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"Welt" prüft Relotius-Artikel: Bestatter in Mexiko existiert nicht
Berlin (epd). Auch die Tageszeitung "Die Welt" hat die Berichte ihres Autors Claas Relotius überprüft, der als "Spiegel"-Reporter in den vergangenen Jahren Artikel gefälscht und teilweise erfunden hat. Sechs Beiträge von Relotius seien in der Zeit von 2010 bis 2014 in der "Welt" erschienen, berichtete die Zeitung des Springer-Verlags am 1. Februar: In vier Texten fänden sich keine Hinweise auf Fälschungen, in einem blieben Zweifel, die nicht hätten ausgeräumt werden können, und in einer Geschichte gebe es Grund zur Annahme, dass der Protagonist so nicht existiert hat.

Am problematischsten sei das Porträt eines Bestatters in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez, José Alvarez, der vom Drogenkrieg und seinen Leichen profitiert haben soll und dessen Arbeit detailliert geschildert wird, schreibt die "Welt". Keine der in der Reportage genannten Personen aus Ciudad Juárez habe verifiziert werden können. Nach Auskunft der dortigen Stadtverwaltung existiere ein Bestattungsinstitut namens Alvarez nicht.

Bei einer Reportage über die größte Mülldeponie Lateinamerikas nahe Mexiko-Stadt habe man nicht herausfinden können, ob der Autor dort wirklich recherchiert habe, heißt es weiter in dem Blatt. Auch seien nur mit Vornamen genannte Personen und Dialoge nicht mehr verifizierbar gewesen. Bei einer weiteren Reportage, einer Filmkritik und zwei Interviews hätten sich indes keine Anhaltspunkte gefunden, die Echtheit in Zweifel zu ziehen.

Laut "Welt" hatte Relotius der Zeitung gegenüber zunächst per SMS beteuert, sauber gearbeitet zu haben. Auf Nachfrage habe er später zunächst noch reagiert, dann aber nicht mehr geantwortet. Da Relotius seine Recherchereisen unabhängig von der "Welt" unternommen habe, habe ihn kein Fotograf begleitet, den man heute befragen könnte, und es gebe auch keine Spesenquittungen, erklärte die "Welt". Also sei nicht mit letzter Sicherheit festzustellen, ob Relotius an entsprechende Orte gereist sei.

Die unverdächtigen Texte wurden den Angaben zufolge wieder online publiziert, nachdem zuvor alle Relotius-Artikel gesperrt waren.

Der vielfach ausgezeichnete Journalist Relotius, der für verschiedene Zeitungen schrieb, hat auch zahlreiche für den "Spiegel" verfasste Reportagen gefälscht, manipuliert oder teils erfunden. Der "Spiegel" hatte den Betrugsfall im eigenen Haus im Dezember aufgedeckt. Die Ergebnisse der Überprüfung dort sind auf "Spiegel Online" nachzulesen.