Abgebrochene Bildungswege: Wenn die Schule zur Hölle wird
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Abgebrochene Bildungswege: Wenn die Schule zur Hölle wird
Hannover, Osnabrück (epd).

Manchmal sind es Begebenheiten, die auf Außenstehende eher harmlos wirken: Sticheleien über das Outfit. Eine ungerechte Benotung. Eine unerwiderte Schulhofliebe. Manchmal aber sind es auch Erlebnisse, die mit körperlicher oder psychischer Gewalt zu tun haben. Und es gibt nicht selten Fälle, in denen familiäre Probleme eine entscheidende Rolle spielen. „Schulvermeidung“, sagt Thomas Thor, „hat viele Auslöser. Dahinter steckt in der Regel aber vor allem eins: Angst.“

Es ist die Angst davor, nicht bestehen zu können in einer Welt, in der es um Leistung, Beliebtheit, Anerkennung, Dazugehörigkeit geht. Die Welt des Klassenzimmers und des Pausenhofs. Aus Sicht von Thor, Leiter der Fachstelle Schulvermeidung der Arbeiterwohlfahrt in der Region Hannover, wird diese Angst nicht zuletzt durch die sozialen Medien immer größer: „Instagram und Co. schüren den Performance-Druck, indem sie vorgeben, wie man aussehen, was man anziehen, wie man sich verhalten muss, um vermeintlich beliebt zu sein“, sagt er. „Entsprechend wird auf dem Schulhof 'gejudgt' (negativ beurteilt). Das ist für viele ein Horror“, sagt Thor.

Zahl der Abbrecher auf Höchststand

Schule als Ort des Horrors, um den man lieber einen großen Bogen macht - das Phänomen ist in Deutschland offenbar verbreitet: In Niedersachsen etwa ist die Zahl der Schulabbrecher auf dem höchsten Stand seit zehn Jahren. Wie das Kultusministerium in Hannover im September 2025 mitteilte, haben zum Schuljahresende 2023/2024 rund 8,7 Prozent der Abgänger - das sind knapp 6.900 Schülerinnen und Schüler - die Schule ohne Abschluss verlassen. Ein Jahr zuvor hatte die Abbrecherquote bei 7,7 Prozent gelegen, 2014 waren es noch 5 Prozent.

Auch bei der Ahndung von Schulabstinenz, die als Ordnungswidrigkeit gilt, ist Niedersachsen bundesweit trauriger Spitzenreiter: Allein im ersten Halbjahr 2025 saßen hier mehr als 300 Jugendliche wegen Schulverweigerung im Jugendarrest - so viele wie in keinem anderen Bundesland. Freiheitsentzug ist das äußerste Mittel und greift dann, wenn Gespräche nicht fruchten, Bußgeld nicht bezahlt wurde oder vom Jugendgericht verhängte Sozialstunden nicht abgeleistet wurden.

Einem Schulabbruch geht in der Regel eine lange Phase der Schulvermeidung voraus. Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) hat 2024 eine Handreichung herausgegeben, die Schulen unter anderem bei der Klärung von Zuständigkeiten und Handlungsmöglichkeiten bei Schulabsentismus helfen soll.

Keine standardisierten Abläufe

Nach Ansicht von Thomas Thor, dessen Fachbereich mit vielen Schulen in der Stadt Hannover kooperiert, fehlt es jedoch nach wie vor an standardisierten Abläufen: „Es muss ein Frühwarnsystem geben, bei dem Fehlzeiten transparent gemacht werden, um einen Überblick zu haben“, fordert Thor. Allzu oft komme es vor, dass unentschuldigte Fehlzeiten erst bei den Zeugniskonferenzen bemerkt würden.

Lehrkräfte müssten seiner Ansicht nach noch stärker für das Thema Schulvermeidung sensibilisiert werden: „Ab der vierten ungeklärten Fehlzeit sollte die Schule alarmiert sein und das Gespräch mit dem betroffenen Schüler und seinen Eltern suchen. Reagieren die Eltern nicht, muss das Ordnungsamt eingeschaltet werden“, sagt der Sozialpädagoge.

In allen Schulformen verbreitet

Thor spricht bewusst von Schulvermeidung. Schwänzen klinge zu harmlos, Verweigerung zu rebellisch. Er hat es in erster Linie mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die keine Heldengeschichten zu erzählen haben, sondern meist Opfer sind. Sie gehen teils wochen- und monatelang nicht zur Schule, weil sie dort gemobbt wurden, an den Unterrichtsanforderungen scheitern oder weil sie zu Hause gebraucht werden. Alarmierend sei, dass Schulvermeidung mittlerweile bei allen Schulformen und in jedem Jahrgang vorkomme: „Auch Grundschulen haben damit zu kämpfen“, sagt der Experte.

Nach seinen Erfahrungen sind Familien von Schulvermeidern oftmals nicht intakt. Der Rückhalt von zu Hause fehle. Unter den Eltern gebe es viele Alleinerziehende, die damit überfordert seien, ihrem Kind Struktur zu geben, es zur Schule zu schicken, Hausaufgaben zu kontrollieren. Zuweilen litten Vater oder Mutter unter Depressionen oder seien suchtkrank. In derartigen Fällen übernähmen die Kinder oft die Verantwortung für den Haushalt und jüngere Geschwister. Schule werde zur Nebensache und rücke schließlich ganz in den Hintergrund, erläutert Thor.

Solche Probleme kennt auch Marion Pohlmann, Leiterin des Bereichs Schulabsentismus bei der kommunalen Arbeitsvermittlung „MaßArbeit“ für den Landkreis Osnabrück. Pohlmann und Ihr Team beraten Lehrkräfte, Schulleiter, Schulsozialarbeiter sowie Eltern. Und das schon bei ersten Anzeichen von Schulvermeidung. „Je vernetzter und kürzer die Wege sind, desto besser können Hilfen frühzeitig greifen“, sagt sie.

Schulersatzdienst als Alternative

Zu diesen Hilfen gehört es auch, Schülerinnen und Schüler ab einem Alter von 14 Jahren, die dem regulären Unterricht länger ferngeblieben sind und teilweise auch Angst vor einer Rückkehr an ihre Schule haben, ein Alternativ-Angebot zu machen: Bei einem sogenannten Schulersatzdienst kommen die Jugendlichen der Schulpflicht an einem anderen Lernort nach - etwa in Jugendwerkstätten oder in Einrichtungen, die Garten- und Landschaftsbau oder künstlerische Projekte anbieten. In Zusammenarbeit mit Berufsbildenden Schulen sind außerdem individuelle Praktika für Jugendliche ab 16 Jahren möglich.

Derzeit erfüllen bei „MaßArbeit“ 48 Jugendliche ihre Schulpflicht an solchen außerschulischen Lernorten. 48 junge Menschen, die aufgefangen wurden - und auf gutem Weg sind, einen Abschluss zu machen.

Von Kerstin Hergt (epd)