Theologie und Rassismus in Deutschland - ein exemplarischer historischer Einblick
Dr. Alena Höfer, Referentin für Frauenpolitik und intersektionalen Feminismus, Institut für Kirche und Gesellschaft der EKvW, Schwerte

1. Schwarze Theologie als Ausgangspunkt
Wer sich mit rassismuskritischer Theologie auseinandersetzen möchte, findet den Weg schnell zur Schwarzen Theologie. Sie entsteht in den 1960er Jahren im Horizont der Befreiungstheologie und ist historisch mit der Bürgerrechtsbewegung in den USA und darin mit der Person James Cone verbunden. Ein anderer Entstehungskontext zur ähnlichen Zeit ist Südafrika während der Apartheid und die sog. Black Consciousness Bewegung, an der auch Kirchen maßgeblich mitbeteiligt waren. Wichtige Vertreter sind hier Desmond Tutu, Allan Boesak und Steve Biko.

Es fällt auf, dass die Anfänge der Schwarzen Theologie männlich sind. Trotzdem möchte ich bei diesen Anfängen beginnen, weil sie einen wichtigen Meilenstein darstellen. Desmond Tutu schreibt: »Schwarze Theologie befaßt sich [..] mit den brennenden Fragen der schwarzen Existenz. Sie ist nicht akademisch oder distanziert, sondern zutiefst engagiert, situationsbezogen und existenziell. [...] Sie [Schwarze Menschen] sind nicht in das allgemeine Problem christlichen Glaubens verwickelt: Warum kann es Leiden geben, wenn Gott gut und liebevoll ist? Nein, ihr besonderes Problem ist es, daß sie Gottes Allmacht und Liebe kennen, aber sich fragen: ›Auf wessen Seite steht er?‹ Die Frage ist nicht: ›Warum gibt es Leiden in der Welt eines gütigen und liebenden Gottes?‹, sondern: ›Warum leiden wir so viel?‹ Dies sind keine akademischen Fragen. ›Ist es möglich, schwarz und gleichzeitig weiterhin ein Christ zu sein?‹ ›Warum behalten die Weißen in fast jedem Zusammenstoß mit Schwarzen die Oberhand?‹ [...] Die Sorge der Schwarzen Theologie gilt also der weiteren Existenzmöglichkeit Schwarzer als Christen.«

In diesen wenigen Sätzen stecken unter Berücksichtigung des zeitgeschichtlichen Kontextes bereits sehr viele Aspekte, die auch für eine Bestimmung des Verhältnisses zwischen Theologie und Rassismus in Deutschland relevant sind. Im Folgenden verwende ich dieses Zitat als kritischen Referenzpunkt, um diese Aspekte exemplarisch herauszuarbeiten. Dabei widme ich mich drei Leitfragen: 1. Wo kommen wir her? 2. Was bedeutet es, rassismuskritische und postkoloniale Perspektiven in deutschsprachiger Theologie ernst zu nehmen? und 3. Welche Theologie(n) braucht die Gegenwart?

2. Wo kommen wir her?
Um die Beziehung zwischen Theologie und Rassismus in Deutschland zu verstehen, braucht es einen Blick in die Geschichte. Am Beispiel der Auseinandersetzung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) mit dem Thema Rassismus in den 70er Jahren und der Reaktion der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) darauf, werde ich das lange Zeit vorherrschende Paradigma, dass Rassismus ein primäres Problem der anderen sei, entfalten. Südafrika ist in dieser Zeit im Fokus der Diskussionen.

Auf der Vollversammlung des ÖRK 1975 in Nairobi wird das Programm zum Kampf gegen Rassismus verstetigt. In dem Report findet sich eine theologische Grundlegung, die bis heute breit rezipiert wird. Die theologische Kernaussage ist hier, dass Rassismus Sünde gegenüber Gott und den Mitmenschen ist. Daran anschließend folgt ein Bekenntnis, dass Kirchen für die Existenz von Rassismus mitverantwortlich sind und dass es ihnen bis dato nicht gelungen ist, Rassismus mindestens in ihren eigenen Räumen erfolgreich zu bekämpfen. Es werden dann Phänomene benannt, wie sich Kirchen mit Rassismus auseinandergesetzt haben oder auch nicht. Darin heißt es unter anderem, dass »viele behaupten, sie seien nicht rassistisch, als ob sie die Existenz des Rassismus einfach ignorieren könnten« und dass Kirchen viel eher bereit sind, »den Kampf gegen den Rassismus in anderen Ländern zu führen als im eigenen«.

