Zusammenfassung:
Sinnfluencer:innen sind wichtige Akteur:innen digitaler Glaubenspraxis und damit auch von digitaler Kirchlichkeit. Dabei schaffen sie einerseits neue, religiöse Praktiken und transformieren andererseits etablierte Vollzüge. Anhand einer deskriptiven Analyse von Instagram-Seelsorge reflektiert der vorliegende Beitrag das transformative Potenzial, welches von digitalen Seelsorgepraktiken ausgeht und wie Sinnfluencer:innen damit die Seelsorge und die Kirche »umbauen«.
1. Hinführung
Der Begriff der christlichen Sinnfluencer:innen bezeichnet (kirchliche) Vertreter:innen und religiöse Akteur:innen, die auf Social Media spirituelle Impulse, Glaubensinhalte und religiöse Praktiken teilen. Sinnfluencer:innen bieten auf ihren Accounts Einblick in ihre Weltanschauung und präsentieren die eigene Sinn- und Lebensdeutung. Sie setzen zudem politische, soziale und theologische Impulse und regen zur Meinungsbildung und -austausch an. Im Falle von Pfarrpersonen als Sinnfluencer:innen geschieht das unter bewusster Bezugnahme auf und teils der Einbindung ihrer Rolle und Funktion als Amtsperson und ist Ergebnis des beständigen Wechselspiels der Person der Influencer:innen, eines Sachthemas sowie einem daraus resultierenden Sinnangebot. Diese »Mischung aus individuell-religiöser und kirchlich-institutionalisierter religiöser Praxis«, die pastorale Identitäten seit jeher ausmachen, ist folglich auch im Digitalen die Grundlage pastoraler Identitätskonstruktionen und Abbild dessen, wie sich die Pfarrer:innen selbst sehen (möchten) und verstanden werden wollen. Zugleich prägen sie damit das, was unter »Kirche« verstanden wird. Denn die landeskirchlichen Sinnfluencer:innen promoten auf Social Media nicht nur sich selbst, sondern auch die Institution, die sie vertreten. Der vorliegende Beitrag geht dieser Spur nach, indem er die Bedeutung digitaler Seelsorgepraktiken für kirchliche (Selbst-)Verständnisse untersucht.
Dazu wird nach einer praktisch-theologischen Hinführung und seelsorgetheoretischen Bestandsaufnahme zum Phänomen digitaler Seelsorge (2), die Praxis der Instagram-Seelsorge zunächst erläutert und charakterisiert (3). Im Anschluss daran wird 4. anhand dreier Thesen, die sich aus den Charakteristika dieser Seelsorgeform ableiten, die kirchentheoretische Bedeutung und das transformative Potenzial dieser digitalen, kirchlichen Praxis herausarbeitet. Abschließend werden die gemachten Beobachtungen 5. gebündelt und in Form dreier Anregungen für die Forschung und Praxis pointiert.
