vishnu und Durga, jeweils bewacht von imposanten Wächterfiguren. Die Tempelhalle ziert ein sechs Meter hoher, goldfarbener Turm, Vimana Gopuram, der die Verbindung von Erde und Himmel symbolisiert.
Das rund 5.000 Quadratmeter umfassende Areal, auf dem die Tempelanlage errichtet wurde, hat der Verein nach eigenen Angaben vom Bezirk Neukölln für 85 Jahre gepachtet. Damals war der legendäre Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) am Ruder. Auf dem Gelände steht ein altes Backsteingebäude. Es diente seit Jahren als provisorische Gebetshalle.
Einer der größten Hindu-Tempel Europas
Die Anlage zählt zu den größten Hindu-Tempeln in Europa. In Berlin gibt es außerdem den „Murugan Temple“ in Berlin-Britz, der vor allem von der aus Sri Lanka stammenden tamilischen Gemeinschaft genutzt wird, sowie zwei Gebetsräume, den „Radha Govinda Tempel“ in Berlin-Reinickendorf und den „Jagannatha Temple“ der Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein in Berlin-Weißensee.
In Berlin leben zahlreiche indischstämmige Menschen. Laut Statistischem Landesamt waren zudem Ende 2025 mehr als 48.000 indische Staatsbürger in Berlin gemeldet.
Wie viele aus Indien stammende Menschen tatsächlich in Berlin leben, weiß auch Krishnamurty nicht. Angesichts der zahlreichen Zuzüge in den vergangenen Jahren hat er aber keine Angst, dass der Tempel zu groß geraten sein könnte. Eher im Gegenteil.