Entwicklung
Mnyaka Sururu Mboro aus Tansania, im Hintergrund ein Foto von Chief Mangi Meli.
© epd-bild / Jürgen Blume
Wer hat den Kopf von Mangi Meli?
Frankfurt a.M./Berlin (epd). Als kleines Kind lauschte Mnyaka Sururu Mboro den Geschichten seiner Oma. In ihrer Hütte am Fuße des Kilimandscharos erzählte die Tansanierin dem Kleinen von seinem Chagga-Volk - und vom Widerstandsführer Mangi Meli, der seinen Kampf gegen die deutschen Kolonialherren einst mit dem Leben bezahlte. Als Mboro 27 war, bekam er ein Stipendium in just dem Land, das nach Überzeugung der Hinterbliebenen Mangi Meli im Jahr 1900 hinrichten ließ. Und nicht nur das: Auch seinen Kopf hätten die Deutschen abgetrennt und verschleppt. Nur mit einem Versprechen ließ die Großmutter Mboro ziehen: dass er das Haupt Melis zurückbringen würde.

Die Großmutter habe die Nachbarn zusammengerufen und gejubelt: "Er geht nach Deutschland, er bringt den Kopf von Mangi Meli zurück", erinnert sich Mboro. "Dabei hat sie mich angeschaut und gewartet, dass ich 'Ja' sage." Ein Jahr später, 1979, starb die alte Frau. "Bis dahin war ich noch überhaupt nicht weit gekommen mit der Suche", sagt Mboro. Doch das Versprechen spornte ihn weiter an.

Viele Tausende Schädel und Gebeine brachten die deutschen Kolonialisten aus ihren Überseegebieten mit nach Hause - unter anderem auch, um Menschen zu vermessen und Völker zu kategorisieren. So ließ sich etwa der Arzt und Anthropologe Felix von Luschan (1854-1924) für seine Forschungen Köpfe aus aller Welt nach Berlin schicken. Seine Sammlung wuchs nach Angaben der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) auf etwa 6.300 Schädel an, darunter archäologische Funde, aber eben auch viele Gebeine aus den deutschen Kolonien.

Ein Großteil der Luschan-Sammlung befindet sich heute im Besitz der SPK - und die forscht mit Hilfe von Drittmitteln gerade intensiv nach der Herkunft von rund 1.000 Schädeln. Diese sollen aus Ostafrika stammen, gut 200 davon aus dem Gebiet des heutigen Tansanias.

"Wir haben hin und her gesucht, ohne Erfolg", sagt Mboro, der inzwischen seit langem in Berlin lebt. "Doch jetzt gibt es wieder Hoffnung." Kürzlich habe die SPK sechs Schädel ausgemacht, die aus seiner Region am Kilimandscharo und aus der Zeit Melis stammen, erklärt der 67-Jährige. Und, was die Suche noch weiter beflügelt: Ein Enkel von Mangi Meli, der 87 Jahre alte Isaria Meli, kam nach Berlin und gab eine DNA-Probe ab. Damit könnte eine Zuordnung zweifelsfrei erfolgen. Jetzt heißt es warten. Ein Ergebnis wird nächstes Jahr erwartet.

"In den uns zur Verfügung stehenden Dokumenten gibt es keine namentliche Erwähnung Mangi Melis, die darauf hindeutet, sein Schädel befände sich in der Sammlung", heißt es bei der SPK. Klarheit könne tatsächlich nur die DNA-Analyse bringen. Und wenn die Knochen des Chagga-Chefs wirklich dabei sind? "Es ist klar, dass dieser Schädel nicht in Berlin bleiben sollte, wenn er gefunden wird", betont Sprecherin Birgit Jöbstl. "Aus unserer Sicht ist eine Rückgabe die einzige sinnvolle Möglichkeit."

Eine Rückgabe sei auf jeden Fall geboten, wenn sicher sei, wo die Gebeine herkämen und der Erwerb "rechtlich oder ethisch Unrecht" gewesen sei, sagt auch Wiebke Ahrndt vom Bremer Übersee-Museum. Sie ist Leiterin der Arbeitsgruppe "Human Remains" (dt.: menschliche Überreste) des Deutschen Museumsbundes und federführende Herausgeberin der "Empfehlungen zum Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen".

Gehe es um menschliche Gebeine, sollten die Museen höchste Sensibilität walten lassen, unterstreicht Ahrndt: "Es muss klar sein, dass es nicht allein um wissenschaftliche Forschung geht, dass auf der Waagschale auch andere Dinge liegen: berechtigte Familieninteressen, religiöse Vorstellungen, politische Verflechtungen und anderes mehr."

Vor einer Rückgabe müsse allerdings wirklich erwiesen sein, woher die Überreste stammen. Im ehemaligen Deutsch-Neuguinea etwa gebe es die Überzeugung, dass in Schädeln so viel Kraft wohne, dass Angehörige anderer Clans diese gar nicht berühren dürften, weil sie sonst Schaden nähmen.

Inwiefern es sich um unrechtmäßigen Erwerb handele - die Experten sprechen von "Unrechtskontext" -, das ist laut Ahrndt im Einzelfall zu ermessen. Wichtig sei aber auf jeden Fall, welche Bedeutung die "Human Remains" für die Nachfahren und die Herkunftsgesellschaft haben.

Im Falle der Berliner Sammlung betont die Stiftung Preußischer Kulturbesitz: Unrechtskontext sei in Bezug auf "koloniale Human Remains" kein Entscheidungskriterium. Diese würden, wenn die Herkunftsländer das wünschen, zurückgegeben.

Mnyaka Sururu Mboro wehrt sich indes mit dem kleinen Verein "Berlin Postkolonial", den er vor rund zehn Jahren mitgründete, gegen die zumindest früher vertretene Ansicht, dass menschliche Gebeine zu Kolonialzeiten auch anders als unrechtmäßig nach Deutschland gekommen sein könnten. "Als mir gesagt wurde, dass die Forschung erst klären müsse, ob die mehreren Hundert Gebeine aus Tansania illegal nach Deutschland gelangt wären, bin ich fast umgefallen", sagt Mboro. Sein Mitstreiter Christian Kopp von "Berlin Postkolonial" spricht von Zynismus.

Mangi Meli muss zurück in den Norden Tansanias, das steht für Mboro nicht zur Debatte. "Die Vorstellung, dass unsere Vorfahren irgendwo in einer Kartonschachtel liegen könnten, ist für mich und meine Landsleute unerträglich", sagt er. Stattdessen sollen die Gebeine an einer Gedenkstätte beigesetzt werden, an dem Ort, an dem der Chagga-Führer nach Berichten der Vorfahren vor mehr als 100 Jahren gehängt wurde. "Der Baum steht noch", sagt Mboro.

So lange das nicht geschehen sei, leide das Volk: Noch immer werde das Fehlen der Gebeine für Unglück verantwortlich gemacht, sagt Mboro. "Wenn es nicht rechtzeitig regnet, wenn die Cholera grassiert, dann heißt es: Das ist, weil wir Mangi Meli noch nicht beerdigt haben."

Und wenn der Schädel nicht in Berlin identifiziert wird? "Dann geht die Suche weiter", sagt Mboro. "Dass der Kopf gefunden wird und auch alle anderen Häupter der Chagga an den Kilimandscharo zurückkehren, ist für uns immens wichtig. Erst dann werden wir unseren Frieden finden."

Von Silvia Vogt (epd)