2. Formen digitaler Seelsorge
Digitale Seelsorge ist aus der kirchlichen Praxis und poimenischen Diskursen nicht mehr wegzudenken. Doch während mittlerweile, auch im deutschsprachigen Raum, zahlreiche Forschungen zu Digitalität und Kirche mit unterschiedlichsten Fragestellungen und Zugängen vorliegen, stellte der Diskurs um digitale Seelsorge hierzulande bis vor wenigen Jahren einen verschwindend kleinen Sonderforschungsbereich dar. Besonders bemerkenswert ist diese geringe Beachtung vor dem Hintergrund, dass institutionalisierte, digitale Seelsorge bereits seit fast 30 Jahren angeboten und praktiziert wird. Während die Forschungen zu digitalen Gottesdienstformaten und deren Praxis besonders in den letzten Jahren deutlich zunahm, kam »[d]igitale[n] [seelsorglichen] Angebotsformen […] [eine] eher randständige Bedeutung [zu und] sie [wurden] bisher nicht zu einer selbstverständlichen Möglichkeit der persönlichen Kontaktaufnahme weiterentwickelt.« Doch erfolgt die praktisch-theologische Beschäftigung mit digitaler Seelsorge nicht nur deutlich zögerlicher und beschränkte sich lange Zeit auf die Chat- und Mailseelsorge. Vielmehr stellt sie eine bis heute umstrittene Praxis dar und wird auf Social Media im Handbuch für Internetseelsorge aus dem Jahr 2022 noch immer kategorisch ausgeschlossen. Andere jüngere poimenische Publikationen wiedersprechen dieser Empfehlung nicht nur, sondern zeugen vielmehr davon, dass die digitale Seelsorge praktisch-theologisch an Bedeutung gewinnt. Dies ist auch auf (landes-) kirchlicher Ebene zu beobachten. Exemplarisch hierfür stand 2023 die damalige Entstehung einer durch die Evangelische Kirche in Deutschland finanzierten »tragfähige[n], digitale[n] Infrastruktur zur datensicheren Seelsorge und Beratung im Raum der EKD« im Digitalen Haus der Seelsorge und Beratung der Landeskirche Hannover. So erfreulich dieser Befund ist, so sehr verwundert die Tatsache, dass die Schaffung eines solchen Hauses im Jahr 2023 überhaupt erwähnenswert war und auch heute – zwei Jahre später – noch als Novum hervorgehoben werden muss. Gleichzeitig verweist dieser Befund auf die Komplexität und partielle, scheinbar noch immer bestehende, Unvereinbarkeit von digitaler Seelsorge und institutionalisierter Kirche. Diese Unvereinbarkeit ist vielfältig begründbar, korreliert mit dem jeweiligen Seelsorgeverständnis und zeigt sich in besonderer Weise in der Seelsorgepraxis auf Social Media. Diese Social Media-Formate unterscheiden sich in wesentlichen Punkten von den bisher genannten digitalen Seelsorgeformaten, die im Anklang und der Fortführung der Onlineberatung der Telefonseelsorge, als Chat- oder Mailseelsorge gedacht werden oder aber einen Übertrag analoger seelsorglicher Vier-Augen-Kontakte in die videobasierte Internettelefonie darstellen. Welche Besonderheiten sich in der Social Media-Seelsorge ausmachen lassen wird im Folgenden anhand einiger landeskirchlicher Praxisbeispiele auf Instagram erschlossen.
3. Seelsorge auf Instagram. Hinführung und Spezifika
Im November 2020 postete die Pfarrerin und mit fast 43.000 Follower:innen wohl bekannteste deutsche landeskirchliche Sinnfluencerin Josephine Teske einen Text über den Verlust ihres ungeborenen Kindes. Der Text neben dem Bild (Abb. 1) lautet:
