Kindheitsverletzungen

Dr. Ulrike Haerendel zur Tagungsarbeit der Evangelischen Akademie Tutzing zum Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche:

»Kind, Du bist uns anvertraut«. Im Tauflied bekräftigen wir eine Wahrheit, die ganz einfach ist: Kinder brauchen den Schutz und die Fürsorge von Erwachsenen, um gut aufzuwachsen. In der Vergangenheit, und verstärkt in den Jahren seit 2010, haben wir indes erfahren, dass Erwachsene in der Familie, im Internat oder im Heim, in einer kirchlichen Einrichtung oder im Verein vielfach Kinder »missbraucht« haben. Sie haben in der Tat ihre Rolle als Beschützende und Fürsorgende missbraucht; was sie den Kindern aber angetan haben, ist sexuelle Gewalt.

»Kind, Du bist uns anvertraut«. Unter diesem Titel hat die Evangelische Akademie Tutzing im Januar 2016 eine Tagung zu sexueller Gewalt gegen Kinder durchgeführt und im Oktober 2017 zur gleichen Thematik unter dem Titel »Kindheitsverletzungen«. Die Akademie wollte damit einen Beitrag leisten zur notwendigen gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Zukunft: Hintergründe, Konstellationen und Gelegenheitsstrukturen für sexuelle Gewalt sollten beleuchtet und die wichtigen Zukunftsfragen nach Prävention und Verhinderung weiterer Taten gestellt werden.

Es gelang bei beiden Tagungen, viele Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Feldern und verschiedenen Institutionen mit Menschen, die lernen und in ihren Bereichen das Wissen weitergeben wollen, zusammenzuführen. Dabei kam es auch zu neuen Vernetzungen, Bewusstseinsprozessen und Erkenntnissen, die – so hoffen es die Veranstaltenden – die Aufarbeitung mit befördern können. Dass der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, Mitglieder der bei ihm angesiedelten Unabhängigen Kommission5 und des Betroffenenrats die Tagungen mit Vorträgen und anderen Inputs unterstützt haben, zeigt, dass auch auf Bundesebene solche Foren für den Diskurs und zur Erreichung weiterer gesellschaftlicher Kräfte geschätzt werden. Häufig nämlich, wird noch nicht ausreichend wahrgenommen, dass Politik und Gesellschaft für Aufarbeitung und Prävention Verantwortung tragen, die nicht nur von betroffenen Institutionen und durch die Strafverfolgung Einzelner wahrgenommen werden muss.

Diese Dokumentation schließt an Vorträge und Diskussionsbeiträge vor allem der zweiten Tagung »Kindheitsverletzungen« an, ist aber als eigenständig zu lesende Publikation konzipiert worden. Das heißt, die Beiträge wurden als Aufsätze verfasst und aktualisiert; sie spiegeln neuere politische, kirchenpolitische und juristische Entwicklungen wider und sie stehen pars pro toto für ein jeweiliges Feld: kirchliche oder klösterliche Internate, evangelische Kircheneinrichtungen, Vereine, Internet usw.

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Dr. Ulrike Haerendel, Studienleiterin für Soziales, Familie, Geschlechter- und Generationenfragen und Geschichte an der Evangelischen Akademie Tutzing

Aus epd Dokumentation 32-33/18 vom 7. August 2018:

Kindheitsverletzungen (Beiträge aus der Tagungsarbeit der Evangelischen Akademie Tutzing zum Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche) – 92 Seiten / 6,90 €