Steter Mahner und gefragter Zeitzeuge - Albrecht Weinberg ist tot
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Albrecht Weinberg
Leer (epd).

Wenn er mit Schülerinnen und Schülern sprach, war Albrecht Weinberg in seinem Element. „Ich bin ja mehr oder weniger der Einzige, der ihnen noch ein Bild geben kann“, so hat er es dem Evangelischen Pressedienst (epd) beschrieben. Mit jungen Menschen über seine Erfahrungen zu sprechen, machte ihm Mut. „Da bleibt etwas hängen“, das war die Hoffnung des Holocaustüberlebenden, der als einer von wenigen noch von den Anfängen des Judenhasses in Deutschland berichten konnte. Einmal mehr wird künftig mit ihm ein wichtiger Zeitzeuge fehlen: Am Dienstag ist Albrecht Weinberg im ostfriesischen Leer zu Hause friedlich eingeschlafen, wie seine Mitbewohnerin Gerda Dänekas dem epd bestätigte.

Albrecht Weinberg wurde 101 Jahre alt. Er hat in jungen Jahren die Lager von Auschwitz, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen überlebt - und drei Todesmärsche. „Das ist seit 80 Jahren in meinem Kopf. Ich brauche mich nur zu waschen, dann sehe ich meine Häftlingsnummer“, so hat er es kurz vor seinem 100. Geburtstag bei einer Begegnung bei Ostfriesentee in Leer erzählt. Dort lebte er die letzten Jahre gemeinsam mit seiner früheren Pflegerin Gerda Dänekas in einer Art WG.

Der Beginn der Ausgrenzung

Sie waren Ostfriesen, die Weinbergs aus Rhauderfehn. Albrechts Vater hatte für Deutschland im Ersten Weltkrieg gekämpft. Und doch wurde dieser nie zuerst mit seinem Vornamen Alfred angesprochen. Immer schickten sie zuerst „de Jööd“ voran, plattdeutsch für „der Jude“. „Ich war elf, da haben sie mich von der Schule geworfen“, erinnerte sich Weinberg. Freunden wurde verboten, mit ihm zu spielen. So begann für ihn die Ausgrenzung der Juden in Deutschland, an deren Ende die Ermordung von Millionen von Menschen stand.

Albrecht Weinbergs Eltern wurden 1945 in Auschwitz ermordet. Dorthin verschleppten sie auch ihn. Dass diejenigen, die bei der Ankunft in eine andere Richtung gehen mussten als er selbst, in den Tod in den Gaskammern geschickt wurden, war ihm damals noch nicht bewusst. Als er am Ende seines Leidensweges im April 1945, nach drei Todesmärschen, aus dem niedersächsischen Konzentrationslager Bergen-Belsen bei Celle befreit wurde, sei er ein Knochengerippe gewesen, so berichtete er viele Male vor Schulklassen oder bei Lesungen. „Mit Haut überzogen, zwischen den Gerippen von Bergen von Leichen.“

Auswanderung in die USA

Nach der Befreiung fand er seine Schwester Friedel wieder, die als eine der wenigen der Familie überlebt hatte. Gemeinsam wanderten sie nach Amerika aus. Dass er im Alter wieder in Deutschland leben würde, hätte er sich damals nicht vorstellen können. Friedel und er blieben zusammen. Er eröffnete mit einem Freund in New York eine Fleischerei, die den Lebensunterhalt sicherte. 2012 verschlug es die Geschwister dann doch nach Leer, ganz in die Nähe ihres Geburtsortes. Nachdem Friedel einen Schlaganfall erlitten hatte, zogen sie dorthin in ein Altenheim.

Die Pflegerin Gerda Dänekas bekam den Auftrag, sich um sie zu kümmern. Nach Friedels Tod wurde sie zur wichtigsten Begleiterin in Albrecht Weinbergs Leben. Sie nahm gemeinsam mit ihm eine Wohnung und sie ermunterte ihn, über die Vergangenheit zu sprechen. Das erste Mal überhaupt erzählte er 2013 einer Historikerin der Gedenkstätte Bergen-Belsen seine Lebensgeschichte. Fortan wurde er zu einem ebenso umtriebigen wie geschätzten Zeitzeugen. Gemeinsam mit Gerda Dänekas war er unzählige Male in Schulen, bei Vorträgen und Lesungen unterwegs. Später kam der Journalist Nicolas Büchse dazu, der zusammen mit Weinberg dessen Biografie geschrieben hat.

Als Zeitzeuge vielfach geehrt

Als Zeitzeuge ist Weinberg vielfach geehrt worden. Er ist Ehrenbürger von Nordhausen bei Mittelbau-Dora, von Leer und Rhauderfehn. In seinem Geburtsort ist eine Schule nach ihm benannt worden. Das Bundesverdienstkreuz jedoch gab er kurz vor seinem 100. Geburtstag zurück. Er protestierte damit dagegen, dass vor dem Regierungswechsel in Berlin die Unionsparteien im Bundestag mit den Stimmen der AfD einen Antrag zur Verschärfung der Migrationspolitik durchgebracht hatten. Für Weinberg war das ein weiteres Zeichen für einen gesellschaftlichen Rechtsruck, der auf ihm lastete. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier konnte ihn im persönlichen Gespräch nicht umstimmen.

Noch mit über 100 Jahren besuchte Albrecht Weinberg 2025 die Gedenkveranstaltungen 80 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen - eine Verpflichtung, so sah er es. Im April wollte er eigentlich erneut an dem Gedenken in Mittelbau-Dora in Thüringen teilnehmen, musste aber aufgrund von gesundheitlichen Problemen absagen.

Von Karen Miether (epd)