Von mir. Aber ich erlaube mir, für alle Mütter zu sprechen, die ein Kind in sich trugen, das gestorben ist. Das sie nicht halten konnten, in welcher Woche, welchem Monat sie auch schwanger waren. Denn oft werde ich gefragt, wie weit ich mit Samuel war. Es war sein eigentlicher Geburtstermin. Und das scheint für Viele eine Legitimation, dass ich so traurig bin. Ich befürchte, wäre es am Anfang gewesen, wäre weniger Verständnis da. Wahrscheinlich würde ich auch nicht so darüber reden. Denn über unglückliche Schwangerschaftsenden reden wir kaum. Was wir aber alle gemeinsam haben im Club der Sternenkindermamas sind folgende Dinge: • die Angst, es könnte wieder passieren! • Die Frage, ob es meine Schuld war! Hätte ich etwas tun können? • Wie das Leben mit diesem Kind wohl gewesen wäre? • Der Trauer niemals wieder entkommen zu können – auch wenn es leichter wird. • In der Trauer isoliert von anderen zu sein. Spätestens mit den Jahren werden es weniger Menschen, die mittrauern. • Schmerz, wenn andere Frauen schwanger sind (ich habe viele Freundschaften bis heute, trotz meiner Kinder, deshalb nicht aushalten können). • Mit der Trauer des:der Partner:In umgehen. • So tun müssen, als sei alles ok. • Mit den körperlichen Folgen umgehen müssen. • Mit Kommentaren umgehen müssen. • Die Entscheidung treffen, ob man darüber sprechen möchte oder nicht. – Ich fühle mich in Gruppen mit Müttern nicht sehr wohl. Ich habe nie einen Mutter-Kind Kurs besucht. Schob nie einen Wagen neben einer anderen Mutter. Am sichersten fühle ich mich mit Müttern, die diesen Verlust auch kennen. Nur sie verstehen, wie es in einem aussieht. Oder können es nachspüren. Zum Glück! Ich wünsche es niemandem, diesen Schmerz zu kennen. In unserem Club, in dem niemand von uns sein möchte, finde ich dennoch Sicherheit. Wir sind Viele. Manche sind im Geheimen dabei. Andere, so wie ich sprechen offen darüber. Ich denke an euch alle. Ich wünsche euch, dass ihr euch gesehen fühlt. Dass ihr Trost findet. Und ich denke an die anderen Elternteile. Nur für sie mag ich nicht sprechen. »Ich bin die sanften Sterne, die nachts leuchten. Stehe nicht an meinem Grab und weine. Ich bin nicht dort.«

(Abb. 1: Instagram Beitrag @seligkeitsdinge_, November 2020)
Teske schreibt diesen Text als »Sternenkindmama« und teilt darin öffentlich ihre Trauer, ihren Schmerz und ihren Umgang mit dem Verlust. Dabei spricht sie bewusst auch all diejenigen an, die »im Geheimen [im Club dieser Mamas] dabei« sind. Teskes Post wurde bis Dezember 2025 über 370 Mal kommentiert und fast 6.200 Mal wurde darauf mit Zustimmung in Form eines Likes reagiert. In den Kommentaren finden sich Dankesworte, Worte der Ermutigung und des Zuspruchs, aber auch das Teilen eigener, an Teskes Post anschließende Erfahrungen. Die Kommentare der Follower:innen legen die Annahme nahe, dass diese sich verstanden, begleitet und gestärkt fühlen. Teske selbst beschreibt das, was sie auf Instagram tut und wofür ihr mittlerweile auch ein Dienstauftrag für digitale Kirche von der Nordkirche übertragen wurde, als Seelsorge:
»Und da kamen so bewegende Nachrichten und ganz ehrliche und auch schmerzhafte Nachrichten und […] das ist auch ne Form von Seelsorge, sich öffnen können vor anderen und Dinge zuzugeben vor anderen und dann getragen werden. Also nicht nur von mir […], sondern auch von den [anderen] […], die nicht da drauf negativ reagiert haben, sondern im Gegenteil nochmal ein Herz-Emoji oder dieses Gebets-Emoji geschickt haben oder ich weiß noch hinterher, dass die Leute sich nochmal schreiben und darüber reden miteinander […]. Und auch das ist Seelsorge und ich empfinde das so als befähigend, wenn Christinnen und Christen, die das ja nicht so gelernt haben, Seelsorge zu betreiben plötzlich dennoch auch ein offenes Ohr haben füreinander und füreinander da sind, einander sehen […]«
