Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, kritisiert Äußerungen des Suhler AfD-Landtagsabgeordneten Thomas Luhn zur jüdischen Unternehmerfamilie Simson. Luhns Formulierung bediene das antisemitische Klischee vom reichen Juden und blende Verfolgung, Enteignung und Ermordung der jüdischen Familie Simson während der NS-Zeit aus, kritisierte Schramm im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd): „Ich habe Luhn in einem Schreiben an die AfD-Fraktion im Thüringer Landtag aufgefordert, sich mit der Geschichte der Familie und der jüdischen Geschichte Thüringens auseinanderzusetzen.“
Luhn hatte Anfang Juni gefordert: „Die Simson gehört nach Suhl - und nicht in den Aktenkoffer eines New Yorker Investmentbankers.“ Damit wandte er sich gegen die heutige Verwaltung der Markenrechte und forderte eine stärkere Rückbindung der Traditionsmarke an den früheren Produktionsstandort Suhl. Die Nachfahren der Familie hatten zuvor die Nutzung des Namens Simson durch die AfD kritisiert.
Warnung vor dem Erstarken eines völkischen Nationalismus
Schramm verbindet seine Kritik mit einer Warnung vor einem Wiedererstarken des völkischen Nationalismus in Deutschland. „Anlass dafür war auch eine Erinnerung an meinen Freund Gerhard Wolfson aus Weißenfels, der als Jugendlicher das Konzentrationslager Theresienstadt überlebte“, sagte der 82-Jährige. Wolfson habe schon 1988 vorhergesagt, dass der Antisemitismus in der Welt wieder erstarken könnte. Erst der Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge im Jahr 2000 habe ihm gezeigt, dass die Sorge seines Freundes begründet gewesen sei, sagte Schramm.
Heute sieht Schramm die Demokratie erneut gefährdet. In seinem Schreiben an die AfD habe er seiner Bestürzung darüber Ausdruck verliehen, inwieweit diese Partei gerade in Mitteldeutschland völkisch-nationalistisches Denken verbreite, die Verbrechen des Nationalsozialismus relativiere und die deutsche Erinnerungskultur infrage stelle. „Besonders der von Björn Höcke geprägte Teil der Partei steht für eine rechtsextreme Entwicklung“, sagte Schramm. Die politische Mitte müsse der AfD entschlossen widersprechen und dürfe sich ihr nicht annähern. Die Zeit bis zu den bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin sollten dafür Zeichen setzen.
Klischee vom „reichen Juden“
Schramm lud den AfD-Abgeordneten Luhn und die AfD in die Erfurter Synagoge ein. „Besuchen Sie doch die Mitglieder unserer Gemeinde und unsere bescheidene Synagoge, um sich zumindest für das Klischee vom reichen Juden zu entschuldigen“, forderte Schramm.