Soziales
Klaus ließ sich bei den Barber Angels seinen Bart stutzen.
© epd-bild / Heike Lyding
Rocker-Engel mit Scherenhänden
"Barber Angels" schneiden Bedürftigen kostenlos die Haare
Frankfurt a.M. (epd). Lange rotbraune Haare liegen auf dem grauen PVC-Fußboden der integrativen Drogenhilfe "Eastside" im Frankfurter Ostend. Mit frisch geföhntem Bob, das Gesicht dezent geschminkt, lächelt sich die 47-jährige Tanja im Spiegel an: "Da muss ich mich erst mal dran gewöhnen", sagt sie verlegen. Seit 17 Jahren war sie nicht mehr beim Friseur. Die schlanke, große Frau lebt gemeinsam mit ihrem Mann Horst seit vier Monaten im "Eastside". Ihre Wohnung mussten sie verlassen, beide sind drogensüchtig.

An diesem Tag sind im "Eastside" die "Barber Angels" (engl. "Friseur-Engel") zu Gast: Friseure, die ehrenamtlich bedürftigen Menschen Haare und Bärte schneiden. Angefangen hatte alles mit zehn Engagierten, mittlerweile gehören mehr als 250 Friseurinnen und Friseuren zum Verein "Barber Angels Brotherhood". Innerhalb eines Jahres haben sie nach eigenen Angaben bei mehr als 150 Einsätzen in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz fast 15.000 Menschen einen neuen Schnitt verpasst.

Visagistin Nicole sorgt im "Eastside" noch für ein passendes Make-up. Zufrieden schaut sie auf Tanjas Gesicht, ihr Werk gefällt ihr. Noch ein Selfie mit der Kundin und schon sitzt die nächste Dame auf dem Stuhl der Limburgerin, die heute extra nach Frankfurt gekommen ist. Die Frau möchte wie viele andere Gäste nicht fotografiert werden. Zu groß ist die Scham. Doch die "Barber Angels" behandeln alle mit Respekt, machen sie schön zurecht. "Wir wollen den Leuten ein Stück Würde zurückgeben", betont Evren Esmer, Chefin der Region Südhessen.

Die Atmosphäre ähnelt dem Treffen einer Rocker-Gang. Im Hintergrund hämmern Rock-Bässe durch den karg eingerichteten Raum, alle "Barber Angels" tragen lässige Lederkluft. "Das soll die Abschreckung nehmen", erklärt Evren. Es gehe darum, den Gästen auf Augenhöhe zu begegnen. Alle duzen sich. "Ich bin eh Rocker", lacht die gebürtige Frankfurterin und rückt sich stolz ihre Leder-Weste mit den bunten Aufnähern zurecht. Die Kleidung erhalten die Mitglieder im internen Online-Shop.

Evren betreibt in der Frankfurter Innenstadt einen eigenen Salon. Ihr ganzes Team hat sich den "Barber Angels" angeschlossen. Geld bekommen die Friseurinnen und Stylisten für ihren Einsatz nicht. "Im Gegenteil", fügt Evren hinzu. "Viele sind heute extra nach Frankfurt gereist und müssen die Fahrt und das Hotel selber bezahlen."

Ihr Engagement wird dennoch belohnt: Die Gäste seien viel dankbarer als im Laden, erzählt Barber-Lady Angela. "So einen Lohn gibt dir kein zahlender Kunde im Salon", sagt sie, während sie die Haarsträhne einer Blondine zwischen ihren Fingern hochzieht und die Schere ansetzt.

Inzwischen unterstützten viele Sponsoren die Einsätze des Vereins mit Shampoo, Haarspray und Kosmetikartikeln. Bei den Scheren schwört die Saloninhaberin aus Groß-Gerau aber auf ihr eigenes Equipment. 2.000 Euro hat sie für die beiden kleinen Scheren bezahlt, die sie an einem breiten Lederband um ihren Arm trägt. Unter dem Band ragen ihre Tattoos hervor: Sterne, Tribals und eine Schere. Auf den anderen Unterarm hat sie die Worte "Is mir egal" tätowieren lassen.

Vor zwei Jahren gründete Friseurmeister Claus Niedermaier aus dem baden-württembergischen Biberach den Club "Barber Angels", der seit November vergangenen Jahres als Verein eingetragen ist. Die Organisation läuft über die sozialen Netzwerke wie Facebook. Jeder aus der Branche kann Mitglied werden. Der Clubbeitrag kostet monatlich 15 Euro.

Während bei Tanja die Haare fielen, dürfen bei Klaus nicht einmal die Spitzen ab, die unter der grauen Wollmütze strähnig hervorblitzen. Nur an Bart und Augenbrauen soll die Friseurin ihre Schere anlegen. Klaus ist erst seit kurzem wieder in Deutschland. Drei Jahre lang verbrachte er in Asien. Dort geriet er an harte Drogen, wie er erzählt. Zurück in Frankfurt landete er im "Eastside" und hält sich mit Minijobs über Wasser.

Nach den ersten Einsätzen, so ist es geplant, sollen sich regionale Leitungen der "Barber Angels" bilden, die sich in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit sozialen Einrichtungen um Haar- und Bartschnitte der bedürftigen Menschen kümmern. "Das ist das Besondere daran", betont der hessische Sozialminister Stefan Grüttner (CDU), der auch in das "Eastside" gekommen ist. Die Aktion sei nachhaltig, sagt er, während im Hintergrund die Föhne laufen.

Mittlerweile hat sich Tanja an ihren neuen Look gewöhnt, greift sich immer wieder ins frisch geschnittene Haar. Was sie heute noch vorhabe, jetzt, da sie so perfekt zurechtgemacht sei, fragt eine der Barber-Angels. "Erst mal einen Kaffee trinken und dann mal sehen. Der Tag ist ja noch lang", antwortet Tanja lachend. Ihre silber-violett geschminkten Augen strahlen.

epd lmw jup

Von Carina Dobra (epd)