Was Teske hier entwirft, ist ein Bild von Seelsorge, die öffentlich stattfindet und die davon lebt, dass Menschen »sich öffnen können vor anderen und Dinge zu[…]geben und dann getragen werden.« Ihr selbst kommt dabei als Initiatorin und dadurch, dass sie einen Raum für diese Konversationen schafft zunächst eine eröffnende, anregende sowie auch moderierende Rolle zu, da sie auf Kommentare teilweise reagiert. Doch auch den »Leuten, [die sich danach] nochmal schreiben und darüber reden miteinander«, schreibt Teske eine zentrale seelsorgliche Funktion zu. Wie aber lässt sich kirchentheoretisch einordnen und deuten, was auf Teskes Profil passiert? Die bloße Beschreibung dessen, was Teske tut und wie das wirkt, ist ein Zugang zu dieser Fragestellung und führt ins Zentrum der poimenischen Debatte um Instagram-Seelsorge sowie ihrer Spezifika:
Eine Pfarrerin erzählt aus ihrem Leben. Sie lässt eine große Community, die auf einander und auf sie reagiert, daran teilhaben. Damit wirkt sie auf die Lebensdeutungen der Teilhabenden zurück, ja löst relevante, erwähnenswerte und offensichtlich meist als positiv erlebte Prozesse für diese Deutung aus. Um ein solches Geschehen als seelsorglich deuten zu können, ist von einem sehr weiten und offenen Verständnis von Seelsorge auszugehen. Es ist zudem ein Verständnis, welches um die Subjektivität des Erlebens hinsichtlich des Geschehens und Gelingens von Seelsorge weiß und anerkennt, dass die Beurteilung der seelsorglichen Wirkung zentral im Bewertungshorizont der Empfangenden liegt. Ob und wie Seelsorge gelingt, ist nicht an konkreten Erscheinungsformen oder Kontexten festzumachen und schon gar nicht steht es Forschenden zu, Menschen, die – warum auch immer – etwas als seelsorglich empfinden, diese Wahrnehmung abzusprechen. Nichtsdestotrotz gibt es bestimmte Paradigmen, die zur Seelsorge immanent dazu-gehören. Dazu gehört z.B. eine bestimmte Haltung der Seelsorgenden. Diese Paradigmen schützen die Seelsorge davor einer Beliebigkeit anheim zu fallen und »jedes Geschwätz« zur Seelsorge zu erklären. Neben solch einem grundsätzlichen Paradigma gibt es mindestens vier weitere Charakteristika, die die beschriebene Seelsorge auf Instagram ausmachen und quer zu lange Zeit tradierten Seelsorgevorstellungen und deren rechtlicher Verankerung liegen.
So bewegt sich Teske 1. nicht nur außerhalb eines vertraulichen, rechtlich abgesicherten, datenschutzkonformen Kontaktraumes, in dem Kontakte 2. weder auf Eins-zu-eins-Begegnungen abzielen noch 3. alleine von der seelsorgenden Person ausgehen, sondern die Seelsorgerin ist 4. selbst diejenige, die erzählt und der dabei als Person eine zentrale Rolle zukommt. Diese Beobachtungen explizierend und aus diesen abgeleitet wird im Folgenden anhand von drei Thesen die kirchentheoretische Bedeutung dieser Form digitaler Seelsorge diskutiert. Dabei steht die Frage, wie sich Kirche in einer solchen Seelsorgepraxis präsentiert und welche transformative Kraft von dieser Praxis ausgeht, im Fokus. Diese Ableitung wird legitimiert durch die tiefe, in diesem Fall, landeskirchlich orientierte institutionelle Verbundenheit und Identifikation, die sämtlichen hier untersuchten Seelsorgenden zu eigen ist und die sich u.a. in deren Selbstdarstellung zeigt.
4. Wie Sinnfluencer:innen die Seelsorge und Kirche umbauen. Drei Thesen
These 1: In der Seelsorge auf Instagram zeigt sich Kirche proaktiv.