Diese beiden Punkte treffen auch auf die EKD zu. Ein Beispiel für eine Relativierung der Relevanz von Rassismus findet sich in dem Synoden-beschluss der EKD vom 12. Juli 1974, d. h. kurz vor der Vollversammlung. Darin heißt es in Auszügen: »›Weißer‹ Rassismus ist besonders ernst zu nehmen, weil er sich mit der politischen und wirtschaftlichen Kraft der westlichen Industrienationen verbindet. [...] Aber es gibt nicht nur diesen weißen Rassismus der Völker des Westens. Es gehört zu den tragischen Erscheinungen des Rassismus, daß Völker, die unter rassischer Unterdrückung zu leiden hatten und leiden, auch ihrerseits rassistisch reagieren.« Hier findet sich ein Beispiel für das, was in der rassismuskritischen Terminologie als Derailing – d. h. übersetzt Entgleisung und meint die Ablenkung vom eigentlichen Thema – bezeichnet wird, verbunden mit einer falschen Definition, was unter dem Begriff Rassismus zu fassen ist. Die Mechanismen rassistischer Ideologie und kritischen Weißseins werden in dem Beitrag von Nathalie Eleyth aus-geführt. Diese Passage zeigt also, dass es zu diesem Zeitpunkt noch kein Bewusstsein für die darin vorherrschenden weißen Machtstrukturen und keine umfassende Auseinandersetzung mit rassistischer Ideologie in der EKD insgesamt statt-gefunden hat.

Damit kommen wir zu dem zweiten Kritikpunkt: Rassismus wird nur als Problem in anderen Ländern behandelt. Es ist vor diesem Hintergrund nicht verwunderlich, dass das Werk von Desmond Tutu zwei Jahre nach Nairobi 1977 in deutscher Übersetzung im Jugenddienst-Verlag der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) Wuppertal im Werk Versöhnung ist unteilbar veröffentlicht wird. Denn es sind die Missions-gesellschaften und ökumenischen Gemeinschaften insgesamt, die sich mit dem Thema im Horizont kolonialer Kontinuitäten und anderer i. d. R. außereuropäischer Kontexte befassen. Rassismus ist als Thema in der deutschsprachigen Theologie im Horizont der von Walter Mignolo benannten kolonialen Machtmatrix und damit verbundenen epistemologischen Vormachtstellung insgesamt noch nicht im Fokus.

Mit diesen beiden Punkten ist ein weiterer Aspekt verbunden. Obwohl in dem Report des ÖRK auch der wachsende Rassismus gegenüber Schwarzen Menschen und Arbeitsmigrant*innen in Europa aufgeführt wird, drehen sich die Diskussionen in der EKD damals maßgeblich um die ethische Frage der Unterstützung des Sonderfonds des ÖRK, der u. a. auch den bewaffneten Widerstand in Südafrika während des Höhepunkts der Apartheid unterstützen soll. An dieser Stelle soll es nicht um diese ethische Debatte selbst gehen. Unabhängig davon wird hier deutlich, was Tutu als die Differenz zwischen allgemeintheologischen Fragestellungen und der politisch kontextuellen, lebensnahen theologischen Relevanz bezeichnet. Während es der Schwarzen Theologie um eine situationsbezogene, existenzielle Theologie geht – wie es im Zitat von Tutu deutlich wird –, kommt es innerhalb der EKD zu einer allgemeinen ethischen Debatte. Obwohl sich der ÖRK zu dem Zeitpunkt bereits sehr viel differenzierter mit Rassismus weltweit auseinandersetzt, fehlt zu diesem Zeitpunkt noch die Übertragungsleistung in den deutschen Kontext selbst. Auch das ist ein Phänomen der Nichtauseinandersetzung mit dem Rassismus im eigenen Land und ein Beispiel für den kolonialrassistischen Einfluss in der Kirche.

