Immer wieder zücken Passanten das Smartphone, fotografieren Schrifttafeln an den Wänden. Das war nicht immer so: Hier, im Tunnel zwischen Parkallee und Rembertistraße unter dem Gleisvorfeld des Bremer Hauptbahnhofs, war früher ein Ort, an dem man nicht gerne stehen blieb - duster, zugig, abweisend. Mittlerweile ist aus der 60 Meter langen Röhre ein bundesweit einzigartiges Kunstprojekt geworden, das in allen Regenbogenfarben leuchtet. Die Idee dazu kam Initiatorin Regina Heygster 2001 nach den Terroranschlägen auf die Türme des World Trade Centers in New York und das Pentagon bei Washington.
So wurde aus dem Remberti- der Friedenstunnel. „Ein Millionenprojekt“, blickt Heygster auf die zwischenzeitlich eingesammelten Spenden und geleisteten Arbeitsstunden der Ehrenamtlichen zurück. Am kommenden Freitag (11. September), genau 25 Jahre nach den Anschlägen, soll an Ort und Stelle das Jubiläum mit einem großen Bürgerfest gewürdigt werden.
Mut, Hoffnung, Zuversicht
Der Tunnel sei eine Geschichte von Friedenssehnsucht, Mut, Hoffnung und Zuversicht, betont die mittlerweile mehrfach für ihr Werk ausgezeichnete 71-jährige Künstlerin. Für sie ist aus der Idee ein Lebenswerk geworden. Schon der Schriftzug über dem Südportal fasst die DNA des Projektes in Worte: „Verstehen ist das Tor zur Verständigung - Verständigung ist das Tor zum Verstehen“, steht dort, bevor Fußgänger, Rad- und Autofahrer in das bunte LED-Licht des Tunnels eintauchen.
Seit 2008 veränderte die Straßenröhre peu à peu ihr Gesicht, im September 2015 wurde sie als Friedenstunnel neu eröffnet. Die Außenwände, früher in schmuddeligem Grau, leuchten seither in freundlichem Gelb. Aus Mosaiksteinen gesetzte Friedenssymbole wie eine weiße Taube, ein Lotus-Lebensbaum, eine Eiche und eine Palme schmücken die Portale. Auf den Innenwänden begleitet ein Fries mit 135 Friedensworten in zahlreichen Sprachen der Welt die Straße, ergänzt durch 82 Tafeln mit Friedens- und Weisheitstexten aus unterschiedlichen Kulturen.
Die Gattin des Bundespräsidenten, Elke Büdenbender, hat den Ort im November 2019 besucht. Und war begeistert. Der Tunnel sei „ein sichtbares Zeichen für Offenheit, Respekt und ein friedliches Miteinander“, heißt es in ihrem Vorwort der Dokumentation zum Jubiläum. Und auch: „Er lädt Menschen ein, miteinander ins Gespräch zu kommen - über religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Grenzen hinweg.“
Bahn sagte sofort „Ja“
Das ist schon in den Jahren passiert, in denen der Tunnel erst langsam das wurde, was er jetzt ist: Christen, Muslime, Hindus, Aleviten und Bahai unterstützen das Projekt, bis heute. „Auch die Deutsche Bahn als Eigentümerin des Bauwerks hat sofort 'Ja' gesagt“, blickt Heygster zurück. Zum Jubiläum will Bremens Bürgerschaftspräsidentin Antje Grotheer (SPD) die Schirmherrschaft für das Projekt übernehmen.
Längst wird der Tunnel auch als Bildungsort für Schulklassen genutzt oder für sonntägliche Musikformate unter dem Titel „Friedensklänge im Friedenstunnel“. Auch eine Haltestelle wurde nach ihm benannt. Der Trägerverein lädt regelmäßig zu Diskussionen über Friedensthemen ein. „Das ist gelebter interreligiöser Austausch, wie er besser kaum funktionieren kann“, ist Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) überzeugt. Die Religionen würden zu oft als Konfliktstifter erlebt. „Dabei wohnt doch im Kern jeder Religion eine Friedensbotschaft inne.“ Das könne man im Friedenstunnel auf den Texttafeln nachlesen.
Verrückte Idee, verrückte Frau
Anfangs gab es viele Zweifel, ob es gelingen kann, aus einem dunklen Tunnel eine bunte Leinwand gemeinsamer Werte und Hoffnungen zu gestalten. „Manche haben vielleicht auch gedacht: was für eine verrückte Idee, was für eine verrückte Frau - und im nächsten Moment: Warum denn nicht?“, erinnert sich Regina Heygster. Bürgermeister Bovenschulte sagt dazu: „Heute, 25 Jahre später, kennt in Bremen kaum noch jemand die amtliche Bezeichnung 'Rembertitunnel'.“
Seit einem Vierteljahrhundert erinnere der Friedenstunnel daran, dass Frieden nicht irgendwo beginne, sondern im täglichen Miteinander, meint Regina Heygster, die schon den nächsten Schritt im Blick hat - die Gründung einer Stiftung. Sie soll das Projekt für kommende Generationen sichern. „Jährlich müssen wir im Schnitt ausschließlich für den Erhalt des Friedenstunnels 25.000 Euro an Spenden einwerben“, rechnet Heygster vor. Eine finanziell gut aufgestellte Stiftung könne da hilfreich sein: „Dann könnte ich das Werk beruhigt der Zukunft übergeben.“