Die landeskirchlich affiliierte Seelsorge auf Instagram wurde von Pfarrpersonen etabliert, die Seelsorgeräume schafften und zwar dort, wo sie und ihre Gemeinden (meist außerhalb parochialer Gemeindestrukturen) aktiv sind. Dieses Schaffen von Seelsorgeräumen geschah und geschieht trotz der eindeutigen kirchenrechtlichen Bewertung von Seelsorge auf Plattformen, auf denen die Seelsorgenden nicht gewährleisten können, dass nicht »von Dritten mitgehört w[ird].« So darf es laut § 11 des Seelsorgegeheimnisgesetztes (SeelGG) hier formal keinen seelsorglichen Kontakt geben. Er kann auf Social Media nur angebahnt werden. Die Seelsorgenden auf Instagram finden eigene, kreative Wege mit diesem Hindernis umzugehen. Dazu zählt neben einer bewussten Verlagerung der Kontakte sobald diese angebahnt sind, der Verweis auf die Bedingungen, AGBs und Datenschutzrichtlinien, die jede:r Nutzer:in bei Verwendung der Plattform akzeptiert und damit um das Risiko von Mitlesenden weiß. Nur so können die Seelsorgenden die Funktionslogik der Plattform nutzen, auf der das Mitlesen in Form »stiller Follower:innenschaft« wesentlicher Bestandteil des seelsorglichen Geschehens ist. Medientheoretisch und philosophisch bereits zu Beginn der 2000er erschlossen, geht mit dieser Interpassivität sowohl eine (Selbst)Distanzierung als auch eine Verlagerung und Delegation der zu verhandelnden Themen und Anliegen an andere Personen einher. Die Interpassivität ermöglicht zudem, sich einerseits der eigenen Gefühlswelt zu nähern. Andererseits ist es hier möglich, in sicherer Distanz zum eigenen Leben sowie Personen, die dieses Leben möglicherweise be- oder gar verurteilen, zu bleiben. Die Äußerungen der Seelsorgenden bieten dazu die Grundlage. Die Seelsorgenden positionieren sich öffentlich zu einem verbindenden Inhalt, sind oft selbst Betroffene und damit Teil der Gruppe. Dafür brechen die Seelsorgenden bewusst mit Tabus und Narrativen. Indem sie ihre Existenz als »Wochenendmutter« oder sexuell aktives Wesen öffentlich machen (s. Abb. 2), zeigen sie sich nicht nur (seelsorglich) ansprechbar für diese Themen, sondern verändern zugleich die öffentliche Wahrnehmung von Pfarrpersonen und der Kirche. Die Seelsorgenden bemühen sich aktiv und kreativ um die Schaffung kirchlicher Kontakträume, die dem Kontext und den Bedürfnissen dort begegnender Menschen angemessen scheinen. Dies betrifft ihre Sprache, ihre Themen und die Priorität auf Kontakt. Rechtliche Fragen und enge Vorstellungen dessen, was Seelsorge sei, stehen hinten an.

(Abb. 2: Instagram Beitrag @einschpunk, Dezember 2022)
These 2: In der Seelsorge auf Instagram zeigt sich Kirche nahbar.
Theresa Brückner betet in einem im Juli 2023 geposteten Video dankend und ihr Erleben ihrer Mutterschaft beschreibend. Die Pfarrerin zeigt sich darin als Mutter, lässt die Follower:innen ganz nah ran, spendet Mut, »hilft […] beim Heilen« und löst zugleich zahlreiche parasoziale Rezeptionsprozesse aus. Diese werden sowohl durch die Pfarrerin, als auch die Follower:innen als seelsorglich erlebt.

(Abb. 3: Instagram Beitrag @theresaliebt, Juli 2023)
Was die Pfarrerin hier tut, entspricht zwar der Logik von Instagram, widerspricht jedoch dem bis heute gängigsten Verständnis von Seelsorge, in dem ausschließlich die seelsorgesuchende Person und deren Erzählung Beachtung erfährt. Auf Instagram ist es das Erzählen, der Inhalt und die damit einhergehende (Re)Konstruktion der Lebensgeschichten der Pfarrpersonen, die Follower:innen anspricht und ihnen das Gefühl gibt, verstanden, begleitet und nicht allein zu sein. Diese Art des Storytellings auf Instagram führt dazu, dass sich die Follower:innen der Pfarrperson freundschaftlich, ja intim verbunden fühlen und diese parasoziale Beziehung als echt erleben. Entscheidend