Entwicklung
Unterricht in einer Schule in Ndjili, einem Stadteil von Kinshasa, in der Demokratischen Republik Kongo
© epd-bild / Thomas Einberger
Schulen als Schlachtfeld
Brüssel (epd). Gesprengte Schulen, vom Kugelhagel durchlöcherte Universitäten: Immer häufiger werden Bildungseinrichtungen in bewaffneten Konflikten angegriffen. Dabei sind Schüler und Lehrer oftmals nicht zufällige Opfer, sondern werden von Terrorgruppen und Milizen gezielt als Angriffsziele ausgewählt. Und auch staatliche Truppen sind mancherorts wenig zimperlich. Von 2013 bis 2017 wurden mehr als 12.700 Angriffe auf Bildungseinrichtungen gezählt, wie aus dem Bericht "Education under Attack" (Bildung unter Beschuss) von einem Bündnis aus zahlreichen Organisationen hervorgeht. Mindestens 21.000 Schülerinnen und Schüler und Lehrerinnen und Lehrer in 70 Ländern wurden demnach bei den Angriffen verletzt oder getötet.

Dass Schulen immer häufiger angegriffen werden, habe verschiedene Ursachen, erklärte Amy Kapit von der "Globalen Koalition zum Schutz von Bildung vor Angriffen", die den Bericht veröffentlichte. Ein Grund sei die Ausbreitung des Terrorismus: "Terrorgruppen wollen aus ideologischen Gründen vor allem Mädchen daran hindern, zur Schule zu gehen." Deshalb entführten Islamisten wie Boko Haram in Westafrika und die Taliban in Afghanistan gezielt Schülerinnen.

Eine weitere Ursache sieht Kapit in der wachsenden Bereitschaft westlicher Staaten zu Luftangriffen. Dabei würden auch zivile Opfer in Kauf genommen. Die Luftangriffe auf Städte im Jemen beispielsweise hätten dramatische Folgen für die Zivilbevölkerung und träfen regelmäßig auch Schulgebäude. Als dritten Grund nennt Kapit die gewaltsame Unterdrückung von Demonstrationen. "In Ländern wie Syrien finden Proteste vor allem an Universitäten statt, die Opferzahl unter Studenten ist deshalb besonders hoch."

Diese Entwicklung sei keine Häufung von Einzelfällen, sondern ein Muster, sagt Sandie Blanchet vom Kinderhilfswerk Unicef. "Schulen sind in vielen Ländern zu Orten der Angst geworden." In den vergangenen Jahren sei in der internationalen Gemeinschaft die Erkenntnis gewachsen, dass Bildung auch in Kriegen weitergehen muss, um keine "verlorenen Generationen" von Analphabeten entstehen zu lassen. "Nun müssen wir dafür sorgen, dass Schulen auch sicher sind", sagt Blanchet.

2015 haben mehrere Hilfsorganisationen gemeinsam mit den Regierungen von Norwegen und Argentinien die Erklärung zum Schutz von Schulen in bewaffneten Konflikten (Safe Schools Declaration) entwickelt - eine nicht-bindende politische Erklärung und dazugehörige militärische Richtlinien. Die Unterzeichner-Staaten versprechen darin zum Beispiel, bei Kriegshandlungen besondere Vorsicht gegenüber Bildungseinrichtungen walten zu lassen und Schulgebäude nicht - wie in vielen Fällen in der Ost-Ukraine - zu Kasernen umzufunktionieren.

Bisher haben 75 Staaten die Erklärung unterzeichnet, Deutschland hat sich Ende Mai angeschlossen. "Mehr Schutz für Schulen bedeutet mehr Schutz für Kinder", erklärte die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Bärbel Kofler. "Wenn Kindern aufgrund bewaffneter Konflikte der Zugang zu Bildung verwehrt bleibt, kann dies ganzen Generationen nachhaltig schaden - die Folgen von Konflikten wirken auf diese Weise noch lange nach."

Das Land, in dem 2016 und 2017 laut Bericht die meisten direkten oder indirekten Angriffe auf Schulen gezählt wurden, ist die Demokratische Republik Kongo. In drei blutigen Konflikten innerhalb des zentralafrikanischen Staates gab es mehr als 1.000 Attacken auf Bildungseinrichtungen. Das Land hat die Vereinbarung für sichere Schulen ebenso unterzeichnet wie Nigeria und der Jemen, wo die Organisationen der Bildungskoalition ebenfalls mehr als 1.000 Angriffe zählten. Auch im Konflikt zwischen Israel und Palästina wurden Schulen mehr als 1.000 Mal attackiert. Palästina unterstützt die Sichere-Schulen-Initiative, Israel nicht.

Die Staaten müssten Verstöße gegen die Vereinbarung systematisch ahnden und die Verantwortlichen bestrafen, fordern die Autoren des Berichts. Doch angesichts der unrühmlichen Rolle von staatlichen Sicherheitskräften in zahlreichen Konflikten wie dem in der Kasai-Region im Kongo, bei der Bekämpfung der Terrororganisation Boko Haram in Nigeria oder der Regierungstruppen im Krieg im Jemen, wird die Zahl der getöteten Schüler, Studenten und Lehrer eher nicht sinken.

Von Benjamin Dürr (epd)