Wie kann die Gesellschaft in einer Krise wie in einem Stromausfall schnell wieder funktionieren? Ein hessisches Zentrum entwickelt Lösungen, etwa die intelligente Litfaßsäule.
Darmstadt (epd). Das Zentrum „Digital Resilience Xchange“ (DiReX) an der Technischen Universität Darmstadt hat ein Jahr nach seiner Gründung erste Hilfsmittel entwickelt, um die Kommunikation in einer Krise aufrechterhalten zu können. Das Anwendungs- und Transferzentrum bringe im Austausch mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Behörden, den Blaulicht-Diensten, Verbänden und Unternehmen Projekte der Grundlagenforschung in die Praxis, sagte die Co-Direktorin, die Darmstädter Politikwissenschaftlerin Michèle Knodt, dem Evangelischen Pressedienst (epd). So könne etwa ein großflächiger Stromausfall wie zu Jahresbeginn in Berlin nach einem Anschlag überall passieren.
Als Folge seien bald darauf die Mobilfunkmasten außer Betrieb und nach ungefähr einer halben Stunde funktioniere auch meist das Internet nicht mehr, erklärte Knodt. „Wo bekomme ich dann Informationen her? Wo kann ich das Handy aufladen? Wo sind die Feuerwehr-Notfallpunkte?“ Darauf antwortet als eine der Erfindungen des DiReX die „Litfaßsäule 4.0“. Dazu werde in eine Litfaßsäule Technik gepackt und ein Deckel mit einem Bildschirm darauf gesetzt. Die Säule bleibe dank einer Solar- und Brennstoffzellenversorgung bis zu 72 Stunden unabhängig vom Stromnetz funktionsfähig. Sie könne zuverlässige Informationen geben, etwa übermittelt durch den Funk der Feuerwehr. Ein Prototyp steht bereits in Darmstadt, ergänzt um einen Lautsprecher werde er bald durch eine Firma in Serie hergestellt.
Notfallnetz durch Sensorboxen
Eine weitere Entwicklung zur Kommunikation in einer Krise sind intelligente Sensorboxen, wie die Wissenschaftlerin erläuterte. Dabei werden Sensorkästen an Straßen zur Messung von Umwelt- und Verkehrsdaten mit WLAN, Bluetooth und LoRa-Funkübertragung ausgestattet und mit einem QR-Code versehen. Die durch Batterien 72 Stunden unabhängig funktionierenden Sensorboxen spannten ein Notfallnetz und übermittelten einerseits Daten an die Feuerwehr und den Katastrophenschutz. Andererseits könne jedermann mit dem Handy den QR-Code ansteuern und Informationen empfangen. Die Sensorboxen würden derzeit in einem Darmstädter Viertel erprobt. Weitere Städte hätten schon Interesse geäußert, die kommerzielle Herstellung sei geplant.
Computerspiel Krisopolis
Die Entwicklungen des Zentrums wenden sich auch an jedermann. Das Computerspiel „Krisopolis“ zum kostenlosen Download über die App-Stores sei „ein Renner“, sagte Knodt. In dem „Serious Game“ müssten die Spielenden in einer virtuellen Stadt Stromausfälle, Lockdowns und Stürme meistern, sich um die Gesundheit und Versorgung kümmern und Hilfe organisieren. Das Spiel bereite auf die Bewältigung von Krisensituationen vor.
Simulation für Krisenstäbe
Für die Profis entwickelt das Zentrum mit Fachleuten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt die Software „Nexus“. Dieser „digitale Zwilling“ bilde die Infrastruktur einer Stadt ab und könne ein Schadensereignis, etwa einen Wasser- oder Stromausfall, und die dadurch ausgelösten Folgen simulieren. So könnten Krisenstäbe Szenarien realitätsnah durchspielen und im Ernstfall schnell Entscheidungen treffen.
Das DiReX mit knapp 20 Mitarbeitenden wird von der TU Darmstadt, dem Land Hessen und der EU für drei Jahre mit fünf Millionen Euro gefördert. Ziel ist nach den Worten der Co-Direktorin, daraus ein nationales Zentrum für digitale Resilienz zu entwickeln.
www.digital-resilience-xchange.de