dafür ist neben einer partiellen Offenlegung des Privatlebens sowie einer persönlichen, nahbaren Kommunikation, die von den Seelsorgenden darin offenbarte Verletzlichkeit. Diese Selbstdarstellung und -offenbarung erzeugt nicht nur Nähe, sondern lädt die Follower:innen ein, sich ebenfalls – in ihrer Menschlichkeit und Vulnerabilität – mitzuteilen. Indem die Seelsorgenden auf Instagram ihr eigenes Hadern mit dem Leben und schambehaftet Tabuthemen in den Vordergrund stellen, brechen sie allerdings nicht nur mit einem bisher vorherrschenden Seelsorgeparadigma, sondern auch der primären Logik der Plattform. Sie bieten der inszenierten Schönheit und einer vermeintlichen Perfektibilität der Instagram-Welt mit dem Abbild ihrer Menschlichkeit ein »heilsames Gegenbild«. Diese Nahbarkeit und das Sich-Zeigen bei gleichzeitiger (möglicher) Anonymität und Distanz von Seiten der Seelsorgesuchenden ist für seelsorgliche Kontakte auf Instagram zentral und wird besonders im Zusammenhang mit schambehafteten Inhalten virulent. Das gilt für eine transparente Kommunikation eigener Ängste und Sorgen, für ein Hadern mit der Elternschaft oder dem Leben als Mutter, die ihr Kind nur am Wochenende sieht. Als stille:r Follower:in ist es möglich, die eigenen Unzulänglichkeiten und Verletzlichkeiten nicht öffentlich machen zu müssen, gleichzeitig aber eine Auseinandersetzung und möglicherweise Heilung über die Auseinandersetzungen anderer mit ähnlichen Herausforderungen zu erfahren. Die Korrelation von Anonymität und Intimität wirkt dabei sowohl vertrauensförderlich als auch entschämend. Dazu bedarf es eines Vorschusses von Seiten der Seelsorgenden. Teske beschreibt dieses Geschehen mit den folgenden Worten:
»[…] Menschen, die vielleicht in der Gemeinde […] nicht aktiv sind, vielleicht gar keinen Ort in ihrer Kirchengemeinde haben, vielleicht sogar gar nicht Mitglied in der Kirche sind, aber sowas wie auf Gottsuche sind, die können uns Christinnen und Christen, die aktiv im Netz unterwegs sind und sich zeigen, kennenlernen, könne mich als Pastorin kennenlernen […] und das baut eine ganz große Hürde ab, die ich im analogen Leben oft bemerke, nämlich dieser große Schritt sich zu informieren […] und sich dann auch noch zu melden […] und die Pfarrperson noch nicht einmal zu kennen […].«
Die Seelsorgenden nehmen also die Kommunikationsstrukturen und -bedürfnisse der Menschen, für die sie ansprechbar sind, auf und transformieren dafür bisher geltende Seelsorgeparadigen sowie die genuine Logik der Plattform selbst. Sie präsentieren sich, weit über die eigene Gemeinde hinaus, öffentlich, nahbar und unvollkommen. Damit konstruieren sie als Repräsentant:innen ihrer Kirchen zugleich ein Bild von Kirche als einer verletzlichen Kirche, die nicht beschämt, sondern durch ihren kritischen Blick auf eigene Unzulänglichkeiten nahbar erscheint und sogar selbst entschämend wirken kann.
These 3: In der Seelsorge auf Instagram zeigt sich Kirche als Peer-Kirche.
Das Phänomen der Peer-Seelsorge ist in kirchlichen Vollzügen gut erprobt und etabliert. Es äußert sich klassischerweise in der Seelsorge in Gruppen, wie bspw. in Krabbel- oder Senior:innenkreisen. Diese finden meist ohne hauptamtliche Leitung statt und bringen Menschen mit ähnlichen Anliegen, Lebensaltern und Themen zusammen, die sich gegenseitig unterstützen. Auch im digitalen Bereich gibt es Peer-to-Peer-Seelsorge. Hier bieten speziell für dieses Format ausgebildete Seelsorgende Eins-zu-eins-Seelsorge an. Eine solche Seelsorge ist im Sinne einer Weiterentwicklung der Telefonseelsorge zu deuten. Die Peer-Dimension, die sich auf Instagram ausmachen lässt, geht über eine solche Weiterentwicklung hinaus und schließt an die analoge Gruppenseelsorge an. Größter Unterschied zu dieser