Dieses Beispiel zeigt zusammengefasst, dass die EKD von einer Geschichte geprägt ist, die Rassismus lange Zeit als das Problem der Anderen verstanden hat. Das führt u. a. dazu, dass sich vor allem die Disziplin der Interkulturellen Theologie /Religionswissenschaft mit den Zusammen-hängen theologisch befasst hat, während sich die anderen Disziplinen für weniger zuständig hielten.

In der Gegenwart stehen wir auf der Schwelle. In den letzten Jahren konnte Rassismus als gesamtgesellschaftliches und somit auch gesamtkirchliches Problem auch in Deutschland nicht mehr übersehen werden. Die Rahmenbedingungen des Diskurses haben sich verändert. Die Herausforderung besteht darin, dass Kirchen in Deutschland einen theologischen und ethischen Umgang mit ihrer eigenen rassistischen deutschen Geschichte finden und zugleich die untrennbar damit verbundenen glokalen Verflechtungen berücksichtigen müssen, wie sie Emmanuel Kileo in seinem Beitrag ausführt.

3. Was bedeutet es, rassismuskritische und postkoloniale Perspektiven in deutschsprachiger 
Theologie ernst zu nehmen?


a) Postkoloniale Theologie betrifft auch deutschsprachige Theologie

Deutlich wird dies zum Beispiel in dem Zitat von Tutu, wenn er schreibt: »Die Frage ist nicht: ›Warum gibt es Leiden in der Welt eines gütigen und liebenden Gottes?‹, sondern: ›Warum leiden wir so viel?‹« Der Fokus der Schwarzen Theologie richtet sich auf die Erfahrung der rassistischen Unterdrückung. Hierin steckt auch eine dezidierte Kritik am Eurozentrismus und der mit dem Erbe der Aufklärung verbundenen Annahme, dass kontextuelle Theologien außerhalb von Europa und Nordamerika vorzufinden seien und die weiße, heteronormative, oftmals männliche Theologie Ausdruck eines allgemeinen theologischen Wissens sei. Solche Machtformen der Hierarchisierung und Verstrickung in koloniale Kontinuitäten hat die dekoloniale Epistemologie im Horizont postkolonialer Theorie zunehmend infrage gestellt. Als solche ist Theologie – trotz ihrer auf den ersten Blick klaren, biblisch begründeten Ablehnung jeglicher Form von Rassismus – in ihrer epistemologischen Anlage und Verstrickung mit der bis in die Gegenwart wirkmächtigen Kolonialität in sich mit rassistischen Reproduktionen ob willentlich oder unwillentlich konfrontiert. Die Frage nach der Kontextualität von Theologie, welche z. B. die Schwarze Theologie prominent stellt, führt direkt zu der Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit kritischem Weißsein in deutschsprachiger und westlicher weißer Theologie.

Dies betrifft zum Beispiel die Rezeption von Schrift und Theologie. Im Kontext Südafrikas legitimiert der Theologe J.D. du Toit der NGK – der Niederländischen Reformierten Kirche –, mit der Perikope des Turmbaus zu Babel (Gen 11,1–9) die Apartheid, indem er die Trennung der Lebensbereiche unterschiedlicher Nationen als göttlichen Willen auslegt. Oder Eske Wollrad verweist auf die rassistische Bezeichnung des M*** für die Gruppe der Kuschiter*innen in Jeremia 13,23, die auch in der revidierten Lutherübersetzung von 2017 weiter reproduziert worden ist. Dies sind nur zwei kleine Beispiele, wie sich Rassismus in die Auslegung der Bibel ein-geschrieben hat.

