Entwicklung
Sitina Tesfaye will Elektrikerin werden.
© epd-bild / Marc Engelhardt
Starke Jobs für starke Frauen in Äthiopien
Eine Hochschule bildet Mechanikerinnen und Elektrikerinnen aus
Addis Abeba (epd). Sitina Tesfaye nimmt die Kombizange, zieht die Isolierung vom Kabel ab und schließt mit dem bloßen Kupferdraht den Stromkreis. Dann legt die Äthiopierin den Schalter um. Der Strom fließt, sie lächelt. "An der staatlichen Universität, wo ich vorher war, saßen wir nur im Hörsaal", sagt die 19-Jährige. "Aber hier kann ich ganz praktisch ausprobieren, was ich gelernt habe, das ist viel besser." Tesfaye studiert im zweiten Jahr an der Agrotechnischen und Technologischen Hochschule von Harar, kurz ATTC. Noch einmal zwei Jahre, und sie wird ausgebildete Elektrikerin sein - auch in Äthiopien ein Männerberuf.

"Aber das ändert sich jetzt, Frauen bekommen mehr Macht im Land", freut sich Sitina Tesfaye. "Das ist gut für uns junge Frauen, und es motiviert mich ganz persönlich." Äthiopien ist im Umbruch. Seit einem Dreivierteljahr fegt ein frischer Wind alte Gewissheiten hinweg. Sein Name: Abiy Ahmed, im April von der Einheitspartei zum neuen Regierungschef gekürt. Seitdem hat er Geschichte geschrieben und erstmals einer Frau ins Präsidentenamt verholfen, Sahle-Work Zewde. Zudem besteht die Hälfte des Kabinetts aus Frauen. Die zehn Ministerinnen führen einflussreiche Ressorts wie Verteidigung und Handel. Auch an der Spitze des obersten Gerichtshofs und der Wahlbehörde stehen Frauen.

Und so überrascht kaum, dass die angehende Elektrikerin Sitina Tesfaye an ihre Zukunft in einem äthiopischen Unternehmen glaubt: "Wenn man hart arbeitet, dann hat man es als Frau nicht schwerer als ein Mann." Ihr Lehrer Ethirajulu Jayarai nickt. "Unsere Absolventen haben es leicht, eine Anstellung zu finden, Frauen wie Männer - manche arbeiten für Mittelständler, manche für Großbetriebe wie Ethiopian Airlines." Viele Studierende am ATTC unterschreiben ihre Verträge schon vor dem Abschluss. "Wir unterrichten Grundlagen der Elektronik für den lokalen Bedarf - nicht Robotik oder so was, was man nur im Ausland brauchen würde."

Viel Praxis, flankiert durch Theorie: Das ist das Konzept der Hochschule, die 1992 von dem ehemaligen Schauspieler Karl-Heinz Böhm eröffnet wurde. Die von ihm gegründete Stiftung "Menschen für Menschen" trägt die ATTC bis heute. Mehr als 750 Studierende lernen Elektronik, Fertigungstechnik, Mechanik oder Landwirtschaft. Mehr als 200 von ihnen sind Frauen wie Besait Fikadu, die in einem verschmierten Overall den Motor eines Toyota Corolla zerlegt. "Ich wollte immer mit Autos arbeiten, und ich bin sicher, einen Job zu bekommen", strahlt sie. Ihre Eltern auf dem Land haben nur einen Ochsenkarren. Fikadus Traum ist: "Ein eigenes Auto, ein Toyota."

Doch gerade auf dem Land sind traditionelle Rollenbilder noch fest verwurzelt. Erst langsam setzt sich durch, dass Frauen nicht nur Familie, sondern auch Arbeit wollen und damit Eigenständigkeit und Selbstbestimmung etwa bei der Familienplanung. "Ich bin glücklich, wenn ich mich in meinem Beruf verwirklichen kann", sagt Besait Fikadu. "Meine Eltern waren Bauern, aber alle meine Schwestern haben studiert." Eine Jobgarantie bedeutet das nicht. 30 Millionen junge Äthiopier sind trotz Hochschulstudium arbeitslos. Viele kehren dann auf die Farm der Eltern zurück, junge Frauen kümmern sich um die Familie.

Ruhama Abdisa stammt aus Ambo, einer Stadt, in der frustrierte junge Männer vor zwei Jahren damit begonnen haben, auf die Straße zu gehen. "Wegen der Unruhen habe ich meinen Abschluss nicht machen können, es war eine schwere Zeit", sagt die junge Frau, die an der ATTC Öko-Landwirtschaft studiert. "Jetzt sind die Forderungen der Studenten in Ambo ja erst einmal erfüllt, und ich hoffe, dass die nächste Generation nicht die gleichen Probleme bekommt."

Eine praxisorientierte Ausbildung könnte der Schlüssel für eine bessere Zukunft sein. Das glaubt auch Tolla Nega, der Kanzler der Hochschule. "Die Wirtschaft boomt, was Äthiopien fehlt, sind qualifizierte Arbeiter." Das Interesse an der ATTC ist riesig: 900 junge Männer und Frauen bewarben sich im vergangenen Jahr auf 250 Studienplätze. Nega hätte gerne mehr akzeptiert. Doch weil "Menschen für Menschen" den Betrieb allein aus Spenden finanziert, ist die Kapazität begrenzt.

Toyba Ibrahim fräst an einer Maschine ein Zahnrad, das sie später in eine Bohrmaschine einpassen wird. Die 22-Jährige schaut konzentriert, bevor sie einer Kommilitonin das Werkstück überreicht. "Unsere Mütter und Großmütter haben früher wirklich gelitten, Gleichbehandlung war ein Fremdwort", sagt sie. "Aber gerade nach den jüngsten Veränderungen hoffe ich, dass wir künftig genauso behandelt werden wie Männer."

Von Marc Engelhardt (epd)