Leselust statt Lesefrust
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Kinderbücher in einer Stadtbibliothek
Wie Mentoren Grundschulkinder unterstützen
Kassel, Dortmund (epd).

Als Helga Goebel ein Kind war, hat ihr das Lesen von Büchern „Welten eröffnet“, daran erinnert sie sich noch gut. Die Freude an Geschichten und den Zugang zu Bildung, der ihr selbst viel ermöglicht hat, möchte sie weitergeben: Die ehemalige Gemeindepfarrerin engagiert sich heute ehrenamtlich als Lesementorin an einer Grundschule in Kassel, betreut Jungen und Mädchen in Einzelstunden.

Denn nicht allen Kindern fällt das Lesenlernen leicht: Während einige die Buchstaben schnell zu Wörtern und Sätzen verbinden und Inhalte verstehen, tun sich andere mit Lauten, Buchstaben oder dem Textverständnis schwer. Für den Verein „Mentor - Die Leselernhelfer“ mit Sitz in Köln begleiten Menschen wie Helga Goebel ein Kind mindestens ein Jahr lang und treffen es einmal pro Woche. Es entsteht eine stabile, vertrauensvolle Beziehung, die auf Ermutigung, Lob und Zuwendung setzt.

Es geht um das Entdecken von Geschichten

„Bildung durch Bindung“ nennt der Verein das. Helga Goebel spürt: „Die Kinder bauen Vertrauen auf, lernen in ihrem eigenen Tempo und entwickeln Freude am Lesen.“ Ihr geht es nicht um Leistungssteigerung, sondern um das Entdecken von Geschichten, Gespräche über Texte und um eine positive Lernatmosphäre.

Zu Beginn jeder Stunde sucht Goebel mit dem Kind in der Schulbücherei Bücher aus, die es interessieren. Auch Comics, Zeitungsartikel und digitale Medien kommen zum Einsatz. Wichtig ist Helga Goebel, dass die Kinder Bücher anfassen, darin blättern und Texte mit allen Sinnen erfassen. Danach wird abwechselnd vorgelesen, die Mentorin wirkt als Sprachvorbild. Aber Goebel malt und bastelt auch mit den Kindern, löst Bilderrätsel und spricht mit ihnen über die Geschichten. All das fördert die Sprachentwicklung und das Textverständnis.

Jedes vierte Grundschulkind kann nur schlecht lesen

Die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) von 2021 ergab: Etwa ein Viertel der Viertklässler in Deutschland versteht grundlegende Texte nicht und kann wesentliche Inhalte nicht herausfiltern. Seit 2003 unterstützt „Mentor - Die Leselernhelfer“ bundesweit Kinder und Jugendliche beim Lese- und Spracherwerb. Goebel ist eine von rund 16.000 Ehrenamtlichen, die mehr als 20.000 Schülerinnen und Schüler begleiten.

Entscheidend sei, den Spaß am Lesen zu vermitteln, sagt Schulleiterin Cornelia Schein von der Grundschule Harleshausen in Kassel, an der Helga Goebel aktiv ist. Die Kinder machten die Erfahrung: „Da ist jemand für mich da, der auf mich eingeht.“ Schein hat aber auch beobachtet, dass bei vielen Kindern die Konzentrationsfähigkeit nachlässt: „Sie tun sich zunehmend schwer, sich über längere Zeit auf Aufgaben einzulassen.“

Lücken beim Lesen wirken sich auf alle Schulfächer aus

Huguette Morin-Hauser ist Vorsitzende des Mentor-Bundesverbands. Sie weiß, dass für individuelle Förderung oft die Zeit fehlt, denn Lehrkräfte müssten in den Grundschulen Kindern mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen und Bedürfnissen gleichzeitig gerecht werden. Morin-Hauser warnt: „Frühe Lücken schließen sich nicht von selbst.“ Wer in der Grundschule nicht lesen lerne, habe später in allen Fächern Schwierigkeiten.

Erhebungen in neunten Klassen hätten gezeigt, dass mangelnde oder fehlende Lesekompetenz sich in der Schullaufbahn fortsetze, sagt auch Manuela Hantschel, Vorsitzende des Bundesverbands Leseförderung. Kinder sollten daher so früh wie möglich Lesestrategien erlernen. Dem Engagement Ehrenamtlicher wie Helga Goebel komme dabei eine große Bedeutung zu: Für Kinder sei es entscheidend, jemanden zu haben, „der nicht auf ihre Defizite schaut, sondern sie sieht und wahrnimmt“. Aber die Politik dürfe sich andererseits nicht zu sehr auf Ehrenamtliche verlassen.

Viele Kinder sprechen zu Hause kein Deutsch

Die IGLU-Studie stellt der Bildungspolitik ein schlechtes Zeugnis aus. Die Förderung grundlegender Sprach- und Lesekompetenzen bleibe vielerorts unzureichend, der Ganztag werde dafür zu selten genutzt, kritisieren die Projektleiter, Ramona Lorenz und Ulrich Ludewig vom Institut für Schulentwicklungsforschung der Technischen Universität Dortmund. Zugleich seien die Anforderungen an die Schulen gestiegen, etwa durch mehr Kinder, die zu Hause kein Deutsch sprächen.

Nötig sei „vor allem eine deutlich frühere und systematischere Förderung sprachlicher Voraussetzungen“. Die muss nach Ansicht der Experten schon vor der Schule beginnen: mit einer hochwertigen Sprachförderung in den Kitas beispielsweise und mit verpflichtenden Sprach-Screenings beim Schuleintritt. Viele seit dem Pisa-Schock formulierte Ziele seien bislang nicht umgesetzt worden.

In der Grundschule Harleshausen in Kassel kommt Lesementorin Helga Goebel auch in Zukunft Woche für Woche zu „ihren“ Lesekindern - und macht sich mit ihnen auf die Entdeckungsreise in die Welt der Bücher und Geschichten.

Von Helga Kristina Kothe (epd)