Die Frage von Tutu »›Warum behalten die Weißen in fast jedem Zusammenstoß mit Schwarzen die Oberhand?‹« verweist auf eine Hausaufgabe deutschsprachiger Theologie der eigenen rassismuskritischen kontextuellen Verortung und der Wahrnehmung postkolonialer Theologie und ihrer Desiderate glokal. Postkoloniale Theologien bieten hier hilfreiche Anknüpfungspunkte.

b) Wahrnehmung der Ambiguität zwischen allgemeinen und kontextuellen Aussagen in der rassismuskritischen Theologie und Praxis

Dafür komme ich nochmal zurück auf die theologische Grundlegung des ÖRK in Nairobi. In dem Report heißt es: »Rassismus ist Sünde gegenüber Gott und den Mitmenschen. Er steht im Widerspruch zur Gerechtigkeit und Liebe Gottes, die in Jesus Christus offenbart worden ist. Er entwürdigt Rassist*innen ebenso wie ihre Opfer. Wenn Rassismus von Christ*innen praktiziert wird, dann verleugnen sie den Glauben, den wir bekennen, und zerstören die Glaubwürdigkeit der Kirche und ihres Zeugnisses von Jesus Christus. Deshalb verurteilen wir den Rassismus in allen seinen Formen innerhalb und außerhalb der Kirche.«

Dieser allgemeinen Grundlegung ist auf den ersten Blick kaum etwas hinzuzufügen, wenngleich der Begriff des Opfers problematisch ist. Es ist eindeutig, dass Rassismus dem christlichen Glauben widerspricht. Bis heute ist es in der antirassistischen Arbeit ein zentraler Text. Ausgehend davon möchte ich auf drei Herausforderungen im Umgang mit allgemeinen theologischen Zurückweisungen von Rassismus hinweisen, ohne diese in ihrer grundsätzlichen Bedeutung zu nivellieren:

Der Realitätscheck zeigt uns erstens, dass Kirche und Theologie global mit rassistischer Ideologie verstrickt sind und diese reproduzieren. In der rassismuskritischen Auseinandersetzung sind hier zwei Ebenen zu unterscheiden. Das eine ist die notwendige klare Deklarierung rassistischer Reproduktionen in Theologie, die der christlichen Grundüberzeugung widersprechen. Die andere Ebene ist die Aufarbeitung, wie es zu solchen Auslegungen gekommen ist und ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass eine allgemeine antirassistische christliche Haltung nicht vor der Reproduktion rassistischer Inhalte willentlich oder unwillentlich schützt.

Die zweite Herausforderung besteht darin, dass allgemeintheologische Aussagen – wie der Verweis auf die Gottebenbildlichkeit und die Gleichheit aller Menschen vor Gott – als Theologumenon einer antirassistischen Haltung in der Praxis schnell dazu führen, sich als Gegnerin des Rassismus zu positionieren und dadurch die Notwendigkeit der Reflexion der eigenen Verstrickung und Betroffenheit zu vernachlässigen. An dieser Stelle verweise ich wieder auf Tutu. Schwarze Theologie will Antworten auf konkrete menschliche Erfahrungen finden. Allgemeinaussagen bringen nicht weiter, wenn sie die konkreten menschlichen Erfahrungen nicht tangieren. In Analogie an Tutus Zitat ist zu fragen, wie wird Theologie für die unterschiedlichen Lebensrealitäten von BI_PoC in Deutschland relevant? Es reicht also nicht, Rassismus als Gegensatz zum christlichen Glauben zu deklarieren, sondern die Beziehung zwischen Theologie und Rassismus müssen in ihrer Konkretheit in den Blick kommen. An dieser Stelle kann sowohl die Weiterentwicklung der Schwarzen Theologie bis in die Gegenwart und die Entstehung antirassistischer Theologien weltweit als auch das Wachstum unterschiedlichster antirassistischer Veröffentlichungen und Initiativen in Deutschland ein zentraler Anknüpfungspunkt sein.