ist die räumliche, zeitliche, zielgruppenspezifische sowie professionstheoretische Offenheit von Instagram-Seelsorge, die Möglichkeit des anonymen und passiven Partizipierens sowie der Einbezug der Pfarrperson als Peer, der zentral für die Peer-Group-Implementierung ist. So wird auf Instagram sowohl der passiven Rezeption des Accounts als auch den »Leute[n], [die sich danach] nochmal schreiben und darüber reden miteinander« eine seelsorgliche Funktion zugeschrieben. Ausschlaggebend dafür und verifiziert an allen bisher besprochenen Posts ist die bereits vorhin beschriebene Erfahrung und Erwartung, dass die »anderen nicht da darauf negativ reagiert haben« und damit auch die eigene Geschichte auf diesem Account sicher geglaubt wird. Diese gefühlte Sicherheit lässt angesichts der Gefahren von hate speach und dem Missbrauch von öffentlicher, oft nur bedingt moderierter Kommunikation hier noch viele Fragezeichen offen und bedarf einer weiteren konstruktiven, intensiven und kritischen Auseinandersetzung, die hier jedoch nicht geleistet werden kann. Die Accounts eröffnet also einen Raum, in dem sich Menschen einander öffnen und sich als Peers (seelsorglich) begleiten:
»Und auch das ist Seelsorge und ich empfinde das so als befähigend, wenn Christinnen und Christen, die das ja nicht so gelernt haben, Seelsorge zu betreiben, plötzlich dennoch auch ein offenes Ohr haben füreinander und füreinander da sind.«
Teske und anderen Seelsorgenden auf Instagram gelingt es also, die Logik der Plattform aufnehmend, die »Selbstsorge-Ressourcen der Gemeinde« zu aktivieren. Sie nehmen Menschen in und mit ihren Kommunikationsgewohnheiten, Themen und Bedürfnissen nach Anonymität und Öffentlichkeit, aber auch in ihrer seelsorglichen Kompetenz – theologisch gesprochen: ihrem Priestertum – wahr und ernst und implementieren gleichzeitig neue Gemeinde- und Gemeinschaftsbildung. Diese entsteht nicht durch das temporäre Versammeln unter einem Post, sondern durch eine gegenseitige Verbundenheit und gewisse Verbindlichkeit. Wenngleich die seelsorgende Person für die Initiierung und das Halten des Rahmens dieses Prozesses wichtig ist, so stellt sich hier die Frage von Kompetenzen, Hierarchien und auch Kontrolle neu.
Anhand drei konkreter Thesen, die sich aus den poimenischen Charakteristika von Instagram-Seelsorge ableiten lassen, wurden die kirchentheoretischen Anklänge von bereits stattgefundenen Transformationsprozessen einer solchen Seelsorge exemplarisch ausgeführt. Kirche zeigt sich darin als proaktive, nahbare Peer-Kirche. Wenngleich unbestritten ist, dass kirchliches Handeln auch jenseits einer Seelsorge auf Instagram als proaktiv, nahbar und als Peer-Kirche er- und gelebt werden kann, so handelt es sich bei den hier herausgearbeiteten Charakteristika doch um solche, die der Institution Kirche von außen nicht primär zugesprochen werden. Vielmehr wird diese (trotz großer Anstrengungen) bisweilen noch immer eher als reagierend, distanziert, wenig transparent hinsichtlich einer eigenen Fehlerkultur, häufig wertend oder sogar beschämend und sich nur schwerfällig von Hierarchien und Traditionalismen lösend erlebt. Diese Inkongruenz ist in der beschriebenen digitalen Seelsorgepraxis einerseits in (ab-)wertenden Kommentaren ablesbar. Hierin zeigt sich wie sehr die (eigenen) Vorstellungen von Kirche sowie Pfarrpersonen als diese repräsentierende, von dem, was auf den Profilen passiert abzuweichen scheint. Andererseits zeugen auch die kritischen, innerkirchlichen Stimmen gegenüber einer seelsorglichen und sogar kirchlichen Praxis auf Instagram von dieser Inkongruenz. Die Tatsache, dass die hier vorgestellten Beispiele gerade von kirchlich identifizierten und höchst verbundenen Pfarrpersonen stammen, verschärft diesen Befund.
