Frust-O-Mat: Gefühle, Ängste und Wünsche rauslassen
Caritas im Osten startet interaktives Internetportal zur Wahl in Sachsen-Anhalt neu
Berlin (epd).

Der „Frust-O-Mat“ fordert ausdrücklich Klartext: „Ich habe nicht das Gefühl, als migrantische und queere Person gegen den Hass anzukommen.“ So lautete eine der vielen Antworten von Nutzern des interaktiven Meinungsportals 2024. Dort wurde die Frage gestellt, ob noch Glaube vorhanden sei, die Politik beeinflussen zu können. Ein anderer notierte: „Nein, Geld regiert die Welt.“ Ebenso frustriert liest sich eine dritte Aussage: „Vielen Politikerinnen und Politikern geht es um ihre Wiederwahl, und sie handeln daher populistisch.“

58.000 Wortmeldungen zählte die „Caritas im Osten“ auf ihrem interaktiven Meinungsportal zwischen August und Anfang Oktober 2024. Vor den Landtagswahlen in Brandenburg, Thüringen und Sachsen wollte sie speziell jungen Menschen einen Raum zur Partizipation eröffnen. Titel der Social-Media-Kampagne: #RadikalZugehört. Jetzt gibt es zur Wahl in Sachsen-Anhalt eine erweiterte Neuauflage, die dem einfachen Grundsatz folgt: Wer Menschen erreichen will, muss sie erst einmal zu Wort kommen lassen. Etwa auf Fragen wie „Wie fühlst du dich?“, „Was frustriert dich?“, „Was sind deine politischen Ängste?“ oder „Was wünschst du dir am meisten?“

Frustlevel lag bei 85 Prozent

Die Auswertung der Kommentare aus der zurückliegenden Kampagne ergab, dass sämtliche Befragte das Auseinanderdriften der Gesellschaft befürchteten und Angst hatten, dass die eigenen Werte nicht mehr geteilt werden. Das durchschnittliche allgemeine Frustlevel lag demnach bei 85 Prozent. Der am häufigsten geäußerte Wunsch (60 Prozent) war, „dass wir menschlich miteinander umgehen“. Eine andere, viel gehörte Botschaft lautete: mehr Zusammenhalt, mehr Wertschätzung.

Gerade im Osten des Landes fühlten sich viele Bürgerinnen und Bürger nicht geschätzt, nicht akzeptiert, so die Analyse der Caritas mit Blick auf das Umfragehoch der AfD. Deshalb setzten viele Bürgerinnen und Bürger auf radikale politische Kräfte. Die versprächen einfache Lösungen für komplexe Probleme und stellten die bestehende Ordnung der Bundesrepublik Deutschland infrage.

Der Frust-O-Mat ist keine Meinungsumfrage und gibt keine Wahlempfehlung. Die Nutzer können anonym Fragen zu ihrem Frust über Politik und Gesellschaft beantworten und eigene Gedanken und Wünsche teilen. „So entsteht ein leicht zugänglicher Raum, in dem Sorgen, Ängste und Ärger ausgesprochen werden können“, sagt Alex Eichner, Leiter der Kommunikationsabteilung beim Caritasverband für das Erzbistum Berlin. Die neue Variante biete auch die Möglichkeit, dass Nutzer in einer „Heatmap“ ihren Standort angeben können. Dann sei eine Auswertung möglich, in welcher Region der Frust vor den Wahlen am höchsten sei.

Erst reden, dann überzeugen

„Wer Demokratie stärken will, muss Menschen ernst nehmen, bevor er sie überzeugen kann. Deshalb wollen wir nicht zuerst erklären, was richtig oder falsch ist“, erläutert Ulrike Kostka, Berliner Caritasdirektorin und Vorstandsvorsitzende: „Wir wollen zuhören: Was macht Menschen wütend? Was bereitet ihnen Sorgen? Und was wünschen sie sich von Politik und Gesellschaft?“

Die Neuauflage ist ein Kooperationsprojekt der Caritas im Erzbistum Hamburg und im Erzbistum Berlin sowie des Deutschen Caritasverbandes, gefördert erneut von der Mercator-Stiftung. Besonders angesprochen werden sollen den Angaben nach junge Menschen - jene Generation also, die Demokratie nicht als Errungenschaft erlebt, sondern als selbstverständlich vorausgesetzt hat. „Und die jetzt manchmal nicht mehr sicher ist, ob sie ihr vertrauen kann“, so der einstige Projektleiter Thomas Gleisner.

Und was passiert, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt bei den Wahlen am 6. September ans Ruder kommt? „Ich glaube, dann werde ich auswandern müssen“, schrieb ein Nutzer 2024. Doch es gibt auch noch Hoffnung, das zu verhindern: Ein anderer Nutzer setzt weiter auf „engagierte Menschen, die mit einem humanistischen Menschenbild an schwierige Probleme herantreten“.

Von Dirk Baas (epd)