Daran schließt sich die Frage an, wer rassismuskritisch theologisch arbeiten sollte und wie sich unterschiedliche Erfahrungskontexte hier mi-teinander verbinden. Mit dem Artikel Can the Subaltern Speak? löst Gayatri Ch. Spivak eine Debatte darüber aus, wer, wie und wo über Themen spricht oder auch gar nicht für sich sprechen kann. Das Diktum postkolonialer Vertreter*innen verweist auf die Notwendigkeit des eigenen, selbstrepräsentativen Sprechens. Mit der daran anschließenden Kritik wird u. a. auch die Schwarze Theologie konfrontiert – wie es auch in Tutus Zitat anklingt –, die danach fragt, ob der alleinige Fokus auf Spezialwissen die Existenz eines Allgemeinwissens untergraben würde. Weiterführend sind hier Überlegungen, wie sie sich zum Beispiel bei Nikita Dhawan oder Chandra Mohanty finden, die gemäß diskurstheoretischer und postkolonialer Logiken eine Transparenz fordern, wie und unter wessen Beteiligung Allgemeinaussagen entstanden sind. Wenn also das vermeintlich kontextuell limitierte Erfahrungswissen, wie auch die Schwarze Theologie lange Zeit tituliert worden ist, keine Anbindung an den allgemeinen Diskurs hat, bleibt ihr Wirkungsgrad begrenzt. Es verunmöglicht außerdem, dass die Machtmechanismen weißer hegemonialer Theologien kritisch bearbeitet werden können. Darum kann es an dieser Stelle weniger um die Auflösung des Allgemeinen in eine relative Diffusität gehen, sondern es muss um eine Mitreflexion der Machtmechanismen gehen, die in der Generierung von theologischem Wissen glokal wirken.
    
Kurz: Für eine antirassistische Theologie sind die Perspektiven von BI_PoC sowie Reflexionen eines kritischen Weißseins unerlässlich, um einen differenzierten gemeinsamen theologisch verantworteten Umgang mit dem kolonialen und rassistischen ideologischen Erbe zu erarbeiten.

c) Horizonte Schwarzer Theologie und weitere antirassistische Theologien

Obwohl der Grundsatz – trotz langsam zunehmender Auseinandersetzungen in den letzten Jahren – gilt, dass es weiterhin einen Mangel an rassismuskritischen Theologien in Deutschland gibt, ist es auch wichtig, auf die bestehenden Anknüpfungspunkte und Weiterentwicklungen zu schauen. So hat zum Beispiel Dominik Gautier aufgezeigt, inwieweit sich Jürgen Moltmanns Theologie der Hoffnung und James Cones Schwarze Theologie gegenseitig beeinflusst haben. Oder Sarah Ntondele hat die Bedeutung des Kontakts mit der Harlem Renaissance während seines Studienjahres in den USA für Dietrich Bonhoeffers Theologie aufgezeigt. Ein weiteres interkulturelles Beispiel ist der Einbezug von Moltmanns Werk des Gekreuzigten Gottes in der Theologie von Andrew Sung Park. Ausgehend von der Frage des Mitleides, entfaltet er eine Theologie, in der Sünder*innen und die, gegen die gesündigt worden ist, gleichzeitig unter dem Kreuz stehen, ohne dabei in eine Täter*innen-Opfer-Reduzierung zu verfallen. Darin enthalten ist zugleich eine Kritik an hamartiologischen Ausführungen, die sich Sünder*innen in ihrer personalen Relation zu Gott beschränken.

Von großer Bedeutung in der Weiterentwicklung sind auch die womanistische Theologie und weitere feministische Theologien von BI_PoC Frauen. Schon sprachlich fällt auf, dass Tutu in dem Zitat zu Beginn von einem männlichen Gottesbild ausgeht. »Auf wessen Seite steht er?«, schreibt Tutu. Darauf haben womanistische Theolog*in-nen wie Katie Cannon oder Delores Williams in den 90er Jahren oder gegenwärtig Isabel Apawo Phiri und Masiiwa Gunda hingewiesen und die intersektionale Schnittstelle zwischen Rassismus und Sexismus auch in theologischen Bezügen hervorgehoben.18 Neben dem Einbezug der spezifischen Erfahrung Schwarzer Frauen erweitern sie das Spektrum um einen methodischen Zugang, der Theologie mit Kunst, Musik und Literatur verbindet. Ein Beispiel für eine Korean-American Stimme zu diesem Thema wäre Grace Ji-Sun Kim. Für den deutschen Kontext erarbeitet dies derzeit Sarah Ntondele.

