Soziales
Organspendeausweis
© epd-bild / Annette Zoepf
Zwischen Hoffnung und Verzweiflung
Mehr als 10.000 Kranke warten in Deutschland auf ein lebensrettendes Organ
Frankfurt a.M., Leipzig (epd). Seit über drei Jahren wartet Yildiz aus Frankfurt am Main auf eine Niere. Bis zu neun Jahren kann es dauern, wenn es überhaupt klappt, erzählt die 42-jährige erstaunlich optimistisch. Die gebürtige Türkin hat seit ihrer Kindheit Probleme mit ihrer Niere. Ständig hatte sie Blasenentzündungen, ständig musste sie ins Krankenhaus.

Zwar haben in Deutschland immer mehr Menschen einen Organspendeausweis, wie das Bundesgesundheitsministerium diese Woche mitteilte. Trotzdem hat die Zahl der tatsächlichen Organspender einen Tiefpunkt erreicht. 2017 gab es nach Angaben der Deutschen Stiftung Organspende (DSO) nur noch 797 Spender - noch einmal 60 weniger als im Vorjahr. Das war der niedrigste Stand seit 20 Jahren.

Auch an diesem Tag geht es für Yildiz wieder zur Untersuchung ins Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation im Frankfurter Ostend. Das Blutreinigungsverfahren ist eine der Behandlungsmöglichkeiten bei akutem Nierenversagen. Dreimal die Woche für jeweils vier Stunden kommt die junge Frau hier her. Einen Beruf hat Yildiz zurzeit nicht. Das wäre kaum möglich. Auch an den Tagen zwischen den Behandlungen fühlt sie sich schlapp und erschöpft.

Den Platz auf der Warteliste betrachtet Yildiz nüchtern als Wartezeit. Tage der Angst und Verzweiflung gibt es trotzdem. "Natürlich habe ich mich auch schon gefragt, warum ist mir das passiert? Dann versuche ich mich aber selbst zu motivieren und weiter zu machen", erzählt die Frankfurterin. Kraft geben ihr Familie und Freunde. Traurig machen sie die Medienberichte, die immer wieder den Rückgang der Organspendezahlen aufgreifen. Ein wenig Verständnis hat sie trotzdem: "Ich hab mich ja vorher auch nie mit dem Thema beschäftigt. Erst wenn es dich oder jemanden in deinem Umkreis trifft, fängst du an nachzudenken."

Genau hier setzt die Arbeit der Deutschen Stiftung Organtransplantation an. Es gehe nicht in erster Linie darum, dass die Menschen "Ja" zur Organspende sagen, sagt der Medizinische Vorstand Axel Rahmel. Vielmehr sollte man die Menschen möglichst früh "anstupsen". Schon junge Menschen sollten mit ihren Angehörigen über das Thema sprechen. Auch das Denken und Handeln in den Kliniken müsse sich ändern, erklärt der Mediziner. Die Frage nach einer Organspende müsse auch dort zur Selbstverständlichkeit werden. Wenn Angehörige nicht wüssten, was der Verstorbene zu Lebzeiten wollte, würden sich gut die Hälfte von ihnen im Zweifelsfall gegen eine Organentnahme entscheiden.

Kevin Kerrutt hatte Glück. Der 26-Jährige hat seit etwa zwei Jahren ein neues Herz. Er musste sechs Jahre auf die Transplantation warten. Heute kann der werdende Papa ein fast unbeschwertes Leben führen. Nur auf Keime muss der sportbegeisterte junge Mann besonders aufpassen. "Bei einer Infektion würde sich das geschwächte Immunsystem bemerkbar machen und sofort signalisieren: Hier stimmt etwas nicht, das ist nicht mein Herz."

Vieles habe sich durch die Krankheit geändert, erzählt Kevin. Er genieße nun jeden Augenblick, freue sich über die Sonne und sehe über vieles hinweg. "Ich rege mich nicht mehr über eine lange Schlange an der Kasse im Supermarkt auf." Seinem Spender hat er einen Dankesbrief geschrieben, darin heißt es: "An dem Punkt, an dem deine Zeit endet, beginnt meine zweite Chance."

Auch Yildiz hofft auf ihre Chance. "Ich warte einfach ab, was auf mich zukommt." Sie hofft, dass sich auch gesunde Menschen der Angst vor dem Unbekannten stellen und sich mit der Möglichkeit einer Organspende auseinandersetzen.

Von Carina Dobra (epd)