Soziales
Vlad Voiculescu
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"Worauf es ankommt"
Die junge Zivilgesellschaft in Rumänien
Bukarest (epd). Der Wirtschaftswissenschaftler und Gründer mehrerer Hilfsorganisationen, Vlad Voiculescu, hat alles, was die westlich orientierte Elite in Rumänien ausmacht. Er verfügt über eine erstklassige Ausbildung, spricht mehrere Sprachen fließend, denkt und handelt in Lichtgeschwindigkeit, besitzt Humor und Mitgefühl - und will sein Land verändern.

2020 will der 35-Jährige mit seiner neuen Partei "Rumänien Gemeinsam" zur Bürgermeisterwahl in der Hauptstadt Bukarest antreten. Das Land wird von der den Sozialdemokraten regiert, einem Sammelbecken der alten Nomenklatura, von Nationalisten und Wirtschaftsvertretern unter dem Vorsitz von Liviu Draegna, der im Juni wegen Amtsmissbrauchs zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt worden ist.

In Bukarest häufen sich die Proteste gegen die Regierung, die durch Gesetzesänderungen und Druck auf die Ermittlungsbehörden versucht, die Verfolgung von Korruption und Amtsmissbrauch zu unterbinden. Im August schlossen sich den Straßenprotesten auch die Auslands-Rumänen an.

Das Land ist tief gespalten: Fast die Hälfte der Bevölkerung lebt weiterhin in Armut, während sich die alten Eliten weiter bereichern. Das durchschnittliche Haushaltseinkommen liegt bei 800 Euro im Monat. Selbst Ärzte haben häufig zwei Jobs, um ihre Familien durchzubringen. Die Abwanderung qualifizierter Fachkräfte ist neben der grassierenden Korruption eines der größten Probleme des Landes.

Seit dem Sturz der Ceausescu-Diktatur, sagt Voiculescu, "haben wir vier Millionen Menschen verloren. Das ist - abgesehen von den syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen - die größte Emigration". Er selbst ist nach mehr als 15 Jahren im Ausland zurückgekommen. Er hat seinen Job bei einer Wiener Bank gekündigt und die Hilfsorganisation "Magicamp" für krebskranke Kinder gegründet.

Zuvor hatte er lebensnotwendige Medikamente für Krebspatienten ins Land gebracht und sie mit der Hilfe Freiwilliger verteilt. Das Gesundheitswesen in Rumänien sei eine Schande, sagt er. Er wurde ein "Health-Aktivist". Er sammelte Spenden, kaufte in seinem Heimatdorf Land und ließ darauf einen hellen Neubau errichten, in dem anfangs 30 und in diesem Jahr bereits 320 krebskranke Kinder kostenlos Ferien machen konnten, betreut von Ärzten, Pflegekräften, Angestellten und Freiwilligen. Von diesen Ferien träumten manche Kinder das ganze Jahr, sagt Voiculescu. Ihre Familien verarmen rasant. Die Behandlung frisst alle Reserven auf: Urlaub ist nicht mehr drin.

Voiculescus nächstes Projekt sind Unterkünfte für Eltern in unmittelbarer Nähe zu den Kliniken, in denen sie ihre schwerkranken Kinder betreuen. Mit der aufsehenerregenden Kampagne "MagicHome" wurden bis heute umgerechnet 1,5 Millionen Euro gesammelt. Fast ausschließlich mit Spenden arbeiten auch andere Nichtregierungsorganisationen. Eine der ältesten ist die katholische Hilfsorganisation Concordia. Sie nahm sich nach dem Sturz Ceaucescus der Straßenkinder an, deren Elend damals ganz Europa erschütterte. Heute ist sie sehr erfolgreich - aber ohne nennenswerte staatliche Unterstützung - in der Kinder- und Jugendhilfe tätig.

Zivilgesellschaftliche Akteure springen ein, wo die staatlichen Institutionen versagen. Das sieht auch der deutsche Botschafter in Bukarest, Cord Meier-Klodt, so. Gesellschaft und Politik bewegten sich weiter auseinander, die Opposition sei zersplittert, warnt er. Für die demokratische Entwicklung in Rumänien spiele daher die "lebendige Zivilgesellschaft" eine zentrale Rolle.

Vlad Voiculescu sieht seine Hilfsprojekte auch als eine Übung in gesellschaftlichem Zusammenhalt: "Die einen können etwas für die anderen tun", sagt er. Die erste erfolgreiche Generation nach dem Ende der Diktatur habe sich ausschließlich um ihr eigenes Fortkommen gekümmert. Doch inzwischen gebe es "Hunderttausende von Leuten, die darüber nachdenken, worauf es wirklich ankommt", sagt er: "Wir haben 40.000 Ärzte in Rumänien und 20.000, die im Ausland arbeiten. Schon 500, die zurückkommen, können hier viel verändern."

Von Bettina Markmeyer (epd)