Schwarze Theologien und antirassistische Theologien entwickeln sich weiter. Solange mit Tinyiko Maluleke Rassismus eine flexible Ideologie ist, die über die Fähigkeit verfügt, sich in jegliche Kontexte hineinzuassimilieren, bedarf es einer permanenten multiperspektivischen konkreten Weiterentwicklung.

4. Welche Theologie braucht die Gegenwart?
Mit diesen selektiven und keinesfalls vollständigen Markierungen möchte ich nun zur dritten Frage kommen: Welche Theologie braucht die Gegenwart? Es hat einen gesellschaftlichen und kirchlichen Bewusstseinswandel gegeben. Rassismus betrifft nicht nur die Anderen, sondern auch uns selbst.

Es gibt bereits sehr viele Veröffentlichungen im deutschsprachigen Raum im Bereich der Interkulturellen Theologie/Religionswissenschaft unter Einbezug postkolonialer und rassismuskritischer Perspektiven mit einem glokalen Bezug. Die Arbeiten mit einem expliziten Bezug auf den Kontext Deutschland sind jedoch noch überschaubar. Exemplarisch möchte ich einige nennen. Unter der Rubrik kritisches Weißsein hat als Erste Eske Wollrad im Jahr 2005 etwas aus feministischer Perspektive beigetragen oder das jüngst erschienene Werk von Eberhard Löschcke, das ich zum Zeitpunkt der Tagung noch nicht gelesen habe. Aus der Bibelwissenschaft hat sich Simon Wiesgickl dem Thema gewidmet. Systematisch-theologische Ausführungen finden sich zum Beispiel bei Dominik Gautier, ethische bei Nathalie Eleyth, religionspädagogische bei Britta Konz, praktisch-theologische bei Christine Böckmann oder interkulturell-theologische bei Sarah Ntondele, Emmanuel Kileo oder mir. Ein dezidiert für Kirche geschriebenes Buch ist das Werk von Sarah Vecera oder das von Daniela Konrädi und Nicolas Moumouni für die Nordkirche heraus-gegebene Handbuch oder der jüngst erschienene Wegweiser »Rassismus und Kirche« der EKvW. Aber auch soziologische Perspektiven auf Kirche wie die von Lorenz Narku Laing oder Organisationen wie der von Austen Peter Brandt gegründete Verein Phoenix tragen zu einer kirchlichen und theologischen Auseinandersetzung bei. Viele dieser Personen sind auf der Tagung anwesend, worin auch deutlich wird, wie klein der Expert*innenkreis noch ist, der sich aber stetig vergrößert.

Die Lektüre dieser unterschiedlichen rassismuskritischen Perspektiven eröffnet mindestens drei Säulen, in denen theologisch weitergearbeitet werden muss. 

1. Theologien von BI_PoC im deutschsprachigen Kontext
2. Kritisches Weißsein in der Theologie
3. Entwicklung theologischer und ethischer Grundlagen unter Einbezug globaler Verflechtungen in interdisziplinärer Zusammenarbeit – insbesondere auch im Umgang mit rechtsextremen und christlich fundamentalistischen Überzeugungen 

Es ist die Aufgabe der Theologie der Gegenwart, diese Perspektiven in den Blick zu nehmen, zu fördern, um Inhalte zu streiten und klare theologische Haltungen zu finden und in der Praxis zu erproben. So schließe ich mit Worten von Masiiwa Ragies Gunda: »All Christians are, therefore, called upon to take a stand and become more than non-racists. We are called to be anti-racist, anti-xenophobic, and anti-discrimination followers of Christ.«

 

Aus epd Dokumentation 17/26 vom 21. April 2026: 
Rassismuskritische Kirche in der superdiversen Gesellschaft (Tagung der Kammernetzwerk-Gruppe »Rassismus/-kritik« der EKD und der Evangelischen Akademie Hofgeismar, 4. bis 5. Februar 2026)
52 Seiten / 7,30 €

Inhaltsübersicht im Archiv (Gastzugang)
Bestellung der Printausgabe