5. Die transformative Kraft von Sinnfluencer:innen. Abschließende Gedanken und Ausblick
Ausgehend von der Analyse seelsorglicher Posts landeskirchlicher Sinnfluencer:innen konnte in den vorliegenden Ausführungen einerseits gezeigt werden, dass und inwiefern eine digitale Seelsorge auf Instagram im Sinne einer Umwertung bisher üblicher Seelsorgeparadigmen zu verstehen ist. Eine solche findet öffentlich und in der Gruppe statt, der seelsorgenden Person kommt darin als selbst Betroffene mit ihrer Geschichte eine zentrale Rolle zu. Andererseits zeigen die Ausführungen, dass diese digitale Seelsorgepraxis auch kirchentheoretisch bedeutsam ist und transformierend wirkt. Sie bestätigen, was Heidi Campbell bereits vor über zehn Jahren prognostizierte: Der digitale Wandel im kirchlichen Bereich wirkt massiv auf die Bereiche der Autorität, Authenizität und des Gemeinschaftserlebens zurück. Diese Entwicklung ist, so Campbell, strategisch nicht zu steuern, sondern lebt davon, dass die Menschen, die diese Angebote machen und sich als »Kirche« verstehen, selbst konstituierend wirken. Die angeführten Beispiele aus der Seelsorgepraxis bestätigen dies und zeigen zugleich: Gelebte Kirchlichkeit ist längst fluide, professionsflexibel und überparochial. Diese Realität gilt es organisationsdynamisch sowie kirchentheoretisch weiter zu durchleuchten und in Hinblick auf die Fragestellung, wie diese Entwicklung zukünftig gestaltet werden kann, zu konkretisieren. Dabei geht es nicht darum »digitale Kirche [zu] werden. Es geht darum, dass wir in einer digitalisierten Welt Kirche Jesu Christi sind und bleiben.« Was und wie diese Kirche ist, gestalten die Menschen, die sich ihr zugehörig fühlen und die offen dafür sind, dass dies möglicherweise ganz anders sein wird, als heute überhaupt vorstellbar. Folglich sind drei konkrete kirchentheoretische Anregungen zur Diskussion zu stellen:
1. Angesichts der Reichweite und Selbstdarstellung von Sinnfluencer:innen stellt sich die Frage nach pastoralen und kirchlichen Identitäten und deren Umdeutung neu. So treten diese öffentlich auch als Zeug:innen von Erfahrungen, die gesellschaftlich tabuisiert sind, auf. Indem sie über sexuelle Praktiken, schambelastete Themen wie erlebte Fehlgeburten oder ihre Scheidungen sprechen, indem sie Einblick in ihr Privatleben geben, lösen sie sich und die Kirche aus dem Narrativ eines entrückten Ortes, der von unbekannten und damit teilweise als moralisch überhöhten oder sogar urteilend wahrgenommenen Menschen ohne Fehler repräsentiert wird. Pastoraltheologisch und gendertheoretisch ist zugleich bemerkenswert, dass dieses Phänomen fast ausschließlich bei weiblich gelesenen Personen auszumachen ist.
2. zeigen die erhobenen Befunde, dass die Frage nach der, seit Jahrzehnten geführten Debatte, der Ehrenamtseinbindung, -befähigung und -ermächtigung virulent bleibt. Diese Debatte erhärtet sich einerseits in Bezug auf ein bisweilen beobachtbares, wenig gabenorientiertes und realitätsfremdes Festhalten an starren Kompentenz-zuschreibungen, andererseits in Hinblick auf daraus generierten, noch immer sehr eindimensionalen Ausbildungs- und Lernwegen, die in die kirchliche und vor allem die seelsorgliche Praxis führen.
3. regt die Bedeutung von Peers die Reflexion von Gemeinde- und Hierarchiestrukturen an. Sie fragt danach, was es an gegenseitiger Verbundenheit, Verbindlichkeit, aber auch Vorbildhaftigkeit für vertrauliche Gemeinschaftlichkeit und um (als Kirche) ansprechbar zu bleiben braucht.
Frankfurt am Main, 9. Dezember 2025
Aus epd Dokumentation 8/26 vom 17. Februar 2026:
Wie Sinnfluencer:innen die Seelsorge und Kirche umbauen (Prof. Dr. Christine Wenona Hoffmann) / »Gute Arbeit« in christlicher Sicht (Pfarrer Dr. Johannes Rehm)
24 Seiten / 4,95 €
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